Studentenwohnungen, Paris/FR

Wohnen mit Mehrwert
Studentenwohnungen, Paris/FR
 

Jenseits des Périphérique in Paris, inmitten eines

Staderneuerungsgebietes, haben die slowenischen Architekten Spela Videcnik und Rok Oman wieder einmal gezeigt, wie sie ein so banales, wie auch standardisiertes Programm wie ein Studentenwohnheim durch eine geschickte Komposition von geschlossenen und halboffenen Volumen zu einem herausragenden architek­tonischen und städtebaulichen Projekt können.

Spela Videcnik und Rok Oman, die beiden Abgänger der Architectural Association (AA) in London und Gründer des Architekturbüros OFIS in Ljubljana, haben bereits in der Vergangenheit durch verschiedene Wohnbauprojekte wie die Lace-Wohnungen in Nova Gorica, dieTetris-Wohnungen in Ljubljana, oder die Hayrack-Wohnungen in Cerklje auf sich aufmerksam gemacht.

2008 konnten sie sich beim internationalen Wettbewerb für den Bau von 192 Studentenwohnungen in Paris mit einem einfachen, aber auch genialen Konzept gegen ihre Konkurrenten durchsetzen. Das Wohnen in Studentenheimen hat in Frankreich eine lange Tradition und wird von vielen Studenten dem Wohnen in Wohngemeinschaften vorgezogen. Doch die Architektur von Studentenheimen hat in Frankreich generell ein schlechtes Image: siloartige, auf die minimalen Bedürfnisse reduzierte Wohnzellen mit repetitiven Grundrissen und dies meist ohne Außen-

räume. Im Falle des Studentenheims an der Route des Petits Ponts forderte der Auftraggeber ausschließlich behindertengerechte Einzelzimmerwohnungen.

Am Limit

Die gut orientierte, schmale Parzelle von rund 200 m Länge und nur 11 m Breite, die sich in Nord-Südrichtung erstreckt, ist Teil eines von den Pariser Architekten und Stadtplanern Reichen & Robert et Associés ausgearbei- teten Masterplans. Das Grundstück liegt am Rande des 19. Arrondissements im Nord- osten der Stadt, jenseits der Périphérique mit Blick auf den Parc de la Villette.

Wie in anderen Großstädten Europas sind auch in Paris freie Grundstücke Mangelware und deshalb sehr teuer, weshalb man auch an diesem Ort kompatible Programme übereinander gestapelt hat. So wird die Mauer der Grundstücksgrenze an seiner Westseite durch das Remisegebäude der neuen Straßenbahnlinie gebildet. Das Dach dieses etwa 3-stöckigen Gebäudes wurde in ein Fußballfeld umgewandelt. An der Westseite trennen verschiedene Sportfelder das Gebäude von der Périphérique. An der Ostseite überblicken die Loggien und Balkone der Studentenwohnungen die Route des Petits Ponts, die im Zuge der Implementierung der neuen Straßen­­-
bahnlinie entlang der Périphérique zu einem Boulevard mit Radfahrstreifen und breiten Bürgersteigen ausgebaut wurde.

Wie bei den meisten Studentenheimen gibt es auch bei diesem Projekt vereinheitlichte Wohnungsgrundrisse. Die rund 35 m² großen Wohnstudios besitzen zwei Außenbereiche: an der Westseite liegt der offene Erschließungsgang mit seinem gemeinschaftlichen Charakter, von dem aus man die verschiedenen Sportfelder gut überblickt. Die Loggien und Terrassen an der Ostseite sind der privaten Nutzung der Bewohner vorbehalten. Die beiden Gebäude mit einer maximalen Höhe von 29,20 m haben zehn Geschosse und zeichnen sich durch sehr funktionelle und klar struk- turierte Grundrisse aus: im Erdgeschoss sind die verschiedene Funktionsräume wie die Technikräume, die Fahrradabstellräume, die Müllräume und die Zugänge zu den verschiedenen Treppenhäusern angeordnet. Die fast vollständig geschlossene Schalung aus HPL- beschichteten Brettern reicht im Erdgeschoss bis auf das Bürgersteigniveau. Nur der doppelge­schossige Gemeinschaftsraum an der Schnitt­stelle zwischen den beiden Gebäuden besitzt eine raumhohe Verglasung und öffnet sich sowohl zum kleinen Garten als auch auf die Straße. Durch die Überhöhung des Erdgeschosses und der auf X-förmigen Rundstahlstützen aufgeständerten Brücke des 2. Oberge­schosses wirkt das Gebäude sehr leicht und scheint im Mittelteil über dem Grund zu schweben. Auch die Lobby des Eingangs mit den Briefkästen für die Studenten und dem Pförtnerhaus ist zur Hälfte doppelstöckig ausgeführt und erweckt dadurch einen luxuriösen Eindruck.

