Die Kernfrage ist: Was ist groß und was ist klein? Prof. Dipl.-Ing. Architekt BDA Thomas Zimmermann, Darmstadt zum Thema „Bauen für Kinder“

Auch Kindergärten sind zuallererst städtebauliche Aufgaben. Wie steht das Gebäude im Kontext seiner Umgebung? Immer muss deutlich bleiben, dass ein Kindergarten nicht irgendein Haus, sondern ein sorgfältig gedachtes, gebautes und im Erscheinungsbild besonderes Haus ist, das als Haus für Kinder an diesem Ort einen besonderen Platz einnimmt. Die Architekturqualität von Kindergärten begründet sich weniger im Erscheinungsbild des Objekts, als im konzeptionellen Zusammenspiel mit seiner Umgebung.

Eine Kernfrage beim Entwerfen von Kindergärten ist: Was ist groß und was ist klein? Es erfordert das höchste Maß an Konzentration, beim Planen für Kinder nicht seine eigenen Kindheitsträume verwirklichen zu wollen. Kindergärten sind Bildungseinrichtungen und Orte der Erziehung. In ihnen werden die Kinder mit größter Hingabe auf die Welt der Erwachsenen vorbereitet.

„Groß“ und aus der Erwachsenenwelt kommend sind hierbei Dinge wie Raumhöhen, Türhöhen, Treppen. Treppensteigungen sind dem Schrittmaß der Erwachsenen entlehnt. Für Kinder wären sie wohl besser kleiner. Doch Treppen sind Teile der Erwachsenenwelt, deren Begehen und Besteigen es zu erlernen gilt.

„Klein“ sind alle Dinge, die den Kindern besonders nah sind. Garderoben, Tische, Bänke, Stühle, Sitzhöhen sind in ihrer Größe den Kindern angepasst. Gerade die kleinen Dinge sind mit größter Sorgfalt zu detaillieren. Ich bin der festen Überzeugung, dass Kinder es zielsicher herauslesen, bei welchen Dingen wir Erwachsenen für sie mit Hingabe gearbeitet haben und bei welchen wir nachlässig waren. Das geht bis zur Ausbildung und Verschraubung einer Sockelleiste.

Das Kleine muss sich im Großen finden. Nur vor dem Hintergrund der Ordnung gebenden und erfahrbaren Großzügigkeit können die kleinen Dinge in aller Gelassenheit ihr Eigenleben führen und individuell ausgebildet werden.

Neben unzähligen Vorgaben sind auch bei Kindergärten heute Nachhaltigkeit und Passivhausbauweise vordringliche Forderungen. Einer unserer Kindergärten wurde als nachhaltige Kindertagesstätte in Passivhausbauweise nach BNB mit dem Gütesiegel „Gold“ zertifiziert. Neben der Kosten-Nutzen-Frage stellt sich die Frage der Angemessenheit der Anforderungen. Es ist wie immer: Wenn wir einen Aspekt in der Architektur besonders überhöhen, verliert ein anderer. Über die Forderung der Nachhaltigkeit ließ sich bei Betrachtung des Gebäudes über einen Zeitraum von 30 und mehr Jahren die Verwendung von Sichtmauerwerk gut begründen und durchsetzen. Gleichzeitig finden sich im Gebäude Fensterquerschnitte von Passivhausfenstern, die allein in ihrer Dimension jeden Maßstab sprengen und für Kinderhände schlichtweg untauglich sind.

Für die Innenraumqualitäten von Kindergärten gilt: Raumerfahrungen sind Sinneserfahrungen. Besonders in Kindergärten sind gute Räume weit mehr als visuell-ästhetische Räume. Licht-, Klang-, Oberflächen-, Geschmacks- und Geruchsfärbungen prägen im Zusammenspiel die Raumerinnerungen und stehen gerade bei Kindergärten für erforderliche Raumqualitäten. Wer kennt das nicht, dass die Orte der Erinnerung im Besonderen auch Orte der Geruchs- oder der Tast­erinnerungen sind?

Gute Räume in Kindergärten erfordern gute Architekten, die über die visuelle Ästhetik hinaus ganz im Sinne des „peripheren Sehens“ Räume für alle Sinne entwerfen.

Was gibt es also Schöneres und Zukunftsweisenderes, als die Welt für Kinder entwerfen zu dürfen und als Architekt in dieser Welt unser Morgen zu denken?

Der Architekt

Thomas Zimmermann, Prof. Dipl.-Ing. Architekt BDA; 1975–1983 Studium der Architektur an der TU Berlin und der TH Darmstadt; 1983–1986 Mitarbeit im Büro Behnisch und Partner Stuttgart; seit 1986 freier Architekt AKBW und AKH; 1988–1990 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Entwerfen und Hochbaukonstruktion Prof. Walter Belz TH Darmstadt; seit 1990 Professur Baukonstruktion und Entwerfen in den Studiengängen Architektur der Frankfurt University of Applied Scien­ces; 2000–2008 Zimmermann Leber Feilberg Architekten Darmstadt; seit 2008 raum-z architekten Darmstadt und Frankfurt; Fachpreisricher in zahlreichen Wettbewerben; Mitglied in den Gestaltungsbeiräten der Städte Göppingen und Fulda.

www.raum-z.de

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