Herr der Ringe
Im neuen Mailänder Stadtteil Santa Giulia ist in den vergangenen Jahren der Unipol Dome entstanden. In Auftrag gegeben wurde das Projekt von CTS EVENTIM, Europas Nummer
Eins und weltweite Nummer Zwei in Ticketing und Live Entertainment. Entworfen von David Chipperfield Architects, ist dieses Venue mit einer Kapazität von 16 000 Zuschauern derzeit die größte sowie innovativste Arena Italiens und ein Beispiel zeitgemäßer urbaner Nachhaltigkeit.
Die Arena war das pulsierende Herz der Olympischen und Paralympischen Winterspiele Milano Cortina 2026 und dabei der Schauplatz der internationalen Eishockeywettbewerbe. Nach
den Spielen wurde die Anlage zu einem multifunktionalen Venue für Live Entertainment und Major Sports Events ausgebaut. Der Unipol Dome feierte seine spektakuläre Eröffnung am 6. Mai mit einem Konzert des italienischen Superstars Luciano Ligabue vor 16 000 begeisterten Fans. Er hat eine Grundfläche von 50 000 m², darunter eine 12 000 m² große Piazza für Open-Air-Veranstaltungen mit bis zu 20 000 Besuchern. Mit seiner ikonischen Form und einer der größten LED-Medienfassaden Europas ist der Unipol Dome längst zu einem neuen Wahrzeichen Mailands geworden.
Gestalterischer Ansatz
Der Unipol Dome wurde nach einem integrierten Planungsansatz entwickelt. Ziel war es, eine Konstruktion zu finden, die die Anforderungen an Sportveranstaltungen und kulturelle Großveranstaltungen erfüllt. Besonderer Wert wurde auf bestmögliche Sichtverhältnisse, eine wahrgenommene Nähe zum Geschehen sowie ein sehr gutes Verhältnis zwischen Aktionsbereich und Zuschauerplätzen gelegt.
Die räumliche und höhenmäßige Anordnung wurde zudem im Einklang mit den Anforderungen an Nutzbarkeit, Zugänglichkeit und einem sicheren Management von Personenströmen gestaltet. Dies wurde insbesondere durch die Organisation der Wegeführung, interaktive Wegeleitsysteme sowie die Ebenenstruktur der Vorhallen erreicht. Das Projekt wurde zudem so konzipiert, dass eine hohe funktionale Flexibilität gewährleistet ist, um für die unterschiedlichen Nutzungsarten verschiedene Veranstaltungslayouts gewährleisten zu können. Ähnliche Aufmerksamkeit wurde der akustischen Performance, Bühnen- und Sportbeleuchtung, fernseh-
gerechter Übertragungsqualität sowie der Regelung der thermohygrometrischen Bedingungen und der Luftqualität gewidmet, um eine bestmögliche Balance zwischen angemessenem Maß an Aufenthaltsqualität und effizienter Betriebsfähigkeit bei bestmöglichem Nutzerkomfort zu gewährleisten.
Die Arena besitzt eine scheinbar einfache elliptische Grundrissgeometrie. Die Zusammenführung einer Vielzahl funktionaler und architektonischer Anforderungen führt zu einer hohen Komplexität, die sich auch in den baulichen Maßnahmen widerspiegelt.
Das Herzstück der Arena bildet die zentrale Veranstaltungsfläche mit den Zuschauerrängen, die als „Bowl“ bezeichnet wird. Sie ist in massiver Bauweise errichtet und wird von einer Stahlfachwerkkonstruktion überspannt.
Tragwerksentwurf
Der Unipol Dome weist einen elliptischen Grundriss mit Abmessungen von etwa 180 x 150 m auf. Östlich und westlich des fünfgeschossigen Hauptbaukörpers schließen zweigeschossige Außenbereiche an. Diese sind durch Bewegungsfugen konstruktiv vom Hauptbaukörper getrennt. Die Arena selbst wurde als monolithische Struktur ohne Dehnfugen ausgebildet.
