Des Fortschritts neue Kleider

Heizkraftwerk Leipzig Süd

Das Atelier ST hat im Süden von Leipzig die Fassade für drei Baukörper eines Kraftwerks entworfen. Um das neue Kraftwerk mit dem alten, außer Betrieb genommenen, zu verbinden, bedient sich das Atelier weniger wohl gewählter Mittel. Farben und Formen des Bestands werden dabei übernommen und gestalterisch interpretiert. Das Resultat ist eine
Architektur, die bei aller Rigorosität, die technischen Bauten eigen ist, ihre Feinheit im Detail behält und damit Alt und Neu unaufgeregt zusammenführt.

Geht es nach der Bundesregierung, so soll nach etappenweisen CO₂-Emmissionssenkungen – eine jahresscharfe 65-Prozent-Minderung für 2030 und ein 88-Prozent-Ziel für 2040 im Vergleich zu 1990 – bis zum Jahr 2045 die Treibhausgasneutralität erreicht sein. Diese Neutralität wird jedoch nach aktueller Einschätzung vom 18. Mai dieses Jahres „zunehmend deutlich verfehlt werden“ wie es im entsprechenden Prüfbericht des Expertenrats für Klimafragen steht. Dieser Rat wurde 2020 von der Bundesregierung selbst eingesetzt und gibt nun zu bedenken: „Insbesondere in den Sektoren Energiewirtschaft und Gebäude müssten die Annahmen, die den Berechnungen zugrunde liegen, aktualisiert werden“.

Da mutet es ambitioniert an, dass sich die Stadt Leipzig zum Ziel gesetzt hat, bis ins Jahr 2038 ihre Bürgerinnen und Bürger mit Wärme klimaneutral versorgen zu wollen. Fundamental für das Gelingen ist dafür eine kommunale Wärmeplanung, die neben dem Aufbau von dezentralen Lösungen mit Wärmepumpen auch die Entwicklung des Fernwärmenetzes und den Umbau der Wärmeerzeugungsstrukturen auf klimaneutrale Versorgung beinhaltet. So zu lesen auf der Internetseite der Leipziger Stadtwerke.

Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem Ausbau des Leipziger Fernwärmenetzes. Dieses gilt als ein „ideales Instrument zur Verteilung von klimafreundlicher Wärme in der Stadt“. Der aktuelle Stand der Planung besagt dabei, dass insbesondere industrielle Abwärme, Solarthermieanlagen, Großwärmepumpen sowie Power-to-Heat-Anlagen und Wärmespeicher zum langfristigen Erzeugungsmix beitragen sollen – sowie das Heizkraftwerk Süd mit seinem potenziellen Einsatz von Wasserstoff.

Geschichte in Gelb

Wer das Heizkraftwerk Süd besucht, die Bornaische Straße hinunter und über die Brücke am Connewitzer Bahnhof hinweg, findet unmittelbar zur Rechten ein Ensemble aus Alt- und Neubauten, die von der gut 100-jährigen Geschichte des Standorts zeugen. Erhalten blieben u. a. das Maschinen- und Kesselhaus, das per Brücken angeschlossene Schalt- und Umspannhaus sowie die Zentralkohlenmahl- und Trocknungsanlage. Ein Großteil der Baukörper wurden in gelbem Klinker ausgeführt und verleihen dem Bestand eine changierende Einheitlichkeit. Bemerkenswert sind dabei die Zierelemente der Fassaden, wie Schmuckfriese und Bogenfenster, welche die früheren Baukörper von den neueren, nüchterner ausgeführten absetzen. Lediglich eine Maschinenhausfassade, die den Duktus von Schupp & Kremmers Essener Zeche Zollverein aufweist, bricht mit dieser Geschichte deutlich und ist bei genauerer Betrachtung leider so wenig in Stand gehalten, wie auch andere Bestände vor Ort. Was insofern verzeihlich ist, als dass sie mit ihrem strengen Fachwerk-Fassadenraster, frei vom Dekor der Vorgänger, eine gestalterische Brücke in die Moderne schlägt.

Auf der grünen Wiese

Diese wiederum drückt sich seit Leipzigs Aufbruch in die klimaneutrale Zukunft in Form von insgesamt vier neuen Baukörpern aus, die den Standort als Energiequelle wiederbeleben. Die vier befinden sich auf einem zwischen der Bornaischen Straße und den Kraftwerksbeständen gelegenen Grundstück, das seit jeher als potenzielle Erweiterungsfläche der Anlage vorgehalten war und im Zweifel auch als Puffer zur angrenzenden Wohnbebauung diente. Die neuen Baukörper für ein Kraftwerk samt Gasanlage und dazugehörigem Pumpenhaus zuzüglich eines Wärmespeichers sind allerdings nach wie vor dem Bestand räumlich näher als der Straße und dank der neues­ten Technik so emissionsarm (im Gegensatz zum Braunkohle-Vorgänger), dass der Abstand zu den Nachbarn wohl am ehesten der funktionalen Einheit geschuldet ist.

