Gleichberechtigt, statt exklusiv

Wohn- und Gewerbeüberbauung Zollhaus, Zürich/CH

Der Name verrät es schon: Das Wohnprojekt Zollhaus steht an einer wichtigen Stelle in Zürich, an der sich das frühere Viadukt und die heutige Langstraße kreuzen. Das an die Langstraße angrenzende Quartier ist so durchmischt wie wohl kaum ein anderes in der Halbmillionenstadt. Hier wird gewohnt, gefeiert, gedealt und geraubt, hier ist man wohlhabend oder arm oder obdachlos, alles hat nebeneinander Platz. Bisher zumindest. Mit den steigenden Immobilienpreisen und der Verdrängung der im Stadtbild ungeliebten Armut verändert sich der Ort und er verliert mehr und
mehr die Menschen, die ihn geprägt haben.

„Der Ort hier ist auch ein Gegenpol zu dem, was da drüben passiert ist“, sagt Architekt Philipp Fischer und weist in Richtung Europaallee, Zürichs Groß-Immobilienprojekt. Dort hätten die Schweizerischen Bundesbahnen SBB ein nicht mehr für den Bahnbetrieb benötigtes, stadtzentrales Filetstück vergoldet. „Eigentlich sollten dort im Rahmen vom ursprünglichen HB-Südwest Projekt auch Genossenschaftswohnungen entstehen und das Quartier eine Durchmischung erfahren, das ist aber nicht passiert“, so der Architekt. Ab 1999 wurde die staatliche Eisenbahngesellschaft zur Aktiengesellschaft des öffentlichen Rechts. Wie auch in Deutschland war das Unternehmen in die Bereiche Bahn, Infrastruktur und Immobilien aufgespalten worden. Ungenutzte Flächen an Hauptbahnhöfen wurden rückgebaut und teuer verkauft. Leider kam bei diesen privaten Flächen der kantonale Leitgedanke, bei Wohnbauvorhaben einen Genossenschaftsanteil von 25 % anzustreben, unter die Räder – und das bei 400 Wohnungen auf dem 80 000 m² großen Areal der heutigen Europaallee. „Wir haben eine Politik aufgebaut, in der ein Staatsbetrieb Mietzinspolitik macht, die nichts mit städtischen Strukturen zu tun hat“, so Fischer. „Damals wurde der SBB an der Europaallee eine sehr hohe Bebauungsdichte genehmigt. Das Zollhaus ist dann auch unter diesem Druck entstanden, dass die Stadt hier anders agieren muss.“

Bauherrin des Zollhauses ist die Genossenschaft Kalkbreite, die bereits das Erstlingsprojekt von Müller Sigrist Architekten in Zürich bauen ließ und das Land dafür von der Stadt im Baurecht erhielt. Beim Zollhaus-Grundstück gehörte ein Teil bereits der Stadt, den anderen kaufte sie von der SBB. Erstmals führte die Stadt dann ein Bieterverfahren für Genossenschaften durch und sammelte so mögliche Konzepte, wie an diesem Ort quartiersverträglich und -verbindend gebaut werden könnte.

