Das Landesarchiv NRW in Duisburg

Ziegelrote Speichermasse
Das Landesarchiv NRW in Duisburg

In vergangenen Zeiten wurde in dem alten Speicher am Duisburger Innenhafen Getreide gelagert, heute befindet sich hier vor allem Papier. Ein vergleichsweise einfacher Fall von Umnutzung, möchte man meinen. Das ist allerdings weit gefehlt. Denn es handelt sich nicht um irgendein Papier, das hier aufbewahrt wird, sondern um wichtige Rechts- und Kulturgüter. Und diese sollen, laut Eigendefinition der Institution, als allen Bürgern zugängliches Archiv „den Bedürfnissen der Gesellschaft nach historischer Information und Transparenz des Verwaltungshandelns“ nachkommen.

Es sollte in einem 2007 durchgeführten Architekturwettbewerb unter Einbeziehung des denkmalgeschützten Speichergebäudes ein Gedächtnis des Landes entworfen werden und sich das Getreidelager in ein Schatzkästchen verwandeln, in dem die bisher dezentral gelagerten Archivalien zusammenfinden würden. Den bei weitem überzeugendsten Beitrag lieferte das Büro Ortner & Ortner Baukunst. Die Architekten hatten einen Entwurf vorgelegt, der das Industriedenkmal mit einem 77 m hohen Archivturm im Zentrum überhöhen und in der Stadtlandschaft weithin sichtbar machen sollte. Ein hypnotisierendes Bild, das im Zusammenhang mit einem wellenförmige Erweiterungsbau an Fabelwesen antiker Mythologien erinnerte.

Eignet sich die Substanz für die Entwurfsidee?

Doch zurück zum alten Speichergebäude und zu der Frage, ob sich, abseits vom unbestrittenen Zauber der Entwurfsidee, die Substanz für diese Art der Umnutzung überhaupt eignete? Ob es technisch, organisatorisch und ökonomisch sinnfällig war, das 1936 erbaute Erbe der Industriekultur Duisburgs in einen hochwasser- und erdbebensicheren Tresor umbauen zu wollen?

Fest steht, dass die Aufgabe „Landesarchiv“ in bautechnischer Hinsicht ausgesprochen anspruchsvoll war. Bestand doch der Kern des Auftrags darin, das Archivgut in möglichst gleichbleibenden Klimabedingungen zu lagern, damit es unbeschadet die nächsten Jahrhunderte überdauern kann. Sicher ist auch, dass die obligatorischen Unwägbarkeiten alter Bausubstanz den Schwierigkeitsgrad noch erhöhten. So wurde z. B. im Fundament des Getreidespeichers ein Blindgänger aus dem zweiten Weltkrieg gefunden.

Raumklima

Um die nötige klimatische Stabilität herzustellen, musste zunächst das Tageslicht ausgeschlossen und der Luftaustausch minimiert werden. Die Öffnungen des Bestandes wurden zu diesem Zweck verschlossen und der Zutritt zu den Archivsälen durch Luftschleusen reguliert. Als geeignete Bedingungen für die Lagerung der Archivalien wurde eine Temperatur von 16 °C mit einer maximalen Schwankung von +/- 2 °C und einer relativen Luftfeuchte von 50 % bei erlaubter Schwankung von maximal 5 % formuliert. In diesem Zusammenhang stellte sich anhand von Simulationen heraus, dass das zu schützende Papier selbst einen wesentlichen Einfluss auf das Archivklima hatte und aus diesem Grund eine mindestens 50 -prozentige Auslastung aller Archivräume sinnvoll erschien. Im Archiv sind keine permanenten Arbeitsplätze vorgesehen. Die Archivare dürfen sich maximal 2 h am Stück in den Magazinen aufhalten. Zum Abbau der geringen internen Lasten wurde eine Teilklimaanlage eingeplant, die die ansonsten passive Klimatisierung unterstützt. Weiter war eine effektive Wärmedämmung unbedingt erforderlich. Dass die Dämmung aus Denkmalschutzgründen auf der Innenseite angebracht werden musste, erscheint als Risiko, das sich zwar durch sorgfältige Ausführung minimieren lässt, aber dennoch weiter besteht. Das ist auffällig, insbesondere bei einem Gebäude, dessen Anforderungen an das Raumklima so fundamental sind und das auf eine so lange Nutzung ausgelegt ist.

Die Statik

Für die Statik entwickelten die Ingenieure des office for structural design aus Frankfurt a. M. mit den Architekten das Konzept eines „Speichers im Speicher“: Dabei wurden die Vertikallasten des Turms unter Zuhilfenahme von Vierendeel-Stützen, einer manschettenartigen Stahlkonstruktion, unabhängig am Bestand vorbeigeleitet und mit ca. 450 Kleinbohrpfählen von 15–20 m Länge in den Boden geführt. Anschließend wurde das Untergeschoss vollständig mit Beton vergossen und so eine leistungsfähige, kombinierte Pfahl-Plattengründung hergestellt. Das alte Stahlbetontragwerk des Speichers selbst erwies sich als grundsätzlich geeignet und den Vertikallasten zwar gewachsen, musste aber zusätzlich mit einer Stahlkonstruktion unterfangen werden, da die Durchbiegung der Decken für das einzig zu verwendende Rollregalsystem zu hoch gewesen wäre.

