Kongresshalle Nürnberg
Allein in Nürnberg, der laut A. Hitler „deutschesten aller deutschen Städte“, konnte nach Auffassung der NSDAP-Ideologie das Germanische, das 1 000-jährige Reich baulich anschaulich gemacht werden. Das sich ab der Machtübernahme 1933 entwickelnde Reichsparteitagsgelände mit seinen Großbausteinen wie Zeppelinfeld und -tribüne, Marsfeld, Luitpoldhalle und -arena, Deutsches Stadion oder Kongresshalle mit Aufmarschachsen und -feldern sollte dem Land (und der Welt) zeigen, dass das Deutsche Anspruch auf ewige Größe habe. Dass man sich dabei (baulich) weniger auf das Germanische bezog als auf das Imperiale des Römischen Reichs … geschenkt. Die für die Ewigkeit gefertigten Bauten aus massiven Granitquadern waren schnöde (römische!) Ziegelbauten, die Quader lediglich dünne, vorgehängte Steinplatten.
80 Jahre nach der Feier des Ewigen bröckelt es sichtbar und Gras will über alles wachsen. Es gab verschiedene Überlegungen, wie mit den Bauten umzugehen sei. Man schwankte zwischen kontrolliertem Verfall hinter Schutzzäunen (Willi Egli), pragmatischer Lagernutzung (Quelle, bis 2006 in der Kongresshalle) bis zur Einrichtung eines Dokumentationszentrums (Günther Domenig, 2001). Das ehemalige Vorfeld der Kongresshalle dient seit 1953 bis heute als Volksfestfeierort mit Fahrgeschäften, Glücksspielbuden und Geisterbahnen. Zur den Frühlings- bzw. Herbstfeiern kommen mehr als 2 Mio. Besucherinnen, denen am Schlusstag ein großartiges Feuerwerk geboten wird. Soviel zum „adäquaten Umgang mit der Kongresshalle und den anderen baulichen Zeugnissen der NS-Zeit“ (Stadt Nürnberg).
Dann die Bewerbung der Stadt als Kulturhauptstadt Europas 2025 (es wurde wunderbarerweise Chemnitz) und in diesem Zusammenhang 2019 die Idee, den mittlerweile weitgehend leerstehenden Rohbau der Kongresshalle „mit den Mitteln der Kunst und Kultur für den gesellschaftlichen Diskurs“ (Stadt Nürnberg) zu öffnen. Nun sollen zehn der insgesamt 16 Sektoren des Kongresshallen-Halbrundbaus so ertüchtigt werden, dass mehr als 7 000 m² Fläche für Produktions- und Präsentationsarbeiten für Künstlerinnen zur Verfügung stehen (vier Sektoren). Die werden „Ermöglichungsräume“ genannt und für deren Planung/Realisierung erhielt Ende Januar 2026 die Firma Georg Reisch GmbH & Co. KG, Bad Saulgau, gemeinsam mit dem Architekturbüro LRO GmbH & Co. KG, Stuttgart, den Zuschlag („Ausbau des Kongresshallen-Rundbaus für kulturelle Nutzungen“).
Ebenfalls Teil der Generalübernahme ist das Ausweichquartier im sogenannten Innenhof. Hier wird dem ab 2027 wegen Generalsanierung in Teilen geschlossenen Staatstheater am Richard-Wagner-Platz für die Sparten Musiktheater und Tanz Ersatzfläche zur Verfügung gestellt. Die Staatsphilharmonie bleibt am Richard-Wagner-Platz. Die seit den 1960er-Jahren im südlichen Kopfbau der Anlage untergebrachten Nürnberger Symphoniker bleiben wo sie sind. Das im Innenhof bereits im Bau befindliche Haus bedient sich der benachbarten Sektoren (sechs) der ehemaligen Hallenerschließung.
„Die geplante künstlerisch-kulturell geprägte Nutzung“, so die Stadt, die hier neben eigenen auch mit EU- und Bundesmitteln finanzieren kann, „setzt dem totalitären System der Bauherren und ihrer Architektur das demokratisch-pluralistische Denken und Leben der Gegenwart entgegen.“ Wie radikal das ein Günther Domenig schon vor über zwanzig Jahren gemacht hat, ist den Zu- und Einbauten (noch) nicht anzusehen. Hinweise darauf, dass sich die Theaterbesucherinnen in Räumen „mit hoher Aufenthaltsqualität“ bewegen werden, lassen eher Zweifel als Beifall aufkommen. Wir bleiben dran. Be. K.