Die siegreiche Genossenschaft Kalkbreite lud anschließend zu einem offenen internationalen Architekturwettbewerb ein, den das Schweizer Büro Enzmann Fischer Architekten 2015 gewann. In ihrem Entwurf nehmen die ArchitektInnen die ­vorhandenen Blick- und Bewegungsbeziehungen auf und bebauen das schmale Grundstück mit drei in den Obergeschossen eigenständigen Baukörpern, die sich ein gemeinsames Sockelgeschoss teilen. „Das kleinste Haus sollte die größten Fenster bekommen und die kleinsten Nutzer“, so Fischer – in Haus C ist der Kindergarten untergebracht, mit großer Dachterrasse, deren hoher Zaun künftig dicht berankt sein und Schatten spenden soll. Bei den Häusern B und A hingegen, in denen sich Wohnungen und gewerbliche Nutzungen befinden, sind die Dachterrassen mit übertiefen Pflanztrögen abgegrenzt. Die Dachfläche dazwischen ist für alle BewohnerInnen und GewerblerInnen des Hauses offen. Manche Zonen sind dabei eher der Ruhe vorbehalten, andere dem geselligen Gärtnern oder Beisammensein. Da die Gemeinschaft gelebt werden soll, wird hier komplex gedacht: Die mobilen Küchen aus dem ­Gemeinschaftsraum von Haus B können zu den Terrassen ­gebracht und dort genutzt werden. Die Räume auf Terrassenniveau dienen ebenso der Gemeinschaft, sind Ateliers, Werkstätten oder Besprechungszimmer. Diese Vielfalt an gemeinsam nutzbaren Räumen ist möglich, weil die ArchitektInnen es bereits im Entwurf so vorsahen: Während im kantonalen Durchschnitt pro Person 45 m² bewohnt werden, sind es hier rechnerisch 30 m². Davon wurden jeweils 3 m² abgezogen und die insgesamt gewonnene Fläche für die sogenannten Aneignungsräume genutzt. Wer hier wohnt, sollte sich für kompakte Belegung, Gemeinschaft und Partizipation interessieren.

Das 25 m hohe Haus A kann man als Kernstück des Projekts betrachten. Neben Café und kleinen Läden im Erdgeschoss befindet sich hier auch ein Theater, das man über das große Foyer des Hauses erreicht. Das Foyer dient dabei sowohl als Zugang zum Haus als auch als Durchgang zum Restaurant, Aufgang zum Café und Vorplatz des Theaters. Als ein Brandabschnitt konzipiert, reihen sich hier wie in einer Stadt Platz, Treppe, Café, Aufgang und Durchgang zu Pension und Arztpraxis aneinander. Brandschutztechnisch erlaubt war das in dem insgesamt 11 m hohen Raum, weil auf jeder der drei Ebenen eine separate Entfluchtung möglich ist – ob in ein zweites Treppenhaus, auf die vorgelagerte Terrasse in Richtung Gleise oder im Erdgeschoss über die Fassade.

Die vielen Ein- und Durchgänge beschränken sich aber auf den öffentlichen Bereich des Hauses, ab dem dritten Obergeschoss wird es privat. In dessen geschlossenem Innenhof dominieren die Geräusche der BewohnerInnen, die nahen Züge sind kaum mehr hörbar. Während in den zwei darüber liegenden Wohn­etagen eher standardisiert gewohnt wird, mit offenen Küchen und Schlafzimmern entlang der Fassade, ist das Thema des 4,15 m hohen dritten Obergeschosses das Hallenwohnen. Auf einer Seite der Etage bilden 280 m² Fläche dabei die größte Halle, gegenüber gibt es drei kleinere – eine Art „Legalisierung des Besetzertums, das Zürich über Jahrzehnte prägte“, bemerkt Philipp Fischer dabei. Die MieterInnen haben die Räume zum Selbstausbau als Rohling übernommen, lediglich in den kleineren Hallen waren einige Trennwände aus Holz gesetzt. In der größten Halle hingegen ist der Raum ständig änderbar, denn gewohnt wird in – aus Holz selbstgebauten – zweigeschossigen Wohntürmen mit einer Grundfläche von 3 x 3 m, die auf Rollen verschoben werden können. Bis auf die Nasszellen und die Küche können die BewohnerInnen hier frei gestalten – was dank der Bauweise als Skelettbau mit Stahlbetonstützen lediglich entlang der Fassade möglich wird. Der kleine Innenhof erweitert den Wohnbereich für alle und schafft einen Ort der Gemeinschaft, der mit den Jahren individuell gestaltet und begrünt werden wird. Generell versprüht alles einen sehr rohen Charme, was Gewöhnung bedarf. Sichtbetonwände, Fensterrahmen aus verzinktem Stahl und beigegraue Faserzement-Wellplatten vor den nichttragenden Fassaden schaffen jene industrielle Rohheit, die laut den ArchitektInnen optisch zur Geschichte der Gleisarchitektur passt. Die Materialien kommen aus der Schweiz, die beteiligten Handwerker aus der Nähe. Kostengünstig zu bauen und dann das gesparte Geld sinnvoll im Projekt zu verwenden, war ein großes Anliegen. „Aber günstig Bauen heißt auch, hart am Wind zu segeln. Wir haben beim Entwurf analysiert, welche Kostentreiber wir vermeiden können und verzichteten deshalb zum Beispiel auf private Balkone“, erklärt Fischer. „Statt im privaten Grün zu sein, verbringt man gemeinsam Zeit auf der Terrasse. Wir haben die Architektur immer als Bühne gesehen, für die Aufführungen sind die Genossenschaft und deren Mitglieder zuständig.“ Katinka Corts, Zürich/CH