Gründung
Die Gründungsgeometrie definiert sich durch den Lastabtrag und ist darauf ausgelegt, den Betonverbrauch und das Vorhandensein von Gruben zu minimieren. Die Arena ist über Großbohrpfähle mit einer Länge von ca. 20 m und einem Durchmesser von 1,0 bis 1,2 m gegründet. Die Bohrpfähle wurden in unverrohrter Bauweise her-
gestellt.
Im zentralen Bereich nimmt die Gründung die Lasten des Erdgeschosses auf, weshalb unterhalb der Stützen jeweils ein einzelner Pfahl mit Pfahlkopf angeordnet ist. Zerrbalken zwischen den Pfahlkopfplatten ermöglichen sowohl die Aufnahme ungewollter Biegemomente als auch die Vermeidung von Differenzverschiebungen der Arenastützen. Das Tragsystem wird durch eine dünne, auf den Zerrbalken aufliegende Fundamentplatte vervollständigt.
Nach außen hin wird infolge der erhöhten Lasten aus den mehrgeschossigen Tribünen die Gründungsdicke von 1,2 m auf 1,5 m im Randbereich erhöht. Unter den äußeren Tribünen werden Zweierpfahlgruppen erforderlich, die Pfahlkopfplatten sind durch Zerrbalken miteinander verbunden. Weiter außen erfolgt dann der Wechsel auf eine durchgängige Bodenplatte mit 1,7 m Dicke, in welche die Gründungspfähle direkt einbinden. Über diese werden ebenfalls die aussteifenden Kerne gegründet.
Für Teile der außenliegenden Flächen ist keine Tiefgründung erforderlich, die zweigeschossige Konstruktion konnte mittels einer 80 cm starken Bodenplatte gegründet werden. Ein Ring aus Setzungsminderungspfählen, die nicht mit der Bodenplatte verbunden sind, ist unmittelbar außerhalb der Arena angeordnet, um die unterschiedliche Setzung im Übergang zur Tiefgründung zu minimieren.
Bowl und aufgehender Stahlbetonskelettbau
Der in massiver Bauweise errichtete Hochbau der Arena gliedert sich in die Ebenen L0 bis L4 sowie die Zwischengeschosse B1 und M0 bis M2.
Die Wahl des Deckensystems erfolgte auf Grundlage einer vergleichenden Untersuchung der verschiedenen Tragwerksvarianten.
Aufgrund der Bauhöhenbeschränkungen durch den nahegelegenen internationalen Flughafen „Enrico Forlanini“ Mailand-Linate waren vor allem die Tragwerksvarianten von Interesse, die hinsichtlich ihrer Konstruktionshöhe die Flexibilität für die Führung der Haustechnik am geringsten eingeschränkt haben. Aus diesem Grund wurde sich gegen das System mit orthogonal verlaufenden Unterzügen entschieden.
Auch das zweite System musste ausgeschlossen werden. Die fugenfreie Ausbildung des Bauwerks führt zu erheblichen Scheibenkräften in den Decken. Eine zur Aufnahme dieser Kräfte erforderliche Ortbetonergänzung wäre zu hoch und die Halbfertigteildicken im Vergleich zur Ortbetonlösung zu schwer ausgefallen. Berücksichtigt man zudem die komplexe und unregelmäßige Geometrie der Arena, müssten die Fertigteilplatten an den Enden unterschiedlich geformt werden, was einen zu geringen Wiederholungsfaktor für die Fertigteilproduktion zur Folge gehabt hätte. Hinzu kommt, dass die Decke einachsig spannend auf Unterzüge aufgelagert würde, die der erforderlichen Flexibilität der Haustechnik - wie oben erwähnt – entgegenstehen.
