Gemeinsam unter einem (Kultur-)Dach

Theater | Kraftwerk Mitte Dresden

Der Ausbau des ehemaligen Heizkraftwerks Mitte in Dresden zur Zweigstelle des Heinrich-Schütz-Konservatoriums von PFP in Dresden hat das Potential dieses ehemaligen Industrieareals vorbildlich ausgeschöpft. Durch die gekonnte architektonische Umsetzung wurde daraus ein kultivierter, urbaner Ort.⇥DBZ Heftpate Eicke Becker

Was hat der 16. Dezember 2016 mit 12 Mio. € und der Zahl 13 zu tun? Die Antwort: Wenn das neue Theater im Kraftwerk nicht an diesem Stichtag fertig geworden wäre, hätte die Stadt genau 12 Mio. € an die Mitarbeiter der Staatsoperette zurückzahlen müssen. So bestimmte es ein 2009 geschlossener Haustarifvertrag, den sie mit den Mitarbeitern der Staatsoperette Dresden geschlossen hatte. Denn diese verzichten seit damals von der Garderobiere bis zum Intendanten „13 Jahre lang auf 8 % vom Brutto, was in der Summe bis 2021 rund 12 Mio. € Personalkostenersparnis bringt. Die Gelder sollten für den Neubau – und nur dafür – verwendet werden“, erklärt Wolfgang Schaller, Intendant der Staatsoperette Dresden, die Konditionen jenes Schriftstücks, mit dem die engagierten Kollegen seinerzeit die Diskussion um den dringend notwendigen Neubau in die richtige Richtung lenkten. Und das, obwohl sie befürchten mussten, mit einem Umzug ins Zentrum ihr älteres Stammpublikum aus der Vorstadt zu verlieren.

Raus aus dem Provisorium

Nach der Zerstörung der Vorgängertheater im Krieg hatten die 243 Beschäftigten der Staatsoperette in einem provisorisch umgebauten Ballsaal am östlichen Stadtrand im Stadtteil Leuben weitergearbeitet, während das theater junge generation in einem anderen Provisorium untergebracht war. Beide Standorte waren in desolatem Zustand und optisch sowie technisch veraltet. Die Stadt schlug als Lösung ein riesiges, stillgelegtes Kraftwerksareal mit nunmehr denkmalgeschützten Maschinenhallen und Turbinenhäusern am Wettiner Platz vor, nur 900 m Luftlinie vom Zwinger entfernt. Heute beherbergt die ehemalige Maschinenhalle das Foyer des neuen Theaterzentrums, die 125 Plätze bietende Puppenbühne und die ebenso große Studiobühne (Black Box), Garderoben und Kassen sowie die Theaterakademie und -gastronomie. Im direkt angrenzenden Neubau sind die Staatsoperette in einen Saal mit 700 Sitzplätzen eingezogen sowie das 350 Zuschauerplätze bietende Kinder- und Jugendtheater. Im Backstage­bereich finden Hinter- und Seitenbühnen Platz, die Probebühne, der Orchester- und Chorproberaum, der Ballettsaal, die Kantine sowie Stimmräume und Masken, Umkleiden und Schneidereien, Präsenzwerkstätten und Lager bzw. Anlieferungsbereiche.

So sieht nur ein Theater aus

Um das „Theater als Theater erkennbar zu machen, haben wir den an den historischen Bestand angelagerten Neubau als relativ geschlossen gehaltenes Sockelbauwerk mit darauf frei aufgestellten großmaßstäblichen, würfelförmigen Kuben konzipiert, welche die Stadtbildsilhouette Dresdens prägen sollen“, informiert Detlef Junkers, Geschäftsführer des mit der Planung betrauten Büros PFP Planungs GmbH | Prof. Jörg Friedrich aus Hamburg. Aufgesetzte, in Breite wie Höhe differenzierte räumliche Gebäudevolumen, zwei mächtige Bühnentürme und der gläserne Probeturm formen die Gestalt des Neubaus weiter.

Die alten Klinkerfassaden des angrenzenden Denkmals setzen Fassadenmaterialien wie Cortenstahl-Blech und weißes Profilglas in Beziehung, während die beiden verklinkerten Bühnentürme Einheit und Kontinuität in Materialität und Gestaltung schaffen. Für die Intendanz und Verwaltung beider Theater wurde ein benachbartes denkmalgeschütztes Stadthaus aus dem 19. Jh. saniert. Als dritter Baustein entstand in Dresden-Cotta ein modernes Werkstattgebäude, das beide Häuser nutzen. So bietet bspw. der große Malsaal die Möglichkeit, gleichzeitig mehrere der großen Bühnenprospekte herzustellen.

Viele Wünsche, ein Weg, geht das denn überhaupt?

