»Uns ist klar, dass Kreislaufgedanken sich früher oder später etablieren und nicht die Ausnahme bleiben werden.«

Urban Mining und Material Passport – zwei Begriffe die Architekten und Stadtplaner, aufgrund von Ressourcenknappheit und überfüllten Mülldeponien, in Zukunft häufiger verwenden werden. Wie kann material- und energiesparende Architektur im urbanen Umfeld aussehen? Antonino Vultaggio und Martin Nienhaus von HPP Architekten, den Planern von The Cradle in Düsseldorf, geben Antworten und zeigen Lösungen für das Bauen von morgen.

DBZ: Wie kam das Projekt „The Cradle“ zustande?

Antonin Vultaggio (A.V.): Ausgangssituation war eine Ausschreibung der Stadt Düsseldorf, die dieses Grundstück veräußern wollte und in der Ausschreibung das Thema Nachhaltigkeit sehr hoch bewertete. Gemeinsam mit INTERBODEN als Bauherren wollten wir das Thema Cradle to Cradle® in den Fokus setzen. Es geht dabei um einen Mehrwertgedanken, den es entwurflich zu etablieren gilt und der dazu führt, dass man in allen kleinen und großen Prozessen in Kreisläufen denkt – das Gebäude demnach als Materiallager versteht. Aktuell sind wir in der Bauindustrie für rund 60 % des Sondermülls verantwortlich und auf der anderen Seite ist das Thema Ressourcenknappheit akut. Zu diesen Themen, die in einen Kreislaufgedanken führen müssen, gehören u.a. Themen, wie Carsharing und E-Ladesäulen, die als zentrale Einrichtung für dieses Quartier im Medienhafen fungieren werden.

Dabei möchten wir ökologischen Themengebieten der technischen Anlagenplanung eine Relevanz geben. Das haben wir feingliedriger im Planungsprozess immer weiter berücksichtigt; z. B. haben wir geprüft, ob wir eine Regenwassernutzung integrieren können und eine Geothermie- oder eine Grundwassernutzung einsetzen können etc. ...

Wird davon etwas umgesetzt?

A. V.: Gegenüber den etablierten Systemen von Greenbuilding, die nach einem Punktekatalog ­final bewertet werden, steht bei The Cradle erstmal der Prozess im Vordergrund. Verschiedene Themen werden nach Sinnhaftigkeit (nicht nach effektiver Punktesammlung) untersucht, auch wenn wir am Ende zu Ergebnissen kommen, die wirtschaftlich nicht darstellbar sind; z.B. die Untersuchung der Reinigung des nitratbelasteten Grundwassers damit wir es zur Kühlung verwenden und in den Rhein einleiten dürfen, was wirtschaftlich jedoch nicht realisierbar ist.

Für einen solchen Prozess braucht man sicher auch den richtigen Bauherren …?

A. V.: Wäre INTERBODEN nicht bereit gewesen, diesen neuen und aufwendigen Weg mitzugehen, könnten wir das Projekt so nicht umsetzen. Ohne unser anfangs bewusst zusammengesetztes interdisziplinäres Planungsteam mit verschiedenen Fachplanern wären wir nicht auf dem Erkenntnisstand, den wir jetzt erreicht haben. So ein Projekt ist ein Ergebnis vieler intensiver Abstimmungen, die zu einem großartigen Gesamtergebnis geführt haben, was auch die Resonanz widerspiegelt. Der Bauherr hat mit dem Titel The Cradle ein Versprechen abgegeben, das für den Prozess vorteilhaft ist. Anfangs ist es wichtig, dass die Bauherren bereit sind, diesen Weg zu gehen und den Prozess in den Vordergrund zu stellen auch wenn sich erst im weiteren Verlauf der Mehrwert zeigt.

An welchen Punkten haben sich Architekten und Fachplaner ergänzt?

A. V.: Das Projektteam mit den Fachplanern (Knippers Helbig, Transsolar) wurde noch vor dem ers­ten Strich zusammengestellt. Alle anderen Fachplaner, die später erst dazu gestoßen sind, mussten in das Projekt und den Kreislaufgedanken eingeführt werden, weil man hier nicht auf gewohnte Lösungsansätze zurückgreifen kann.  Das bedeutet einen erhöhten Aufwand und eine engere Zusammenarbeit. Es ist ein Stückweit ein Forschungsprojekt, dass jedoch im Realisierungsprozess, wie jedes andere Gebäude, an den wirtschaftlichen marktgängigen Faktoren gemessen wird.

