Die Gropius ganz nah
Wer glaubte, zum Bauhaus gäbe es nichts mehr zu sagen – außer, dass es als Marke gerade von Dummheit angegriffen wird und als deutsches Kulturgut mit internationaler Resonanz verteidigt werden muss –, der sollte in den Akten baden gehen, die in den einschlägigen Archiven noch zu heben sind. Und dort all das studieren, was nicht unter Bauhaus zwischen zwei Buchdeckel gepackt wurde in immer wieder neuen Auflagen mit immer wieder den gleichen Bildern.
Zwar gibt es kaum noch zu überblickende, wissenschaftliche Arbeiten zum Bauhaus, doch Biografisches eher selten. Nun die Tagebücher von Ise (eigentlich Ilse) Gropius, seit 1923 Ehefrau des Bauhaus-Direktors Walter Gropius. Auf ihre Rolle als Ehefrau bisher konsequent reduziert – wozu sie, als Exegetin des Werks ihres Mannes tatkräftig beigetragen hatte – zeigen die nach vielen unvollendeten Anläufen veröffentlichten Tagebücher jetzt, welche Rolle Frau Gropius für das Bauhaus wirklich spielte, genauer, für den Erfolg von G. oder Gr., wie sie ihren Mann immer abkürzt. Ihre meist sehr kurzen wie prägnannten Einträge summieren die Protagonisten des Bauhauses unter eben das Projekt: Bauhaus. Ob Klee, Kandinsky, Muche, Schlemmer, Meyer oder eben immer G., alle Meister werden genannt, angeschaut, be- und veruteilt, meist immer in Relation zu G. Der reist, hält Vorträge, trifft die Politik, andere große Architekten der Zeit.
Abends dann ins Theater, die Oper oder zu XY, mit denen Ise G. dann gut klarkommt oder gar nicht. Da Frau G. in ihrem Tagebuch als Beob-achtende nicht durchweg sympatisch abschneidet, muss man den mutigen Nachlassverwaltern danken, welche die teils harschen, durchaus auch antisemitische Haltung offenbarenden Texte freigegeben haben.
Die Einträge sind illustriert mit Fotografien aus privaten Alben, textlich wird die Zeitspanne vom Umzug des Bauhauses von Weimar nach Dessau und bis zum Aufbau der Schule am neuen Standort von September 1924 bis April 1928 abgedeckt.
Die Lesereise durch die Einträge ist wie ein Dokumentarstück zum Mythos Bauhaus, vieles erhält durch den teils schnodderigen Ton, die Alltagssorgen wie auch die um das Projekt G. eine sehr menschliche Note. Ob das dem tieferen Verständnis von der Bauhaus-Bewegung, die bis heute ja lebendig ist, dient? Das ausführliche Register liest sich wie das Who’s Who der noch jungen Weimarer Republik. Die Tagebucheinträge selbst sind auch die Geschichte einer Frau, die Größeres wollte, am Ende dann aber vor allem Gr. den Rücken freigehalten hat. Be. K.
Ise Gropius: Tagebuch 1924–1928. Eine Bauhaus-Chronik. Hrsg. v. A. Bähr u. A. Kampsreiter f. d. Bauhaus-Archiv/Museum für Gestatlung Berlin. Hirmer, München 2026, 344 S., 79 sw-Abb.
40 €, ISBN 978-3-7774-4728-5