Die Ortbetondecke der schließlich gewählten Variante wurde den beschriebenen Anforderungen am besten gerecht. Die Decken haben eine Spannweite zwischen ca. 7 - 10 m und eine typische Dicke von 30 cm. In den Bereichen mit geringen Stützenabständen wurden streifenförmige Verstärkungen zur Aufnahme der erhöhten Beanspruchungen vorgesehen. Die gewählte Lösung gewährleistet ausreichend Installationsraum für die Verlegung der Versorgungsleitungen der Haustechnik, eine geeignete Dicke für die Anordnung von Biege- und Membranbewehrung, die Anpassungsfähigkeit an die komplexe Geometrie der Arena sowie die Gewährleistung geometrischer Flexibilität während der Bauphase.
Die Unterzugsdecke kam ausschließlich in Sonderbereichen zum Einsatz:
- zur Durchbiegungsbegrenzung im Bereich der Fassaden und unter verformungsempfindlichen Wänden,
- in den Bereichen außerhalb der Arena, in denen großflächige Lüftungsgitter in der Nähe der Stützen erforderlich sind sowie hohe Lasten durch den Verkehr von Schwerlastfahrzeugen zu erwarten sind.
Das Haupttragwerk der Bowl und des Zuschauerraums besteht aus Stahlbetonstützen, auf denen die Tribünenträger mittels Konsolen radial aufgelagert sind. Bei den Tribünen handelt es sich ebenfalls um Stahlbetonträger, die als Einfeldsystem augebildet und auf den Tribünenträgern aufgelegt sind.
Die Aussteifung der Arena erfolgte über die Treppenhauskerne und wurde so konzipiert, dass in den ersten beiden Schwingungsmodi ein vorwiegend translatorisches Verhalten bei signifikanter angeregter mitwirkender Masse gewährleistet ist. Die Torsionssteifigkeit des Systems wurde so ausgelegt, dass sie gegenüber der Translationssteifigkeit überwiegt. Um den Abstand zum Gesamtsteifigkeitszentrum zu maximieren, wurden die Kerne möglichst weit außen positioniert.
Dachkonstruktion und Gebäudehülle
Das System besteht aus sechs Haupttreppen- und Aufzugskernen sowie zwei Kernen auf der Ost- und Westseite, die in die sogenannten Radialtreppen integriert sind, sodass insgesamt zehn aussteifende Elemente mit variablem Abstand entlang der Ringe der Arena angeordnet sind. Die Decken wirken als Scheiben und steifen die Stützen und das Bowltragwerk aus. Über die oberste Geschossdecke werden die Aussteifungslasten aus der Stahldachkonstruktion aufgenommen und abgetragen. Die Bemessung dieser Decken erfolgte daher zunächst auf Biegung und wird anschließend durch die Scheibenbewehrung für Erdbeben, Temperaturänderungen und Schwinden ergänzt.
Die Hauptkonstruktion des Gebäudes wird von einem Stahlfachwerk aus Gitterträgern überspannt, das auf demselben System aus radialen und umlaufenden Tragachsen aufgesetzt ist, auf dem auch die darunterliegende Konstruktion ruht. Die Hauptüberdachung über dem Zuschauerraum wird durch die auf der Umfangsachse am inneren Kernrand angeordneten Stützen abgetragen. Sie weist eine variable Konstruktionshöhe von 5 - 6,5 m auf, die eine lichte Innenhöhe von mindestens 25 m über dem Parkett gewährleistet. Sie stellt außerdem die Einhaltung der luftfahrttechnischen Auflagen sicher und bietet eine Mindestneigung von 3 Prozent bei quasi-permanenten Lastkombinationen, wodurch Wasseransammlungen auch bei Extremlastkombinationen vermieden werden.
Die umlaufende Überdachung über den an die Arena angrenzenden Bereichen besteht aus radialen Fachwerkträgern, die ebenfalls auf den Stützen der Umfangsachsen an der Kerninnseite aufliegen und nach außen in unterschiedlicher Länge auskragen. Die darunterliegenden Decken sind von der Dachkonstruktion abgehängt und innenseitig auf der letzten Stützenreihe aufgelagert.