Mit dem so durchkonzipierten Theaterprojekt im Kraftwerk erfüllte sich die Stadt Dresden gleich mehrere Wünsche: Sie lenkte die Aufmerksamkeit stadtfremder Gäste auf ein unbekanntes Gebiet und baut den Stadtteil nun gemäß eines städtebaulichen Masterplans weiter aus. Sie wagte die Zusammenlegung mehrerer Spielstätten mit gänzlich unterschiedlichem Publikum – von Kindern über Jugendliche und junge Erwachsene bis zu älteren Gästen – in einen einzigen Standort. Sie sicherte sich ein Theater, das in technischer Hinsicht auf dem neuesten Stand ist. Sie verzichtete auf eine Tiefgarage und entwickelte stattdessen ein Mobilitätskonzept, von dem Theaterbesucher ebenso profitieren wie die Anwohner der  benachbarten Areale. So halten Bus- und Straßenbahnlinien in unmittelbarer Nähe und auch der Bahnhof Mitte ist nur fünf Gehminuten entfernt. Und nicht zuletzt sicherte sie sich gegen Kostenüberschreitungen ab und schuf auf diese Weise einen architektonisch vorbildlichen Neubau zum Fixpreis. „Die Basis dafür bildete ein wettbewerblicher Dialog“, erklärt Florian Brandenburg, Prokurist der Kommunale Immobilien Dresden GmbH & Co. KG, die als Vertreterin der Stadt Dresden das Projekt steuerte und begleitete. „Dank dieses VOB-Verfahrens haben wir ein konkretes Angebot des bauausführenden Unternehmens inklusive Planung erhalten.“ Der im Verfahren integrierte Architektenwettbewerb bescherte der Stadt zudem die architektonische Qualität. Und um den zügigen Verlauf des Projekts zu gewährleisten, „haben wir als Bauherr das Projekt auch in der Folge sehr eng begleitet“, betont Brandenburg. 14-tägige Jour-Fixe-Runden in großer Besetzung in Kombination mit Viererrunden, in denen Sonderthemen besprochen wurden, führten dazu, dass für jede Herausforderung schnell eine Lösung gefunden wurde.

Herausforderung und Planung

Für die Planer ergab sich durch das von Anfang an festgelegte Funktionskonzept und die klaren Kostenvorgaben ein strenger Rahmen, den die Architekten als Ansporn verstanden haben, für jedes Detail stets qualitativ hochwertige, preisgünstige und dabei auch noch gestaltete Lösungen zu finden, und so manche planerische Höchstleistung zu vollbringen. „So entstand zum Beispiel die rot gezackte Verkleidung des großen Saals aus der Herausforderung, kos-  tenoptimiert zu planen, ohne die Akustik oder Optik des Saals darunter leiden zu lassen“, erläutert der Architekt. Ursprünglich hatten die Architekten die Verkleidung als komplette Saalschale auch im Deckenbereich vorgesehen. Die kostengünstigere Variante erzielt das akustisch gewünschte Ergebnis nun durch eine Kombination mit sichtbaren, statisch wirksamen Paneelen in Kombination mit nicht sichtbaren, variablen Akustikelementen unterhalb der Saaldecke. Auch andere Vorgaben mussten von den Architekten berücksichtigt werden: die Vorgaben der Versammlungsstättenverordnung und Brandschutzvorschriften ebenso wie städtebauliche Regelungen, Emissions- und Immissionsrichtlinien, Belange des Denkmalschutzes und vieles mehr. „In puncto Gestaltung hatten wir allerdings den Vorteil, dass die historische Maschinenhalle an sich optisch so reichhaltig ist, dass wir mit wenigen Details spannende Erlebnisräume schaffen konnten“, freut sich Junkers. „Es gab Standards, die ausgeschrieben waren, und die Devise, stets die wirtschaftlichste Lösung zu finden“, erzählt der Architekt weiter. Das führte häufig zu Vereinfachungen und erforderte von allen Seiten Engagement und Einfallsreichtum.

In manchen Fällen brachte es auch skurrile Ergebnisse, etwa bei der Terrasse vor der Mitarbeiterkantine. Sie war in der ursprünglichen Vorlage der Stadt nicht vorgesehen, und da Nachträge grundsätzlich ausgeschlossen waren, wurde sie zunächst nicht gebaut. Nun wird sie über den Förderverein des Theaters nachfinanziert. Der Begeisterung der Mitarbeiter über ihren neuen Theaterkomplex hat dies jedoch keinen Abbruch getan. Sie sind durchwegs glücklich mit ihrem neuen Zuhause und sogar die Operette hat mehr Zulauf als zuvor. Dem 16. Dezember 2016 und den Zahlen 12 und 13 sei Dank.
Christine Ryll, München

Baudaten

Objekt: Theater Kraftwerk Mitte Dresden
Standort: Kraftwerk Mitte 1-32, 01067 Dresden
Bauherr: Landeshauptstadt Dresden
Ausführende Firma: Ed. Züblin AG Bereich Thüringen, Jena, www.zueblin.de  
Architekten: PFP Planungs GmbH, Prof. Jörg Friedrich Hamburg,

www.pfp-architekten.de
Team: Prof. Jörg Friedrich, Detlef Junkers (Büroleiter), Ulf Sturm (Projektleiter)
Bauzeit: Juli 2014 – September 2016

Fachplaner

Statik: LAP Leonhardt, Andrä und Partner Beratende Ingenieure, Dresden, www.lap-consult.com
Gebäudetechnik: IPROconsult GmbH, Dresden, www.iproconsult.com; K+S Haustechnik Planungsgesellschaft mbH, Rheinbach
Bühnentechnik: BWKI Bühnenplanung Walter Kottke Ingenieure GmbH, Bayreuth, www.bwki.de
Bauphysik: ISRW Dr.-Ing. Klapdor GmbH; Institut für Schalltechnik, Raumakustik, Wärmeschutz, Düsseldorf, www.isrw-klapdor.de
Brandschutz: Statik -und Brandschutzbüro Burkhart Borchert, Dresden
Außenanlagen: Noack Landschaftsarchitekten, Dresden, www.noack-landschaftsarchitekten.de

Projektdaten

Gesamtkosten (brutto): 104 Mio. €
Baukosten (KG 200 – 600): 71,5 Mio. €
Baukosten (KG 300): 33 Mio. €
BGF: 34 970 m2
BRI: 204 910 m3

Hersteller

Fenster: Schüco, www.schueco.com
Hauptfassade: Züblin Stahlbau GmbH, www.zueblin-stahlbau.de
Decke: Stahlbetonfertigteile Fa. Züblin
Türen / Tore: Hörmann, www.hoermann.de, Novoferm, www.novoferm.de
CAD: Nemetschek Allplan, www.allplan.com/de

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