Projektdaten

Objekt: Neubau Wohn- und Gewerbeüberbauung Zollhaus

Standort: Zollstraße, Zürich/CH

BauherrIn/NutzerIn: Genossenschaft Kalkbreite

Architektur: Enzmann Fischer Partner AG,

Zürich/CH, www.enzmannfischer.ch

Team: Philipp Fischer, René Müller,

Oliver Bachmann, Delia Burgherr, Janine Broering, Lukas Mähr

Bauleitung: ffbk Architekten AG, Zürich/CH,

www.ffbk.ch

Bauzeit: 05.2018 – 02.2021

Zertifizierungen: Minergie-P Eco

Grundstücksgröße: 4 827 m²

Grundflächenzahl: 0,56

Geschossflächenzahl: 3,2

Nutzfläche gesamt: 13 641 m²

Hauptnutzfläche: 8 734 m²

Nebennutzfläche 2 640 m²

Technikfläche: 732 m²

Verkehrsfläche: 1 535 m²

Konstruktions-Grundfläche: 1 836 m²

Brutto-Grundfläche: 15 477 m²

Brutto-Rauminhalt: 56 393 m³

Baukosten (nach DIN 276):

Gesamt brutto: 49,64 Mio. € (BKP 1-9, ohne ­Parkierung)

(Geschossfläche) Hauptnutzfläche: 1934 €/m²

(BKP 2)

(Gebäudevolumen) Brutto-Rauminhalt: 346 €/m³ (BKP 2)

Fachplanung

Bauingenieur: HKP Bauingenieure AG, Zürich/CH,

www.emchberger.ch/de/hkp-bauingenieure-ag

Holzbauingenieur: B3 Kolb AG, Romanshorn/CH, www.b-3.ch

TGA-Planung: RMB Engineering AG Zürich, Zürich/CH, www.rmb.ch

Fassadenplaner: GKP Fassadentechnik AG, Aadorf/CH, www.gkpf.ch

Elektroplanung: Thomas Lüem Partner AG, Dietikon/CH, www.tlp.ch

Akustik: BAKUS Bauphysik & Akustik GmbH, Zürich/CH, www.bakus.ch

Landschaftsarchitektur: Koepfli Partner Landschaftsarchitekten BSLA, Luzern/CH,

www.koepflipartner.ch

Brandschutz: BIQS Brandschutzingenieure AG, Zürich/CH, www.biqs.ch

 

Energiekonzept

Beton- und Stahlbetonarbeiten: Gebäudekomplex bestehend aus zwei durchgehenden Sockelgeschossen (Untergeschoss + Erdgeschoss) und ab dem 1. Obergeschoss drei separaten Gebäuden. Die Gebäude sind ausnahmslos in Massivbauweise errichtet. Nichttragende oder gering beanspruchte Wände sind in Mauerwerk ausgeführt. Alle nichttragenden Innenwände sind in Leichtbauweise ausgeführt.

