Vorbild für die Zukunft
Sanierung der Christuskirche in Heinsberg

Mit der energetischen Sanierung der Christuskirche in Heinsberg schufen Rongen Architekten zugleich ein Pilotprojekt, das für zukünftige EnerPhit-Zertifizierungen von Nichtwohngebäuden mit Innendämmung herangezogen werden kann.

Um ihre in den 1950er-Jahren gebaute Kirche an die Anforderungen als Zentrum des modernen Gemeindelebens anzupassen, entschied sich die Christusgemeinde in Heinsberg für eine konzeptionelle Überarbeitung des Komplexes und die energetische Sanierung der Kirche. Prof. Ludwig Rongen von Rongen Architekten im nahegelegenen Wassenberg erstellte ein neues Raumkonzept und empfahl die Sanierung auf Passivhausniveau. Dafür stellt sein Entwurf einen multifunktionalen Anbau an den hinteren Teil des Kirchenschiffs und definiert so den Freiraum zwischen Pfarrhaus und Kirche als Gemeindeplatz. Eine Rampe sorgt für barrierefreien Zugang zu allen ­Gebäudeteilen.

Durch den Anbau wird eine große nutzbare Vielfalt und Variabilität erreicht, denn der Mehrzweckraum kann durch eine flexible Trennwand für Gottesdienste zugeschaltet oder für parallel stattfindende Veranstaltungen abgetrennt werden. Der Neubau versteht sich als Ergänzung – sowohl die Verkleidung mit dunklem Verblend-klinker als auch die klare Formensprache lassen ihn von außen deutlich als solche erkennen. Der Kirchengarten hinter der Kirche wurde u. a. mit einem Außentaufbecken in der Achse des Altarfensters völlig neu gestaltet.

Um das für die Region charakteristische Klinkermauerwerk zu erhalten, mussten die Kirchenräume von innen gedämmt werden. Ziel für die energetische Sanierung der Christuskirche war die Zertifizierung nach dem Konzept EnerPHit (siehe Infokasten S. 68)). Zusammen mit dem Passivhaus Institut wurden während der Modernisierung der Kirche im Rahmen eines Pilotprojektes Kriterien für die zukünftige Zertifizierung vergleichbarer Projekte entwickelt. So gilt die Christuskirche in Heinsberg nach der Zertifizierung für andere stadtprägende Bauten, deren äußeres Erscheinungsbild unverändert bleiben soll, als maßgebliches Beispiel und Vorbild zugleich.

Schon früh in der Planungsphase wurde mit dem Energieplaner ein ganzheitliches Konzept für die Sanierung erstellt. Es sah neben einer Lüftungsanlage mit integrierter Wärmerückgewinnung eine Fußbodenheizung vor, die über eine Luft-Wasser-Wärmepumpe mit Heizenergie versorgt wird. Eine Photovoltaik-Anlage mit einer Nennleistung von 15 kWp auf dem Süddach der Kirche liefert Strom.

Der Anbau wurde mit KS-Mauerwerk und Klinkerverblendung und dazwischen liegender Wärmedämmung gebaut, die Rückseite erhielt eine hochwärmegedämmte Holzfassade. Für den Passivhausstandard wurden 3-fach verglaste Fensterelemente und außenliegende Raff-stores eingebaut. Feststehende Lamellen am verglasten neuen Windfang vor dem Haupteingang sorgen für Sonnenschutz. Das Flachdach ruht auf einer 2-lagigen Holzkonstruktion.

Die Wärmeverluste im Altbau wirkungsvoll zu reduzieren, erwies sich als wesentlich aufwendiger. Alle Wärmebrücken an den Decken, den Stößen der Innenwänden an den Außenwänden, am Auflager der Dachsparren etc. mussten einzeln neu berechnet werden. An den Außenwänden der alten Kirchenwände wurden auf der Innenseite 20  cm tiefe Holzvorsatzschalen montiert, in deren Hohlraum Dämmflocken aus Zellulose eingeblasen wurden. Auch der Hohlraum der abgehängten Decke ist mit einer 30 cm dicken Dämmung aufgefüllt worden. Die Holzbalkenkonstruktion des alten Kirchendaches liegt so auf der Kaltseite des Daches und ist dadurch gegen Bauschäden durch Kondensatfeuchte ­geschützt. Der Fußboden konnte wegen Platzmangels nicht höher aufgebaut werden, so dass lediglich der vorhandene Aufbau erneuert und besser gedämmt werden konnte. Die alten Fenster der Christuskirche blieben erhalten. Sie werden zum Innenraum durch 3-fach verglaste Passivhaus-Fenster mit schmalen Profilen geschützt. Durch das so entstandene Kastenfensterprinzip entsteht ein ausreichender Wärmeschutz.

Nach nur 13-monatiger Bauzeit verbraucht das Kirchengebäude heute 95,4 % weniger Energie als vor dem Umbau. Der CO2-Ausstoß konnte um 233 t verringert werden. Auch nach der Sanierung ist die Akustik der Christuskirche nach wie vor so gut, dass sie weiterhin als Kulturkirche genutzt werden kann. Die ersten Konzerte haben bereits stattgefunden.

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