MENTORING

»Wir sollten unseren Blick weiten«

Im Gespräch mit Freo Majer, Forecast Festival, Berlin

Das Forecast Festival in Berlin versteht sich als internationale Plattform für Pioniere aller Art. Grund genug, sich mit dem Festivalkurator, Freo Majer, über diesen besonderen Zugang auf Zukünftiges zu unterhalten.

Sehr geehrter Herr Majer, Innovationen brauchen Freiraum. Wieviel davon?

Freo Majer: Der Freiraum darf schon groß sein! Als wir zu Beginn des Projekts die unterschiedlichen Akteure eingeladen haben, war uns klar, dass wir denen keine engen Grenzen vorgeben dürfen. Wir vertrauen darauf, dass wenn wir die richtigen Fragen stellen, das richtige Angebot machen, wir auf die relevanten Projektideen oder Arbeitsweisen stoßen werden. Wir sind davon überzeugt, dass es die klugen Köpfe, die wir suchen, auch gibt. Es ist nur niemand da, der gezielt auf sie zugeht, sie anspricht. Jetzt tun wir das! Was wir machen, ist sehr einfach und menschheitsgeschichtlich lange ausprobiert: Wir arbeiten mit dem Mentoring. Das ist die denkbar größte Freiheit in einem solchen Prozess: dass wir zwei Menschen zusammenbringen, ohne dass ein ganz bestimmtes Ergebnis, eine Arbeitsweise gefordert wäre.

Wie kommen die beiden zusammen, Mentor und kluger Kopf?

Das ist tatsächlich eine schwierige Sache, weil hier sehr viel zusammenkommt. Zu dieser Edition haben wir 400 Bewerbungen aus 82 Ländern bekommen und ich muss leider sagen: Das Niveau ist durchgängig sehr hoch! Was die Auswahl nicht erleichtert, wie Sie sich vorstellen können. Im Mai konnte dann jeder der Mentoren drei Kandidaten zu unserem Forum einladen, an dessen Ende die Wahl des- oder derjenigen feststehen muss.

Wie sind Sie, wie ist Forecast in diesen Findungsprozess involviert?

Wir nehmen keinerlei Einfluss auf den Prozess, aber natürlich wollen wir wissen, wieso es am Ende zu der Auswahl kam. Wir wollen ja nicht einfach nur Menschen in einem genialischen Zusammenprall erleben, sondern dass das komplette Mentoring ein erzählbarer Vorgang wird. Also möchte ich auch im Vorfeld der Auswahl die Kriterien wissen, nach denen die Mentoren ihre Entscheidungen für oder wider treffen. Diese Auswahlkriterien, ihre Strategien bespreche ich auch mit den Mentoren.

Bei solcher Freiheit verliert man schon mal das Ziel aus den Augen. Und mit Blick auf die Steuergelder, die hier fließen, frage ich Sie, welchen praktischen Nutzen hat Forecast für uns alle?

Ich bin ganz sicher, dass wir uns von den meisten geförderten Projekten deshalb unterscheiden, weil wir zwar sehr spekulativ starten, also die schon angesprochene Freiheit geben, am Ende dann aber ganz konkret und erlebbar werden. Auf dem Festival wird jeweils eine Art von Prototyp gezeigt, was nicht unbedingt ein Objekt sein muss. Also eine Performance, eine Videoprojektion, ein Designobjekt, alles das hat mit Raum und Zeit und Materialität und damit mit dem ganz Konkreten zu tun. Was nichts anderes bedeutet, als dass das Ergebnis der Arbeit auch überprüfbar wird. Man kann erkennen, ob ein Ziel erreicht wurde oder nur eine Etappe, ob die Arbeit eine Sackgasse ist oder Grundlage für ein Weiterarbeiten.

Klingt dennoch abgehoben und bildungselitär. Wen wollen Sie mit diesem Projekt denn tatsächlich erreichen?

Ich denke, dass jedes der Projekte bisher auf unterschiedlichen Ebenen wahrnehmbar ist. Neben allem intellektuellen Gestus gibt es immer auch den sinnlich erfahrbaren Anteil der Arbeiten, die Emotionen ansprechen über Schönheit, Harmonie oder auch das Gegenteil davon. Wir haben – gerade auch mit Blick auf unseren Anspruch der Interdisziplinarität – gar keine Lust, nur für ein Fachpublikum zu arbeiten.

Ist es schon mal gelungen, einen der hier entwickelten Prototypen in ein ­Leben danach zu führen?

Geradezu bei allen. Projekte, die mit der Präsentation auf dem Festival ihren Abschluss gefunden haben, sind die Ausnahme. So ist beispielsweise ein Projekt aus der ersten Edition gerade sehr erfolgreich. Teil der großen Ausstellung „Coder le monde“ im Centre Pompidou wurde „Mine the Scrap“ von Tobias Nolte gerade vom Centre Pompidou angekauft. Tobias Nolte hatte damals Jürgen Mayer H. als Mentor. Sein Projekt ist eine neue Technologie, die mit Hilfe eines Algorithmus Bauabfall scannt und aus den so gefundenen Bauteilen eine größere Struktur fertigen kann. Diesen Prozess hier im Haus der Kulturen der Welt erleben zu können, das war das Ereignis damals!