Montagebau in Holz: Nichttragende Außenwandelemente bestehend aus gedämmten Holzrahmen mit einer nichtbrennbaren äußeren und einer aussteifenden inneren Beplankung, die gleichzeitig als Dampfbremse dient. Vorsatzschalen aus einer Installationsebene und einer inneren Schallschutzbeplankung aus Gipsfaserplatten.

Montagebau als Leichtkonstruktion – Fassade: Ab 1. OG bis DG inkl. Innenhof Haus A: hinterlüftete Fassadenverkleidung aus Faserzementplatten roh und unbeschichtet. Unterkonstruktion: Holz mit Lattung und Konterlattung. Im Bereich EG-Nord gegen die Zollstraße sowie Haus A EG-West ist der opake Fassadenteil auf der Außenseite mit feuerverzinkten Stahlblechen beplankt. Die ganze EG-Fassade südseitig sowie beim Haus C ost- und nordseitig ist eine zweischalige Konstruktion mit vorfabrizierten Sichtbetonteilen außen.

Fenster, Außentüren, Tore: Fenster, Außentüren und Tore im EG und 1. OG: Stahl feuerverzinkt. Ab 1. OG bis 5. OG: Holz-Metall Fenster, raumhoch.

Äußere Abschlüsse, Sonnenschutz: Sämtliche Fenster vom 1. OG bis DG haben einen außenliegenden Sonnenschutz. EG-Nordfassade sowie Westfassade Haus A mit außenliegender Fallarmmarkise mit textilem Behang.

 

U-Werte Gebäudehülle:

Außenwand = ca. 0,14 W/(m²K)

Bodenplatte = ca. 0,19 W/(m²K)

Dach = ca. 0,12 W/(m²K)

Fenster (Uw) = ca. 1,00 W/(m²K)

Hersteller

Beleuchtung: Sammode, www.sammode.com, Regent Beleuchtungskörper AG, www.regent.ch

Linoleum: Forbo, www.forbo.com

Bodenplatten: Winckelmans, www.winckelmans.com; Mosa, www.mosa.com

Parkett: Berg&Berg, www.bergundberg.com

Dach: Swisspor, www.swisspor.ch; Soprema,

www.soprema.ch

Photovoltaik: Helion, www.helion.ch

Fassade: Eternit, www.eternit.ch; Külling,

www.kuelling-ag.ch

Trockenbau: Saint Gobain Rigips, www.rigips.ch

Glasbausteine Seves Glass Block, www.sevesglassblock.com

Akustikziegel: GIMA, www.gima-ziegel.de

Aufzüge: Schindler, www.schindler.ch

Deckenverkleidung: Eternit, www.eternit.ch, Heradesign, www.knaufceilingsolutions.com

Sanitär: Laufen, www.de.laufen.com, Alterna,

www.alterna.swiss

Sonnenschutz: Storama, www.storama.ch, Kästli,

www.kaestli-storen-ag.ch

Türen, Tore: Aepli, www.aepli.ch, Dormakaba,

www.dormakaba.com

Wärmedämmung: Saint-Gobain Isover, www.isover.ch, Swisspor, www.swisspor.ch, Rockwool,

www.rockwool.com, Misapor, www.misapor.ch

Ein wunderbares Beispiel dafür, wie es gelingen kann, an einem schwierigen Ort ein lebendiges Stück Stadt zu entwickeln. Die Nutzungsmischung aus Wohnungsbau, Gewerbe, Gemeinschaft und Kultur vernetzt das Ensemble mit der Nachbarschaft und schafft zugleich durch ein Gefüge aus unterschiedlich proportionierten Räumen vielfältige Aneignungsmöglichkeiten für das gemeinschaftliche Leben.« DBZ Heftpartner Damrau Kusserow Architekten, Köln

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