„Geht raus, spielen!“
Spielplätze sind soziale Räume im Stadtgefüge. Dazu zählen nicht nur eingezäunte Spielgeräte für Kinder, sondern auch designte „Spielanlässe“ auf städtischen Plätzen oder bespielbare Stadtmöbel für Klein und Groß. Häufig steht bei der Planung nicht der Raum im Fokus, sondern die Fläche, die mit Spielgeräten zugestellt wird. Doch als Räume für alle Stadtbewohnerinnen und -bewohner gedacht und entworfen, können sie viel mehr.
„Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes auf Ruhe und Freizeit an, auf Spiel und altersgemäße aktive Erholung ...“ - Artikel 31, Absatz 1 der UN-Kinderrechtskonvention von 1989.
Am Anfang war der Sandhaufen. Als um 1850 der erste „Spielplatz“ in Berlin entstand, war von einem in der UN-Kinderrechtskonvention verankertem Recht von Kindern aufs Spielen noch lange nicht die Rede. Damals konnte froh sein, wer morgens statt in die Fabrik zur Schule gehen durfte. Auch mangelnde Bewegung dürfte noch kein Thema gewesen sein.
Heute bräuchte ein solcher Sandhaufen mit ein paar Brettern drumherum in Deutschland wohl ein Schild, das ihn als Spielplatz, respektive Sandkasten, ausweist. Das wäre für die vielen, heutzutage immer ängstlicher werdenden Erwachsenen wohl nötig.
Ohne Risiko keine Entwicklung
Kinder brauchen Spielen für ihre Entwicklung. Denn: „Spielen dient der Lebensbewältigung“, sagt Prof. Dr. Rolf Schwarz vom Institut für Bewegungserziehung und Sport der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Dort hat er eine Professur inne für Kindliche Bewegungsentwicklung, ihre Diagnostik und Intervention.
Spielen erweitere den Abstand von Kindern zum elterlichen Zuhause, ohne Risiko gebe es keine Entwicklung. So Schwarz anlässlich des Symposiums „Spiel macht Stadt“ im Juni in Bielefeld. Und weiter: Selbst ein beim Spielen gebrochener Arm sei noch hinnehmbar, solange niemand dauerhaft zu Schaden komme. Hier würden die DIN-Normen für Spielplätze gar nicht so strenge Vorgaben machen, wie von Planerinnen und Planern oft vermutet werde.
Bei zunehmenden Kfz-Zulassungszahlen und rückläufigen Geburtenraten verwundert es nicht, dass es immer weniger Spielplätze in deutschen Städten gibt. Ein Dilemma, denn zuallererst müsse ein Spielplatz erreichbar für Kinder sein, also im fußläufigen Umfeld liegen (DIN 18034: 2012-09, Absatz 4.2.1). Bei 1 : 1 000 liege das Verhältnis vom Spielplatz zur Bewohnerzahl, so Schwarz, Tendenz rückläufig. Denn auch das Auto fordert seinen wohnortnahen (Park-)Platz und steht somit in direkter Konkurrenz zum städtischen Spielraum.
Wie die Stadtgesellschaft den Raum für Autos wieder den (kleinen) Menschen zurückgeben kann, zeigt das Beispiel von Schulstraßen, wie zuletzt in Hamburg-Eimsbüttel eingerichtet. Autofreie, in Teilen begrünte Schulstraßen geben (nicht nur) Kindern Raum fürs Rad- oder Rollerfahren und für das Zufußgehen. Denn auch der Weg zur Schule kann ein Raum zum Spielen sein, auf dem gehüpft, gerannt, balanciert und sich ausprobiert wird.
Wie viel Gestaltung braucht ein Spielraum?
Statt Schaukel, Wippe oder Rutsche auf eingezäunten Flächen baut das niederländische Büro Carve öffentliche Räume und Designobjekte mitten im städtischen Raum für kleine und auch große Menschen, die jeden zur Bewegung inspirieren und verbinden sollen. Für Elger Blitz, Gründer und Chefdesigner bei Carve, ist Spielen ein Katalysator für ein gesundes, blühendes städtisches Leben für alle Altersgruppen. „Ich glaube nicht an Spielplätze, die nur für eine bestimmte Nutzergruppe gemacht sind“, sagt Blitz.
Welche Bedeutung hat ein Spielplatz für ihn? Dazu fallen ihm folgende Punkte ein: Identitätsstiftung, soziale Bedeutung, weil sich Kinder wie Eltern dort treffen, unerwartete Nutzung von Mehrzweckbereichen, Spiel-Umgebung ohne Grenzen, Herausforderungen bestehen. „Spiel ist verbunden mit keinem materiellen Interesse und es sollte kein Gewinn daraus erzielt werden“, ist Elger Blitz überzeugt. Indem er sich dem Design aus der Perspektive des Spielens nähert, möchte er viele zentrale Herausforderungen bei der Entwicklung und Erneuerung heutiger Städte angehen. Eigentlich wüssten wir alles über die Bedeutung von Spiel und Bewegung und trotzdem kommen wir nicht in die Umsetzung.
Partizipation ist oft ein Teil der Entwurfsplanung bei Carve, aber sie werde seiner Erfahrung nachheutzutage sehr oft eingeschränkt. Früher sei man zwar weniger professionell gewesen, dafür habe man mehr aus dem Herzen gehandelt, so Elger Blitz. Vielleicht gilt das nicht nur für die Planung von Spielplätzen.
Motorisches Geschick als Zugabe
Wem das alles noch zu weiche Argumente für mehr Spielräume im Stadtgefüge sind: Spielplätze lassen sich auch monetarisieren, ist Prof. Schwarz überzeugt. So mancher Tischlermeister, manche Chirurgin dürften ihr motorisches Geschick im Umgang mit Werkzeugen in jungen Jahren auf dem Abenteuerspielplatz ausgebildet haben, das Risiko des Scheiterns und (kleinerer) Verletzungen inbegriffen.
Vielleicht sollte der eingangs zitierte Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention also ergänzt werden: „Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes auf Ruhe und Freizeit an, auf Spiel und altersgemäße aktive Erholung … sowie auf entspanntere Eltern und aufgeschlagene Knie!“. Zum Wohle von uns allen.
Heide Teschner/DBZ
Dazu auch unser „DBZ, der Podcast“, Nr. 159: „Spielplätze als Stadtbausteine“ auf DBZ.de
