Schwellenfreie Übergänge
Detaillösungen für Hauseingang, Terrasse und Balkon

Deutschland kann es sich nicht leisten, die Prozesse der demographischen Entwicklung nur wahrzunehmen und nicht zu gestalten, so heißt es in „Eckpunkte zur Initiative Wirtschaftsfaktor Alter“, herausgegeben u.a. vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die Marktpotentiale für generationengerechte Produkte aufzuzeigen und ältere Menschen in ihrer Rolle als Verbraucherinnen und Verbraucher zu bestärken, ist ein wichtiger Ansatz, der den besonderen Bedürfnissen dieses Personenkreises gerecht werden soll und die Lebensqualität verbessern kann. Vor diesem Hintergrund müssen schnellstens veraltete Denkweisen aufgegeben werden, die hinsichtlich bestimmter Details vertreten werden. Gute bauliche Lösungen, deren einwandfreie Funktion längst nachgewiesen ist, werden oft immer noch unter dem Vorwand der Gewährleistungsproblematik oder durch Anwendung veralteter Vorschriften (Stand der Technik) vermieden. Auch Gutachter und Sachverständige sind mit ihren Ansichten nicht immer auf der Höhe der technischen Machbarkeit. Die Schwelle ist eines dieser Details, welches zu einer immerwährenden Auseinandersetzung zwischen Planern und Hand­werkern führt.

Bisher bezog sich der schwellenfreie Übergang überwiegend auf die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern. Inzwischen ist das Augenmerk sowohl auf den Personenkreis älterer Menschen zu richten, der den Rolllator als Hilfsmittel verwendet, als auch auf ältere Men­­schen mit Einschränkungen des Seh – und Wahr­nehmungsvermögen und verminderter Kognition (Symptom der Demenz). Es muss davon ausgegangen werden, dass mehr als 70 % der Menschen mit Demenz zu Hause betreut/ gepflegt werden. Überwiegend entsprechen deren Wohnungen nicht dem Qualitätsmaßstab des barrierefreien Baustandards. Viele Details müssen auf die Bedürfnisse der demenzkranken Personen abgestimmt werden. So ist eine Schwelle, die im Sinne des barrierefreien Bauens (DIN 18025) mit 2 cm noch zulässig ist, für manchen demenzkranken Menschen ein Hindernis, das er nicht überschreitet. Mangels ausreichender kognitiver Fähigkeiten ist er für Erklärungen jedoch nicht zugänglich.

Eine Anpassung des Lebensraumes an die reduzierten Fähigkeiten (z. B. der Wahrnehmung, der Orientierung) von kranken Menschen kann besonders im frühen Stadium der Erkrankung zur Erhaltung der Kompetenz bei­tragen. Eine Selbstgefährdung tritt mit zuneh­menden kognitiven Einschränkungen und damit verbundenen falschen Einschätzungen der eigenen Möglichkeiten auf. Die besonders in mittleren und späteren Stadien der Erkrankung auftretende motorische Unruhe kann im persönlichen Bereich kaum ausgelebt werden, da die räumlichen Bedingungen dies meist gar nicht zulassen. Das unsichere Gehen, schlechte Beleuchtung, Muster im Fußbodenbelag oder Schwellen, die nicht erkannt werden, erhöhen in ganz erheblichem Maße die Sturzgefahr und führen oft zu komplizier­ten Frakturen. Auch für die steigende Anzahl von Personen, die auf Hilfsmittel wie den Rol­lator angewiesen sind, sind schwellenfreie Übergänge zum Wohnhaus oder Freisitz eine große Erleichterung.

Der DIN 18025 (Barrierefreie Wohnungen) ist zu entnehmen, dass Gebäude stufenlos auszuführen sind. Eine Schwelle bzw. ein Niveauunterschied darf, - sofern dieser technisch notwendig ist-, max. 2 cm hoch sein. Dies gilt ebenso für Türanschläge von Wohnungseingangstüren, Ausgängen zu Freisitzen (Terrasse, Balkon, Loggia). Zum Zeitpunkt der Erarbeitung dieser DIN (1987-1992) gab es noch keine einwandfreien technischen Lösungen für schwellenfreie Übergänge. Der Kompromiss war die aus technischer Sicht notwendige Schwelle von max. 2 cm.

