Alle wollen wohnen

Gerecht. Bezahlbar. Sozial

"Die Geschichte des Städtebaus ist immer auch ein Spiegel politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen." Das erscheint selbstverständlich. Doch andererseits deutet dieser Satz, der als einer von vielen richtigen in der hier besprochenen Publikation gedruckt steht, unmissverständlichlich darauf hin, dass die prekäre Situation auf dem deutschen Wohnungsmarkt hausgemacht ist.

Entweder, weil die Politik versagt hat ... oder die Wähler, die die Politik haben machen lassen. Natürlich wirken auch die Kräfte eines globalisierten Geldmarktes, der mit Null-Zinsen den Immobilienmarkt zur Blase hat werden lassen, die demnächst zu platzen droht. Dass in diesem wirtschaftspolitischen Geschiebe diejenigen auf der Strecke bleiben, die keine Lobby haben, also arm sind, schlecht gebildet und schicksalsergeben, ist wohl klar. Dass am Ende auch diejenigen, die sich das alles so gerade leisten können auf der Strecke bleiben, erscheint ebenso klar. Schon, weil für ein erfülltes Leben einfach mehr nötig ist, als ein Job, der für die Ratenzahlungen an die Bank der nötige erbringen muss oder für die Mietzahlungen an Bauherrn, die überteuert Wohnraum realisiert haben und schon aus diesem Grunde extrem kalkulieren müssen.

Wie geht das mit dem Recht auf Wohnen für alle zusammen? Gibt es überhaupt einen Rechtsanspruch auf Wohnen? Seit 1919 gibt es den Artikel 155 der Weimarer Verfassung, der "jedem Deutschen eine gesunde Wohnung“ zusichert. Jedem Deutschen ... und: Was bedeutete damals "gesund"? Die Situation ist also schwierig und zugleich eine irgendwie auch perfekte Vorlage für eine grundsätzliche Untersuchung zum Stand der Dinge des jüngeren und jüngsten Wohnungsbau in Deutschland. Im europäischen Kontext.

Herausgeber und Autoren des hier besprochenen Buches, das zugleich Begleitpublikation zur gleichnamigen Wanderausstellung „Alle wollen wohnen. Gerecht. Sozial. Bezahlbar“ ist, versuchen sich an einem umfassenden Überblick. Der reicht von den maßgeblichen Vorbildern der 1920er Jahre bis zur gegenwärtigen Situation und aktuellen Konzepten. Architektonische und städtebauliche Aspekte rücken dabei ebenso in den Fokus wie rechtliche Rahmenbedingungen, Fördermaßnahmen und Baustandards sowie die am Bauprozess beteiligten Akteure. Fachbeiträge und freiere Essays erweitern und vertiefen einzelne Fragestellungen und beleuchten so auf vielfältige Weise die "Wohnungsfrage", deren Lösung für den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft durchaus entscheidend ist.

Chronologisch präsentiert die Publikation in verschiedenen "Erzähl-/Bilderstrecken" die Entwicklung der Bauausstellungen, die der Rechtsprechung oder die der Wohnbautypologien. Immer wird das textlich Dargestellte von gebauten oder beispielhaften geplanten Wohnprojekten anschaulich gemacht. Kurze Texte, Diagramme oder Grafiken machen den Zugriff auf das Komplizierte einfacher.

Damit haben wir ein Buch, das zwischen wissenschaftlicher Untersuchung und Lehrbuch für anspruchsvolle Lehrer an weiterführenden Schulen changiert. Man möchte es auch denen dringend empfehlen, die die Politik lenken und denen, die mit der Politik endlich einmal jenseits von gegenseitiger Schuldzuschreibung ins Gespräch kommen wollen.

Der Band begleitet die Ausstellung  des Museums für Architektur und Ingenieurkunst NRW, die möglicherweise noch einmal im Sommer 2018 in Münster (Westf.) gezeigt wird. Be. K.

Alle wollen wohnen. Gerecht. Bezahlbar. Sozial. Hrsg. v. Ursula Kleefisch-Jobst, Peter Köddermann, Karen Jung. Jovis, Berlin 2017, 248 S., ca. 190 Farb- u sw-Abb., 32 €, ISBN 978-3-86859-474-4

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