Wohnbegleiter und Konsumtempel: Lidl

Lidl verbindet Wohnen mit Einkaufen – oder andersrum?

„Das ist ein Lidl-Standort mit begleitendem Wohnen, nicht Städtebau mit Lidl drin“, so der zuständige Bereichsleiter Immobilien der Lidl-Vertriebs GmbH anlässlich der Präsentation eines städtebaulichen Wettbewerbs Ende 2018. Es geht darum, wie sich der Lebensmittelkonzern Lidl mit in Deutschland rund 3 200 Filialen und rund 79 000 MitarbeiterInnen in Zukunft aufstellen wird: Neben dem Verkauf von Lebensmitteln arbeitet der zur Schwarz Gruppe gehörige und weltweit agierende Konzern jetzt vermehrt auch planerisch aktiv auf dem weiten Feld der Immobilienentwicklung. Noch allerdings offenbar im Kontext mit einer Filiale, der gleichsam die Wohnungen der Kunden dazugestellt werden: Das Wohnen soll das Einkaufen „begleiten“.

Das hier angesprochene „Lidl-Standort mit begleitendem Wohnen“ befindet sich auf dem „Nürk-Areal“ in der Esslinger Pliensauvorstadt. Für die Entwicklung des ehemaligen Gewerbeareals südlich des Neckars wunderbar eingefasst von einer mehrspurigen Straßenschleife hat Lidl mit der Stadt Esslingen einen Architektenwettbewerb durchgeführt, den das Stuttgarter Architekturbüro Peschke Partner gewonnen hat. Auf dem rund 1 ha großen Gelände ist nicht nur ein neuer Lidl-Markt vorgesehen, sondern gleich ein ganzes Stadtviertel mit Drogeriemarkt, öffentlichen Plätzen und rund 180 Wohnungen; das Ganze unterkellert von einer Tiefgarage mit 400 Stellplätzen. Geplant ist, dass ab 2024 am Fuß des Zollbergs und keine zehn Gehminuten vom Esslinger Bahnhof entfernt bis zu 400 Menschen leben. Und eben auch täglich einkaufen. Lebensmittel.

In Köln-Buchforst wurde im Sommer dieses Jahres ein Lidl-Markt eröffnet, der schon mal andeutet, wohin die Reise bei dem Konzern geht: weg vom Discounter-Image, hin zu einer urbanen Architektur, die so tut, als sei sie fester Bestandteil des Ensembles. Innen drin allerdings – immer noch – offenbart sich der außen aufgestylte und pseudokontextuelle Ansatz als reines Mimikry: Das nach Norden abfallende große Flachdach ist eine auf Leimbindern liegende Trapezblechdecke, unter der die Hallenfläche mittels Lagerregalen gegliedert wird. Lediglich ein kleiner Backshop – Teil des Volumens, das für Büro- und Sozialräume als eigenes Teil in die Halle gerückt wurde – deutet auf minimalen Gestaltungswillen.

Dafür außen: Säulenportal und Lisenenstruktur im großflächigen Klinkerverbund sollen auf die Materialität der Umgebung zielen und das Architektonische herausstreichen. Der Platz vor dem Eingang hinter den Säulen ist möbliert und soll hier Leben aktivieren, das der umliegende Stadt-/Straßenraum offenbar nicht aktivieren kann. Dabei ist ganz in der Nähe mit „Blauer Hof“ und „Weiße Stadt“ sanierter Wohnungsbau aus den 1920er-Jahren vorhanden, dessen Qualität (Entwürfe Wilhelm Riphahn und Caspar Maria Grod) bis heute wirksam ist und der dieses Wohnviertel ganz wesentlich prägt.

Neben dem Lidl mit riesigem Parkplatz vor der Tür erhebt sich ein (Schutt-)Hügel, der auf seine Entwicklung wartet, die ein möglicherweise kontaminierter Boden oder die Nähe zum Gleis bisher ausgebremst hat. Vielleicht kann Lidl hier noch aktiv werden, um die jetzt noch trotz aller Mühen isoliert stehende Verkaufshalle in einen urbanen Kontext einzubinden? Be. K.

www.caspar.archi/de, www.lidl.de

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