Der Blickfang der Ensemble-Erweiterung ist dabei zunächst der 60 m hohe, zylindrische Wärmespeicher, der mit einem Umfang von 32 m insgesamt 42 600 m³ ionenbefreites Wasser aufnehmen kann. Biegt man nach diesem rechts auf das Grundstück des Kraftwerks ein, passiert man das alte und gelangt zum neuen Pförtnerhaus, das augenscheinlich die Gestaltung des Trios von Kraftwerk, Gasanlage und Pumpenhaus zu imitieren versucht. Zwischen dieser neuen Adresse und dem ebenfalls neuen Kraftwerksblock ist ein Teich angelegt, der samt Wasserrosen und Statue seine Funktion als Löschwasserbecken überspielt.

Wieder Gelb plus zweimal Rot

Das augenscheinlichste Gestaltungsmerkmal von Kraftwerk, Gasanlage und Pumpenhaus ist ihre Farbgebung. Dabei ist das Kraftwerk selbst in einem warmen Gelb gehalten, das sich an der Unternehmensidentität der Leipziger Stadtwerke orientiert, die Gasanlage in Rostrot und das Pumpenhaus in Auberginerot. Der benachbarte Gasspeicher sowie die beiden Schornsteine des Kraftwerkblocks behalten im Gegensatz zu den kräftigen Farben ihre metallene Oberfläche, die lediglich durch einige gelbe Nuancen akzentuiert wird.

Die Farben der drei Kraftwerksgebäude orientieren sich am Mauerwerk der Bestandsbauten, was der Ensemblebildung entgegenkommt und Neubauten und Bestand zusammenführt – ein entwerferisches Grundprinzip des verantwortlich zeichnenden Leipziger Architekturbüros Atelier ST. „Wir versuchen das Alte und das Neue zusammenzuführen oder das Neue aus dem Alten zu entwickeln“, erklärt Silvia Schellenberg-Thaut, die zusammen mit Sebastian Thaut das Atelier ST führt. Dabei war die Gestaltung der Fassade zunächst gar nicht vorgesehen. Das für die Generalplanerleistung beauftragte Stuttgarter Unternehmen Fichtner GmbH & Co. KG beauftragte das Atelier ST für den Fassadenentwurf von Kraftwerk, Gasanlage und Pumpenhaus erst im Nachhinein als Subunternehmen und nachdem sich das Atelier in einem Auswahlverfahren der Stadtwerke Leipzig durchsetzen konnte. Hinzu kam, dass der erste Entwurf überarbeitet und die Entscheidung für das heutige Aussehen der drei Neubauten erst nach Abstimmung mit der Stadt, der Denkmalpflege und der am Kraftwerkstandort benachbarten Schule beschlossen wurde. „Zunächst hatten wir eine Trapezblech-Fassade entworfen, bei der die jetzige Farbgebung bereits vorgesehen war“, gibt Schellenberg-Thaut in diesem Zusammenhang zu bedenken. Wider Erwarten, aber dafür umso erfreulicher, wünschte sich die Denkmalpflege allerdings mehr Materialqualität. „Das hat man selten im Büro, aber die Stadtwerke haben sich tatsächlich zu Gunsten der hochwertigeren Fassade entschieden.“

Drei Baukörper, eine Idee

Das Kraftwerk und seine beiden kleinen „Geschwister“ folgen grundsätzlich derselben Fassadengliederung: Über einem Sockel aus Klinker folgt eine vorspringende Fassade aus keramischen Platten. Es gibt die obligatorischen Ausschnitte für Türen, Fenster sowie Zu- und Abführungen der Technik, aber alles in allem bleibt deutlich zu erkennen: Diese Architektur dient vornehmlich der Technik und zeigt sich dementsprechend eher geschlossen, monolithisch. Um diese Erscheinung etwas zu brechen, kamen unterschiedliche Strategien zum Einsatz.

So wurden die Klinker-Sockel beispielsweise durch Pilaster gegliedert und einzelne grüne Steine in das ansonsten mono­chrome Mauerwerk eingearbeitet. Die keramischen Platten wiederum kommen einerseits in zwei unterschiedlichen Höhen und jeweils zwei unterschiedlich reliefierten Formen – zwei Platten- und zwei Eckstück-Varianten – zum Einsatz. Die Höhe der Platten orientiert sich dabei an der Größe und Positionierung der Fassadenausschnitte, so dass möglichst wenige Zuschnitte anfallen. Daraus ergibt sich ein Wechselspiel aus zwei unterschiedlich hohen, horizontalen Plattenbändern, die sich um die Baukörper ziehen. Diese wiederum variieren jeweils durch das dezente Wechselspiel des Reliefs, das die Oberfläche etwas auflöst. Diese vorgehängte, hinterlüftete keramische Plattenfassade bleibt dabei in weiten Teilen ungedämmt. Lediglich die auf der Nordseite des Kraftwerks befindlichen Personal- und Technikräume wie die Leitwarte bekamen eine Dämmschicht.

