Wie eine Art von Stoßdämpfer
Im Gespräch mit Volkwin Marg, gmp Architekten, Hamburg

Die „Freie und Abrissstadt Hamburg“, ein wenig schmeichelhafter Titel, den sich die Hansestadt vom Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark (1886-1914), verleihen lassen musste, macht wieder einmal von sich reden. Abgerissen werden soll der „City-Hof“, ein über Jahrzehnte vernachlässigtes Hochhausensemble mitten in der City am Klosterwall. Die Stadt will den City-Hof, der seit zwei Jahren unter Denkmalschutz steht, verkaufen. Der Käufer darf auch abreißen. Volkwin Marg, Gründungspartner von gmp, hatte für einen Investoren einen Sanierungsvorschlag eingereicht, den die Stadtoberen aber partout nicht haben wollen. Wir trafen Volkwin Marg im Hamburger Büro und befragten ihn zu den  Stichworten „Denkmalschutz“, „Werteverlust“ und seinen persönlichen Abrissphantasien.

Starten wir einmal sehr generell: Warum brauchen wir den Denkmalschutz?

Volkwin Marg: Alle Kultur ist Tradiertes. Tradition ist bewährter Fortschritt, Fortschritt ist weitergeführte Tradition. So jedenfalls hat Karl-Friedrich von Weizäcker das mal gesagt. Alles, was unsere Kultur ausmacht ist das Fortschreiben der kollektiven Leistungen und Erfahrungen für die Zukunft. Das soll Denkmalschutz bewahren. Wenn auch sehr selektiv.

Selektiv ja, und auch in seinen Bewertungsmaßstäben sicherlich zeitgeschichtlich gebunden?

Selbstverständlich. Da muss Denkmalschutz selektiv vorgehen. Stellte man alles, was erinnernswert wäre ausnahmslos unter Schutz, würden wir byzantinisch erstarren.

Können wir überzeitlich gültige Maßstäbe generieren?

Der Umgang mit der Erinnerung war immer zeitgeistgebunden. Im Prinzip will der Denkmalschutz Erinnerungswerte im Original bewahren. Weil sie ins allgemeine Bewusstsein hineingehören, aus dem Zukunft hergeleitet und definiert werden kann. „Ohne Herkunft keine Zukunft“ ist zwar ein Schlagwort, es hat aber volle Berech-tigung. Und zwar heute mehr denn je.

Warum?

Ganz einfach, weil der Veränderungsdruck so gewaltig ist und sich in Zukunft auch noch beschleunigen wird. Denken Sie an Hartmut Rosa und sein Buch „Beschleunigung“. Hier wird nachdrücklich belegt, dass wir zunehmend absorbiert werden von der Beschleunigung der technischen und gesellschaftlichen Veränderungen. Die

Folge: Wir verlieren das Bewusstsein für sinnstiftende Wertmaßstäbe, die für unser Handeln konstituierend sind. Das Problem wird heute zudem gesteigert durch die Chaos gebärende Ungleichzeitigkeit verschiedener Kulturepochen, die global vernetzt sind. Vor diesem Hintergrund wird eine Stabilisierung kulturellen Bewusstseins wichtig. Erinnerung wirkt da wie ein Stoßdämpfer.

Vom Globalen ins Regionale: Ist der City-Hof ein Stoßdämpfer?

Ja, sicher. Das ist aus der Geschichte heraus zu verstehen. Das gesamte Hamburger Kontorhausviertel ist die erste monostrukturelle Citybildung der Moderne in Europa. Diese Stadtumwandlung ist sti-listisch in verschiedenen architektonischen Phasen erfolgt. Neue Sachlichkeit, Expressionismus, Heimatschutz, Blut und Boden und schließlich, nach der Nazizeit, das Neue als Wiedergutmachung an die Internationale Moderne. Diese stilistischen Schichten, über eine Generation hinweg, sind Weltkulturerbe geworden, nicht einzelne Gebäude. Hier geht es um Kontinuität, die nicht nur auf den engeren Kern des Weltkulturerbes beschränkt ist, sondern natürlich auch dessen unmittelbare Fortschreibung durch den City-Hof.

Kontinuität? Hat der Architekt Rudolf Klophaus – allerdings im Auftrag des damaligen Oberbaudirektors, Werner Hebebrand, der ein Signal für eine neue Zeit setzen wollte – nicht eben einen Bruch provoziert?

