To much is not enough
Über 50 Jahre Shopping Centers – ein Rückblick

Seit den Planungen Victor David Gruens für Fort Worth in Texas und Midtown Plaza in Rochester sind mehr als fünfzig Jahre vergangen, und noch immer sind Shopping Centers/Malls aktuell. Die ersten Vorformen des Shopping Centers gehen in Amerika sogar auf die 20er und 30er Jahre zurück, aber erst, als gegen Ende der 40er Jahre der Individualverkehr zugenommen hatte, entwickelten sich in den expandierenden Vororten (Glen Oaks, Long Island, New York) so genannte „Strip Commercial Centers“. Im Allgemeinen traten zwei Typen von Einkaufszentren auf: Nachbarschafts- und Regionalzentren. Erstere wurden sechs Minuten Autofahrt entfernt von Wohnsiedlungen angelegt, die Regionalzentren entstanden in ca. 15 Autominuten Entfernung von den Wohnhäusern in unmittelbarer Nähe zu einer Autobahn.

In den 50er Jahren entwickelte dann Gruen das Shopping Center auf der grünen Wiese, er baute das Layout auf zwei parallelen, linearen Ladenzeilen auf, die sich zwischen zwei Kaufhäusern erstreckten. Als bedeutende Shopping Centers gelten Gruen‘s Regionalzentren von Northland bei Chicago (1954), das neue Einkaufszentrum Fort Worth in Texas (1956-57) und das von Southdale bei Minneapolis (1955-57). Letzteres gilt als erste überdachte Fußgänger-Mall. Wegweisend war dann der Entwurf für die Midtown Plaza von Rochester in New York (1958) als Multi-Level-Zentrum. Der innovative, städtebauliche Charakter des auf einem Erdgeschoss als Platte errichteten Shopping Centers zeigt sich vor allem in der Anordnung von Park- und Verkaufsebenen sowie durch Zuordnung von Bürohochhäusern und Hotels.

Auch in deutschen Großstädten waren die alten Stadtzentren durch das hohe Aufkommen des Pkw-Verkehrs restlos überfüllt, so dass Shopping Malls in den Vororten und auf der grünen Wiese gebaut wurden. Neben spezialisierten Großmärkten, wie Bau- und Möbelmärkten, zogen auch Supermarktketten dorthin. Niedrige Baulandpreise und Steuererleichterungen förderten den Zuzug von Großmärkten in die Vororte. Seit den 60er bis 80er Jahren setzte sich die Kombination von großen Warenhäusern, Supermärkten und kleineren Spezialgeschäften sowie Freizeiteinrichtungen mit 200 000 bis 500 000 m² durch (Mega-Malls z. B. Centr0, Oberhausen). Der einsetzende Trend zu mehr „Freizeitleben“ veränderte zudem das Raumprogramm der Shopping Malls: mehr Gastronomie, Galerien, Kinos, Fitnesscenter und „Public Viewing“ auf Riesenbildschirmen.

Die Planung der Shopping Centers orientierte sich in Westdeutschland in den 60er bis 80er Jahren an amerikanischen Vorbildern, bei denen zudem der Verbindung von Architektur und Grünplanung ein hoher Stellenwert zukam. Wie in den USA wurden die Standorte entlang von Autobahnen gewählt. Eine Rückkehr der Einkaufszentren in die Stadt begann mit der zunehmenden Attraktivität der City Anfang der 80er Jahre. Die innerstädtischen Galerien und Passagen sind aber kleiner als die amerikanischen Malls.

Architektonisch orientierten sich die deutschen Galerien und Passagen an den historischen Vorbildern. Den Beginn machte die Calwer-Passage in der Stuttgarter Innenstadt 1978. Diese Galerie konnte sich ähnlich den historischen Passagen im Blockinnern erweitern und zusätzliche Verkaufsflächen erschließen. Ähnlich erfolgreich sind die Beispiele der innerstädtischen Malls und Galerien in Hamburg (z. B. Hanseviertel), die als Publikumsmagneten im Stadtzentrum eine neue lebendige Urbanität schufen. Sie können vorhandene Kaufhäuser ergänzen und zum Flair der Stadt beitragen. In manchen engen Straßenräumen, wie z. B. am „Kaufinger Tor“ in München, reichte eine Glasüberdachung aus, um dieser Straße die besondere Atmosphäre der historischen Passagen zu verleihen.

Von besonderem architektonischen Interesse sind in Berlin z. B. die „Potsdamer Platz Arkaden“ (1998), die „Friedrichstadtpassagen“ (1996) und die „Hallen am Borsig-Turm“ (1999). Die „Hallen am Borsigturm“ sind ein besonders geglücktes Experiment der Umnutzung von leer stehenden Industriehallen und eine ebenso gelungene Kombination alter mit neuen Stahl- und Glaskonstruktionen.

Hier liegt auch der große Unterschied zu den amerikanischen Shopping Malls, die fast ausschließlich in den Suburbs entstanden sind. In mehreren Großstädten Europas und Deutschlands freut man sich über ein lebendiges Treiben in den Innenstädten bis in die Nacht. Dies sind Qualitäten hinsichtlich des Freizeitwertes, die man in den meisten amerikanischen Großstädten vermisst.

Grundsätzlich lebt jedoch die Architektur der Shopping Malls beiderseits des Atlantiks – wie schon die Galleria Vittorio Emanuelle II in Mailand (1875) – vom Innenraum, von der inszenierten Atmosphäre, von der durch die Dekoration erzeugten Stimmung, ganz im Sinne von Morris Lapidus, Architekt und Designer von Hotels und Läden, der mit den Bauten von Las Vegas eine andere Welt nach dem Motto „too much is not enough“ kreiern wollte.

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