Bei der Betrachtung der Funktionalität ist der Hinweis aufschlussreich, dass sich Archivare und Förderanlagenplaner, die das auf einer Barcodekennzeichnung beruhende automatische Transportsystem innerhalb des Archivs planerisch betreuten, die 148 Regalkilometer als idealerweise 1-geschossiges Quadrat mit einer Seitenlänge von 300 m gewünscht hätten. Denn die Geschosssprünge über die insgesamt 22 Ebenen lassen einen erhöhten Erschließungsaufwand vermuten und beschränken die Flexibilität.

Hinzu kommen Hochhausrichtlinien für den Brandschutz und der Umstand, dass die räumlichen Beschränkungen durch die umgebende Bebauung eine eventuelle Makroerweiterung des ständig wachsenden Archivs zu erschweren scheinen. Heißt das in der Zusammenstellung also, dass ein Komplettneubau auf der grünen Wiese für das Landesarchiv die bessere Lösung bedeutet hätte? So einfach ist es nicht. Zwar ist eine solche Betrachtung notwendig und legitim, aber sie ist auch unvollständig. Denn es bedarf auch ­immer einer Antwort auf die Frage, welchen Wert wir den anderen, viel schwieriger zu quantifizierenden Qualitäten von Architektur beimessen. Und die haben es in diesem Fall in sich. So ist z. B. nicht aus­reichend berücksichtigt, dass die Gemeinschaft mit dem Landesarchiv als Symbol eine mittlerweile weitestgehend privatisierte Stadtsilhouette zurückbeansprucht und das Gebäude eine „stabilisierende Investition in die nächsten dreihundert Jahre“ darstellt, wie Christian Heuchel, der projektverantwortliche Architekt und Gesellschafter O&O Baukunst, formuliert. Auch kann man sich der Poesie des fertigen Objektes nur schwer entziehen: Wie ausgestopft steht er nun da, der Speicher. Mit vermauerten Fenstern, ohne jedes zeitgenössische Detail auf seine skulpturale Grundform zurückgeführt. Still, ­archaisch, rätselhaft – mitten im Herzen der Stadt. Aus seinem Innern türmt sich die Vergangenheit buchstäblich zum Himmel empor, als weithin sichtbares Zeichen der Erinnerung. Was für ein großartiges Bild.

Die von O&O Baukunst anvisierte Kontinuität der baulichen Gesamtform des Landesarchivs allerdings wird durch einen Materialwechsel leider gebrochen. Denn anders als das Turmbauwerk wurde der Erweiterungsbau entgegen der ursprünglichen Planung ohne Klinkerfassade ausgeführt. Aus Kostengründen wurde darauf im Laufe des Projektes verzichtet und anstatt dessen ein ziegelrot gestrichenes Wärmedämmverbundsystem verwendet. Die von den Architekten ursprünglich geplanten Lisenen sind nun durch verschiedene Putzarten lediglich angedeutet. Die vergleichsweise geringe Qualität der Ausführung steht dabei leider im deutlichen Widerspruch zu der sorgfältigen Ausführung der Turmfassade. Dennoch entwickelt der Verwaltungsbau des Archivs durch seine Wellenform eine Weichheit, die ihn positiv von seinen Nachbarn absetzt.

Kunstvolle Klinkerfassade

Das Relief der neuen Klinkerfassade ist von Hand in erstaunlicher Sorgfalt gemauert: eine ornamentale Rautenstruktur, die je nach Sonnenstand ihre Präsenz verändert und sogar den oberen Abschluss des Turms, unter dem sich die Lüftungsanlagen befinden, bedeckt. Klinker derselben Art, wie sie auch in der gemauerten Fassade Verwendung finden, sind hier auf Stahlstäbe aufgefädelt. So kann die von den Lüftungsanlagen benötigte Luft über die offenen Fugen dieser Konstruktion einströmen. Für die im Brandfall benötigten größeren Luftmengen der Entrauchung sind durch Weglassen von Klinkerstäben in der Systematik des Daches zusätzliche Öffnungen realisiert. In Textur und Farbe, Format und Fugenbild gleicht das neue Ziegelmauerwerk dem damaligen Reichsformat. Die Patina des alten Ziegels, ein Erbe der industriellen Vergangenheit der Stadt und von den Architekten ganz bewusst belassen, rückt so ins Blickfeld: eine subtile und doch eindeutige, im besten Sinn architektonische Interpretation der Aufgabe. Und Baukunst, zweifelsohne.

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