Das sehe ich ganz anders. Das Kontorhausviertel steht insgesamt in einem Kontext von Brüchen, der politischen Brüche und natürlich der architektonischen. Einer davon ist der City-Hof, der genau den Wechsel von Nazideutschland in die junge Bundesrepublik kennzeichnet. Gerade diesen Bruch darf man nicht verleugnen. Hebebrand und seinen Leuten ging es ja ganz wesentlich darum, nicht den damals kontaminierten Backstein aus dem Hamburger KZ Neuengamme weiter zu verwenden, sondern Anschluss zu finden an die offene Bauweise der Moderne, die bei den Nazis so übel verfemt wurde.

Sie haben in der jüngsten Vergangenheit aber durchaus schon mal von einem möglichen Abriss der vier Hochhäuser gesprochen. Wie geht das mit dem Bild zusammen, dass sich Volkwin Marg gleichsam an den City-Hof ankettet, um ihn zu retten?

Denkmalschutz ist keine persönliche Ermessensfrage, hier geht es auch nicht um schön oder hässlich. Auch hat Denkmalschutz rein gar nichts mit Plebisziten zu tun. Wie Denkmalschutz hier in Hamburg definiert ist, steht explizit im Gesetz. Das hat sich der Hamburger Senat selbst geschrieben, ist mit zwei Jahren Lebensalter noch taufrisch und betrifft jetzt demonstrativ das größte bauliche Ensemble in der Stadt. Ein solches Gesetz darf man nicht mit formaljuristischen Tricks außer Kraft setzen. Wenn der Staat das tut, nur aus Profitmaximierung mit fadenscheinigen städtebaulichen Vorwänden, dann wird ein Präzedenzfall geschaffen, auf den sich jeder private Bauherr berufen kann. Das kommt der Abschaffung des Denkmalschutzes gleich.

Das ist jetzt aber nicht die Antwort auf meine Frage!

Ich kann als Architekt mit interessanten Bauwerken unterschiedlich umgehen. In dem Moment aber, wo etwas gesetzlich unter Schutz gestellt wird, ist das nicht mein, sondern ein kollektives Urteil, dem ich mich füge. Wie zum Beispiel beim Berliner Schloss. Ich habe damals auch die Möglichkeit durchgespielt, den Palast der Republik umzubauen oder mit Artefakten des verschwundenen Schlosses baukörperlich zu ergänzen. Da hat der Bundestag anders entschieden.

Wo sehen Sie Ihren Vorschlag zur Sanierung/Umnutzung des City-Hofs im Œuvre von gmp? Mir mutet er hier exotisch an.

Quatsch! Der City-Hof ist selbstverständlich in die Kontinuität unserer Arbeit einzuordnen. Sie übersehen, dass wir vielfach mustergültig Denkmalschutz praktiziert haben.

Man hat den Eindruck, dass Sie ganz schön viel Einfluss haben in der Hansestadt Hamburg?

Also, ich bin in der Tat ein interessierter Bürger und sogar von Geburt ein Hansestädter aus Danzig. Mich hat es nach dem Studium nach Hamburg verschlagen, weil diese Stadt eine traditionell republikanische Hafenstadt ist. Und natürlich gefällt mir deren kosmopolitisches Denken. Es ist nicht so, dass ich als Architekt hier in irgendeiner Weise besondere Beziehungen hätte. Kein Rotary Club, kein round table. 95 – 98 % unserer Projekte sind alles gewonnene Wettbewerbe, in Hamburg und in aller Welt …

Hier wollte ich nichts unterstellen! Ich bezog Ihren Einfluss eher auf den politischen Diskurs.

Ja, hier schalte ich mich als Zoon politikon ein, zumal ich in der DDR groß geworden bin, dialektisch geschult wurde und gleichzeitig Bert Brecht und Albert Schweitzer verehrte und immer auf der Seite von Minderheiten gestanden habe, die sich gegen Mehrheiten behaupten mussten. Ich mischte mich als BDA-Präsident gegen den Bau von Atomschutzbunkern ein, ebenso wie als Architekt für den Schutz der von ungeplanter Industrialisierung bedrohten Landschaft der Niederelberegion.

Zum Ende noch einmal das Stichwort „Abriss“: Was würden Sie in Hamburg abreißen lassen, wenn man Sie ließe?

Es gibt mitten im Weltkulturerbe Speicherstadt eine scheußliche neue Wasserstoff-Tankstelle, die die Stadt hat bauen lassen, und zwar an der schönsten und sicherlich auch sensibelsten Stelle des Weltkulturerbes. Das ist eine Sauerei, da würde ich sofort eine Planierraupe hinschicken!

Mit Volkwin Marg unterhielt sich DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 12. November 2015 im Hamburger Büro von gmp mit Panoramablick auf die Elbe.

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