Das Hauptdach befindet sich vollständig innerhalb der beheizten Bereiche. Die umrandenden Dachflächen liegen in den unbeheizten Bereichen und sind somit den entsprechenden Umgebungsbedingungen (thermischen Einflüssen und Korrosionsgefahr) ausgesetzt. Aus diesen Gründen und da sie unterschiedlichen Belastungsbedingungen ausgesetzt sind und sich in ihren geometrischen Eigenschaften deutlich unterscheiden, sind die beiden Dachabschnitte im Wesentlichen unabhängig voneinander. Sie teilen sich lediglich eine gemeinsame Auflagelinie.
Die seitliche Stabilität der Hauptdachkonstruktion wird durch ein Dachaussteifungssystem entlang der beiden Hauptachsen gewährleistet, das die Horizontalkräfte in die aussteifenden Wände einleitet. Diese wirken wiederum auf die oberste Geschossdecke und von dort auf das Aussteifungssystem des Gebäudes. Neben den in radialer Richtung an der Oberseite der Stahlkonstruktion angeordneten flachen Verstrebungen erfolgt die zusätzliche Stabilisierung der umlaufenden Dachkonstruktion über eine ringförmige Dachverstrebung, die direkt mit den aussteifenden Bauteilen des Massivbaus verbunden ist.
Der äußere umrandende Teil der Überdachung liegt außerhalb der beheizten Gebäudehülle und besteht aus einer Reihe von nichttragenden, stranggepressten Aluminiumelementen mit rechteckigem Querschnitt, die ringförmig entlang der Umfangsachsen angeordnet sind. Sie geben dem Gebäude die Kontur. Über diesen befindet sich eine abschließende und verbindende Abdeckung aus lackiertem Aluminium.
Der Raum zwischen den Trägern der Fachwerkkonstruktion im mittleren Dachbereich wird genutzt, um verschiedene Anlagen und technische Laufstege unterzubringen, auf denen Beleuchtungstechnik installiert ist.
Die Zuluft aus fünf auf der obersten Geschossdecke angeordneten Lüftungsgeräten wird über kreisförmige Kanäle mit einem Durchmesser von bis zu 2 m in die Dicke der Fachwerkkonstruktion der Überdachung geleitet, an denen die Diffusoren für den Parterrebereich und die Tribünen angebracht sind. Die Abluft aus der Arena und den verschiedenen Technikräumen im Inneren wird hingegen am Randkranz der Überdachung nach außen abgeleitet, wobei dessen Durchlässigkeit genutzt wird.
Das architektonische Design sieht drei übereinanderliegende Ringstrukturen in der Gebäudehülle vor. Diese auskragenden Fassadenelemente geben dem Gebäude seine Form. Der unterste Ring wurde durch mit der Betondecke verbundene Kragarme realisiert. Bei den oberen beiden Ringen wurden hingegen Metallaufhängungen eingebaut, um die Lasten der auskragenden Fassadenringe in die Dachkonstruktion einzuleiten. Die Außendecken wurden als Stahl-Beton-Verbundkonstruktion entworfen, um ihr Gewicht zu begrenzen und dennoch eine starre Aussteifung am Gebäudeumfang zu gewährleisten.
Zugangsbereiche
Der Unipol Dome verfügt über einen Personeneingang im Nordwesten und einen Wareneingang im Südosten, der als „Laderampe“ bezeichnet wird. Die angrenzenden Dachflächen werden begehbar als Podien ausgeführt. Eine wesentliche Planungsanforderung bestand in der hindernisfreien Führung der Personen- und Logistikströme sowie in der Sicherstellung der erforderlichen Lkw-Durchfahrtshöhen im Bereich der Laderampe. Die Konstruktionen wurden als Stahlbau mit Stahl-Beton-Verbundträgern entworfen. Dies ermöglicht die Gewährleistung der Durchfahrtsbreiten für die Fahrzeuge bei gleichzeitig optimierten Tragwerksabmessungen. Die Hauptträger über den Zugängen wurden auf den radialen Rastern positioniert. Die Stahlstützen sind innerhalb der Fassade angeordnet, um die Spannweiten der Auskragungen zu begrenzen.