Zu den Zugängen auf der straßenabgewandten Seite gelangt man mittels eines

Magnetkartensystems über die begrünten Zwischenhöfe. Die Zugänge liegen an einem Gang, der von der weiß gestrichenen und im Hofbereich von Kletterpflanzen überwachsenen Mauer des Remisegebäudes gebildet wird. Die schmalen Gärten sind durch Zäune aus verschränkten, leicht gebogenen Stahlstäben begrenzt. Sie trennen einerseits die beiden Volumen voneinander und bilden andererseits die Distanz zu den Nebengebäuden. Durch die zwei Brücken im 1. bzw. 2. Obergeschoss schaffen es die Architekten, die beiden ungleichen Volumina visuell miteinander zu verbinden.

Skulptur

Die zufällig angeordneten Loggien und Balkone an der Ostseite kreieren eine facettenreiche Straßenfassade, die das Gesamtvolumen und die Länge des Gebäudes optisch reduzieren. Die durch die Bauordnung vor­gegebene Abstufung der Außenbereiche vermindert scheinbar auch die Höhe des Ensembles. Die meisten der vorgefertigten,

loggiaartigen Balkone haben einen trapezförmigen Grundriss und werden von zwei Wohnungen genutzt. Sie verspringen und verdrehen sich zueinander, wodurch die Gebäude eine sehr plastische, skulpturartige Wirkung bekommen. Die Verschalungen biegen sich ebenso um die Schmalseite der Gebäude, wodurch dem Ensemble zusätzlich das Riegelhafte genommen wird.

Das Grau der Putzfassade des Hauptkörpers lässt die braunen Loggien optisch hervortreten. Die graue Brettverschalung setzt sich als stilistisches Element in den obersten beiden Geschossen fort, wobei die Abstände zwischen den Brettern verdoppelt wurden.

Die Westseite des Gebäudes ist durch ein X-förmiges Stahlfachwerk geprägt, dessen Zwischenträger leicht nach innen gezogen wurden, wodurch sich die gefaltete, metal-

lene Seitenwand des Ganges ergibt. Die Stahlträger dienen sowohl der Befestigung des Maschendrahtes als auch der Aussteifung der vor die Fassade gesetzten Laubengänge. Durch einen geschickten architektonischen und konstruktiven Trick gelang es den Architekten auch hier, aus einem sehr funktionellen, an sich banalen Element ein 3-dimensionales Objekt zu schaffen.

Weiß

Ein Hauptanliegen der Architekten war es, den Studenten optimal belichtete und be- lüftete Zimmer zu bieten. Die einfachen und funktionellen Wohnungen haben die gleiche Größe und sind alle querdurchlüftet. Selbst die Badezimmer besitzen Fenster unter der Decke, die sich an der Gebäudeaußenseite hinter den mit runden Löchern perforierten Fassadenplatten seitlich oberhalb der Eingangstüren verbergen.

Die gesamte Innengestaltung der Stu­dios ist in Weiß gehalten. Ein längsseitiger Schrank­verbau integriert nicht nur die Kleiderschränke, sondern auch die kleinen Küchenelemente und einen Schreibtisch. Demgegenüber liegt die einfach eingerichtete Nasszelle mit der Toilette sowie der Wohn- und Schlaf-bereich. Auch hinsichtlich des Energieverbrauchs entspricht das Gebäude den hohen Anforderun­gen der Stadt Paris: mit einer Außen­­­­­­­­­­­­­dämmung von 20 cm und den Balkondecken, die wie die Betonplatten der Laubengänge vom Haupt­körper entkoppelt sind, um Wärmebrücken zu verhindern, wird der Energieverbrauch auf ein Minimum reduziert. Die 3-Scheibenverglasung der Fenster verhindert unnötige Wärmeverluste. Die großen Glasflächen reduzieren die Notwendigkeit von Kunstlicht. Auch in den verglasten Treppenhäusern benötigt man wenig Kunstlicht.

Die rund 300 m² große Photovoltaikanlage auf dem Dach produziert hauseigenen Strom. Das Regenwasser wird für die Bewässerung der Gartenanlagen gesammelt und wie­derverwendet. Régie Immobilière de la Ville de Paris (RIVP), einer der größten Bauherren für Sozialwohnungen in Paris, und OFIS Arhitekti beweisen, dass ein Studentenheim effizient, schön und auch architektonisch attraktiv sein kann gerade in einer Zone, der es durch die heterogene Bebauung an Charme mangelt. Michael Koller, Den Haag

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