Ein weiteres Gestaltungsmerkmal ist eine Sockelkante, dessen Vorsprung durch die Tiefe der Pilaster vorgegeben wird. In Anlehnung an die flachen Giebel der frühen Kraftwerksbauten verläuft sie, entgegen der ansonsten vorherrschenden zweckdienliche Rechtwinkligkeit, immer wieder leicht schräg. Das Giebelmotiv wird dabei auch auf eine Wand übertragen, die als Verlängerung des Kraftwerk-Sockels und Schallschutz zwei außenliegende technische Anlagen zur Adressseite abschirmt und das Kraftwerksgelände etwas mehr einfasst.

Es bleibt ein Prozess

Das neue Heizkraftwerk Süd steht dank der auf alle drei Baukörper angewendeten Gestaltung im Sinne von Farbe, Relief und Sockelausbildung als konsequente Erweiterung des Ensembles von Alt und Neu da. Vorhandene Motive wie die ­mineralischen Oberflächen, Giebel-Reminiszenzen und all­gemeine Farbwahl führen Bestand und Neubau wie selbstverständlich zusammen. Der Prozess, der diesem Projekt zu Grunde liegt, tritt dabei in den Hintergrund. Tatsächlich machten die nachträgliche Beauftragung des Atelier ST, die Überarbeitung des ersten Entwurfs und die bei solchen technischen Projekten nicht unübliche straffe Zeitschiene die Schnittstellenplanung zur Herausforderung. So kamen beispielsweise bei der Einbringung der für die neuen Turbinen nötigen Ansaughäuser deren Wetterschutzgitter bereits in der späteren Fassadenfarbe. Zu dem Zeitpunkt waren die Rohbauten aus Beton noch nicht einmal fertiggestellt und mit der Fassade noch nicht begonnen worden. Dass die Farbe der Fenster- und Türrahmen, Fugen und Dichtungen und alle in die Fassade eingegliederten Elemente am Ende gleich sein sollte, machte es nicht leichter. Während die einen also ganz pragmatisch eine effiziente Fertigstellung anstreben, bemühen sich die anderen um einen schwer zu ermessenen, gestalterischen Mehrwert.

„Wir sind keine Dienstleister. Es geht immer um Architektur und Gestaltung“, bemerkt Schellenberg-Thaut dazu und resümiert: „Ich bin der Überzeugung, dass ein gut gestaltetes Gebäude, mit einer guten Materialität wertgeschätzt und gepflegt wird“. Dem Standort mit seinen Beständen und Neubauten ist eine solche Zuwendung nur zu wünschen. Nun bleibt die Frage, wann der Betrieb von Gas auf Wasserstoff umgestellt werden kann. Bis dahin bleibt die gute Gestaltung leider ein reines Mittel zum Zweck.

Hartmut Raendchen/DBZ

Die hochwertige und angenehme Fassadengestaltung der vorrangig geschlossenen Baukörper wird durch warme Farbgebung und ein spannendes Spiel mit dem Material Klinker erzielt.«
DBZ-Heftpartner AplusF Fassadenplanung, Frankfurt a. M.

Projektdaten

Projektname: Heizkraftwerk Leipzig-Süd

Architektur: Atelier ST, Leipzig,

www.atelier-st.de

Team: Silvia Schellenberg-Thaut (PL), Jan Franke, Ferdinand Salzmann

Standort: Bornaische Straße 120, 04275 Leipzig

Bauherrin: Stadtwerke Leipzig GmbH, www.l.de

Nutzerin: Stadtwerke Leipzig

Generalplanung: Fichtner GmbH & Co. KG, www.fichtner.de

Projektsteuerung: Drees & Sommer, www.dreso.com

Fassadenplanung: Atelier ST

Wettbewerb: 02. 2020

Vergabe: 06. 2020

Bauzeit: 12. 2020-10. 2023,
Außenanlagen: 2025

Fassadenfläche gesamt: 8 100 m2 exkl. Öffnungen

Brutto-Grundfläche: 6 400 m²

Brutto-Rauminhalt: 91 100 m³

Baukosten (netto): 188 Mio. €

Fachplanung

Tragwerksplanung: Fichtner GmbH & Co. KG

TGA-Planung: Fichtner GmbH & Co. KG

Fassadentechnik: Atelier ST

Landschaftsarchitektur: GFSL gruen fuer stadt + leben landschaftsarchitektur eG,

www.gruenfuerstadtundleben.de

Brandschutz: Müller-BBM Building Solutions GmbH,

www.mbbm-bso.com

Bauphysik: Müller-BBM Building Solutions GmbH

Kunst am Bau: Małgorzata Chodakowska,

www.skulptur-chodakowska.de

Herstellerfirmen

Fassade (Ziegel): Gima

Fassade (Keramik): Moeding

Wetterschutzgitter: CS Deutschland GmbH

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