Das Projekt ist damit natürlich noch nicht am Ende, jetzt wird nach Anwendungsmöglichkeiten in der Industrie gesucht.

Ist Ihr Konzept des freien Zugangs zu Problemen ein Gegenentwurf zur zunehmenden Verschulung an den Hochschulen? Lässt sich Forecast irgendwie in die Lehre, die Ausbildung übertragen?

Das kann ich mir absolut vorstellen und fände es auch wünschenswert. Das Verschulungsphänomen, das Sie ansprechen, ist ein Prozess, der durchaus gesamtgesellschaftliche Auswirkungen hat. Denn in dem Moment, wo gesagt wird, wir brauchen Innovationen, weil wir dieses Produkt verbessern wollen, dieses Problem lösen wollen, dann kennt man die 2  mm bereits, die man vorangehen will. Und die kreativen Köpfe sollen sich nun über diese Winzigkeit Gedanken machen! So entstehen meiner Überzeugung nach keine Innovationen. Innovation braucht das Spekulative, das Freizügige, Erratische …

Bekommt man das in einen Lehrplan?

Wir brauchen sehr viel weniger Restriktionen und vorgegebene Formate. Wir brauchen agile Cluster von Köpfen, die erst einmal so zusammenarbeiten sollen, wie es ihnen passt. Mit genügend Reibungspunkten! Zudem ist es sehr wichtig, die Übergangszeiten zwischen Ausbildung und Praxis so auszustatten, dass das Geld vorhanden ist, um diese wertvolle Zeit nicht mit z. B. Fördermittelakquise zu belasten. Ich glaube, viele unserer besten Kreativen können das auch überhaupt nicht, diesen ganzen bürokratischen Weg gehen!

Wer sollte hier mit Geld fördern? Die Gesellschaft? Die Unternehmen?

Ich glaube, der Bund hat hier die Souveränität und das übergreifende Interesse, mit Großzügigkeit nicht jedes Detail steuern zu wollen. Auf Landes- oder kommunaler Ebene besteht die Gefahr, dass man hier zu sehr auf die konkreten Probleme vor der Haustür schaut und größere, aber sie natürlich ebenso betreffende Fragestellungen gar nicht im Blick hat.

Ein Problem sehe ich bei den Förderprogrammen, die Altersbeschränkungen haben oder sich nur an eine spezielle Klientel richten.

Warum haben Sie das Festival mit dem Strang „Housing the Human“ um den Architekturaspekt erweitert?

Das hatte verschiedene Gründe. Vor allem aber fand ich, dass die Arbeiten, die zu praktischeren Lösungen führen, eine andere Art von Aufmerksamkeit brauchen. Denn bei den Arbeiten, die sich auf Architektur, aber auch auf Städ­tebau, beziehen, spielt immer auch Technologie, spielt Materialität eine große Rolle. Das erschien mir zu viel für das „normale“ Format und so haben wir die dritte Auflage des Festivals erweitert mit „Housing the Human“.

Mit Blick auf die aktuellen Arbeiten: Wo finde ich den Blick auf das Kommende?

Die Frage ist doch, wie weit wir unseren Blick weiten wollen, was wir unter Zukunft verstehen. Ich finde, die Zukunft ist ganz schön lang. Natürlich kann man wunderbar in die Zukunft schauen, literarisch, filmisch, was weiß ich. Aber wenn man konkret verstehen möchte, konkrete Schritte machen will, dann tut es erst einmal gut zu schauen, wo es heute hingeht. Das können Sie bei den Arbeiten hier gut sehen: Alle sind in Bewegung, alles ist im Fluss und unser Blick könnte folgen. Wohin wissen wir nicht, aber wir bekommen eine Ahnung und die können wir diskutieren, reflektieren.

Wir dürfen uns nichts vormachen: Die Frage beispielsweise „Was bedeuten Toleranz oder Coexistenz?“ wird immer drängender und sie ist nicht erledigt, wenn man Abkommen schließt oder Hilfsorganisationen fördert.

Was mir noch wichtig ist im Zusammenhang mit dem Forecast: Hier übergibt der Arrivierte, der Mentor, den Staffelstab an den Nachfolgenden. Wer sich mit der Zukunft beschäftigt, muss lernen, auf die Jungen zu hören! Die sind von dem betroffen, was wir Älteren falsch und auch richtig machen.

Letzte Frage: Was machen Sie mit den Festival-Erkenntnissen am Ende?

Wir gehen mit den Inhalten, mit Erkenntnissen und Ergebnissen zu den anderen. Tauschen uns aus auf Symposien, sind Mitglied bei Future Architecture Platform, das europaweit vernetzt ist und wahrgenommen wird. Aber ebenso wichtig sind uns die, die wir über Social Media mit unseren Themen weltweit erreichen. Nicht unbedingt mit Forecast. Die bewerben sich dann vielleicht für das kommende Festival mit noch ambitionierte Projekten und das zu erleben, ist wunderbar und lässt mich für ­unsere Zukunft hoffen.

Mit dem agilen und wortreichen Kurator Freo Majer sprach DBZ Redakteur Benedikt Kraft am 11. Oktober 2018 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin.

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