Stichwort „Material Passport“ …

A. V.: … ein gänzlich neues Thema: Das Gebäude als Materiallager zu denken. Das zu dokumentieren, ist der zweite und folgerichtige Schritt. Was ist eingebaut worden? Welche Zertifikate gibt es? Welche Eigenschaften sind da, die dem Gebäude seine Wertigkeit geben? Davon sind wir in Deutschland noch ein ganzes Stück weit weg, im Gegensatz zu unseren holländischen Nachbarn, die in dem Punkt sehr viel dynamischer agieren. Beim Rathaus in Venlo z. B., das wir uns im Vorhinein angeschaut haben, wurde der Restwert des Gebäudes mitbedacht, der sich rein aus dem Materialpreis ergibt. Und dieser Fakt ermöglicht ganz andere Modelle der Finanzierung von Gebäuden. In einer Dokumentation aufzuzeigen, inwieweit die Elemente wiederverwendet werden können, halte ich für einen wichtigen nächsten Schritt – auch in Deutschland.

Wir sind auch bei einem Pilotprojekt dabei, in dem wir uns in ein Materialkataster eintragen lassen; d. h. es gibt später eine Onlinebank, die dem Eigentümer zur Verfügung steht, um bewerten zu lassen, was das Gebäude für einen Restwert hat. Auch beim Umbau lassen sich die Qualitäten demontierter Bauteile bestimmen. So kann geprüft werden, ob diese Bauteile, z. B. Trennwände aus Glas bei Bedarf an anderer Stelle wieder eingesetzt werden können. Das bedeutet für die Zukunft, dass Firmen dafür zahlen ein Haus auseinander nehmen zu dürfen, weil die Materialien als Ressourcen betrachtet werden.

Wieviel Mehraufwand bereitet die Dokumentation erstmal?

Martin Niehaus (M.N.): Man zahlt am Anfang ­natürlich mehr – an Zeit und Aufwand –, aber man muss heute auch bis zum Ende und darüber hinaus denken: Bei späteren Umplanungen und dem letztendlichen Abriss sind die Informationen über was und wieviel und wo welches Material verbaut wurde von entscheidendem Vorteil.

A. V.: The Cradle ist kein Projekt, das der Bauherr für sich selbst baut, weshalb diese Situation, die der Bauherr uns geschaffen hat, hoch anzurechnen ist. Denn er denkt an das Ende, obwohl er das Gebäude veräußern wird und er gar nicht weiß, wem diese Vorarbeit alles zugutekommen wird. Das ist etwas, was weit drüber hinausgeht, wie ein Gebäude heute normalerweise aufgesetzt wird.

Wird recyceltes Material verbaut?

M. N.: Wir haben geprüft, an welchen Stellen man recyceltes Material einsetzen kann, was gar nicht so einfach ist, da es bisher wenige Vorbilder und Vorgaben gibt; z. B. haben wir geprüft für die Aufzugskabinen bereits genutzte Glasscheiben einzusetzen, was daran scheiterte, dass diese Glasscheiben nicht als Sicherheitsglas eingestuft werden konnten.

A. V.: Ein zweiter Aspekt ist der, dass das Prinzip des Kreislaufgedankens bedingt, keine Giftstoffe mehr zu verbauen. Das führt dazu, dass wir manche recycelten Materialien nicht einsetzen wollen, wenn diese Giftstoffe enthalten, die man damit in den Kreislauf einbringen würde.

Was darf nicht unerwähnt bleiben?

A.V.: Wir haben bereits einige Wettbewerbe gehabt, in denen das Thema Cradle to Cradle® eindeutig relevant in der Auslobung festgehalten war; d. h. durch The Cradle konnten wir bereits mit einem anderen Wissen in solche jüngeren Wettbewerbe einsteigen und im Folgenden ­sehen, wie unterschiedlich weit die jeweiligen Bauherren bereit waren und sind mitzugehen. Uns ist klar, dass diese Kreislaufgedanken sich früher oder später etablieren und nicht die Ausnahme bleiben werden. Schon allein das Thema Ressourcenverknappung lässt keinen anderen Schluss zu.

Mit Antonino Vultaggio und Martin Nienhaus sprachen am 29. November 2019 in Düsseldorf, Nadine Schimmelpfennig und Mariella Schlüter von der DBZ Redaktion.

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