Die Erfahrungen der letzten Jahre führten zu einer ständigen Verbesserung dieses Detailbereiches und wurden erstmals von Rainer Oswald zusammengetragen. Die Ergebnisse dieser Studie sind in die Neufassung der DIN 18195 eingeflossen. Die DIN 18195 von 2000/2004, Technische Ausstattung der Anschlüsse von Abdichtungen zu Balkon – und Terrassentüren und Bäder, enthält bezüglich der Abdichtung andere Angaben als die DIN 18025. In Teil 5 Ziffer 8.1.5 der DIN 18195 wird der Einzelfall der schwellenfreien Ausbildung zugelassen. Dieser entspricht der DIN 18025/DIN 18040, wenn dort besondere Maßnahmen gegen das Eindringen von Wasser oder gegen das Hinterlaufen der Abdichtung eingeplant werden (z. B. ausreichend große Vordächer, Rinnen mit Gitterrosten). Auch die DIN 18040 (Zusammenfassung der DIN 18024 Teil 2 und der DIN 18025) hat diesen Detailpunkt aufgenommen und fordert unter


„4.2.3 Zugang und Eingangsbereiche

Die barrierefreie Erreichbarkeit ist gegeben, wenn alle Haupteingänge stufen– und schwellenlos erreichbar sind.

4.3.3 Anforderungen an Türkonstruktionen

Untere Türanschlägeund -schwellen sind zu vermeiden. Sind sie technisch erforderlich, dürfen sie nicht höher als 2 cm sein.

5.3.1 Türen sind leicht zu bedienen und sicher zu passieren, wenn sie keine unteren

Türanschläge und –schwellen haben; sind diese technisch erforderlich, dürfen sie nicht höher als 2 cm sein.

5.5.8 Freisitz

er muss dazu von der Wohnung aus schwellenlos erreichbar sein…“

Die DIN 18040 ist als Entwurf im Februar 2009 aufgelegt und somit als Stand der Technik anzusehen. Allerdings sind Schwellen technisch nur noch in wenigen Ausnahmefällen, z. B. Brandschutztüre eines Maschinenraumes, notwendig, nicht jedoch bei Hauseingängen und Übergängen zu Freisitzen.

Bei der Planung ist zu beachten, dass ein Wasserstau auf der Belagsoberfläche und zum Gebäude hin nicht entstehen darf, d.h. Oberflächen- und Fassadenwasser sind schnellstmöglich abzuführen. Bei Hauseingängen, Terrassen, Balkonen und Loggien sind Rinnen mit Gitterrosten zu bevorzugen. Damit ist gewährleistet, dass anfallender Niederschlag „gefangen“ und das Hochspritzen des Wassers an Tür- oder Glasflächen vermieden wird. Es sollte beachtet werden, dass die längere Maschenweite quer zur Lauf-/Fahrtrichtung liegt, um ein Hineinrutschen zu vermeiden. Ebenso sollten Rinnenabdeckungen mit dem Entwässerungsspalt in Laufrichtung nicht zur Anwendung kommen. Der Wetterschenkel garantiert, dass das Wasser (z. B. Schlagregen) über den Rost in die Rinne geleitet wird. Mit den Forderungen der Energieeinsparung ENEV 2008 sind in besonderem Maße die Anschlüsse zwischen der Wärmedämmung und der Abdichtung gegen Feuchtigkeit zu beachten.

Anwendungsbereich Hauseingang

Bei Hauseingängen oder Übergängen zu Terrassen kann bei einer Überdachung oder dem Einbau einer Entwässerungsrinne nach DIN 18195 Teil 5 gearbeitet werden. Die Gefahr, dass Wasser über die Schwelle hinweg in das Gebäude fließen kann, ist nicht gegeben. Der Außenbelag wird mit 2 % Gefälle vom Eingangsbereich ausgeführt.

Bei der thermisch getrennten Konstruktion der Stahlbetonplatte eines Balkons wird der schwellenfreie Übergang durch die Aufbauhöhe des Bodens im Innenraum bestimmt. Der Höhenausgleich des Balkons kann z. B. durch einen aufgeständerten Belag erfolgen.

Bei einer durchgehenden Balkonplatte, wie bei früheren Konstruktionen üblich, ist die Lösung eines schwellenfreien Überganges besonders schwierig. Es fehlt meist eine ausreichende Höhe im Bereich des Bodenaufbaus. Die Dachdeckerrichtlinien ließen einen schwellenfreien Übergang nicht zu, Lösungen wie nachfolgend dargestellt waren das schlechte Ergebnis.

Einfache Detaillösungen ergeben sich, wenn die Balkonkonstruktion als Holz oder Stahlkonstruktion vor die Fassade des Gebäudes gestellt wird. Der untere Abschluss der Balkontüre wird wie eine Fensterbank ausgebildet. Über dieses Tropfblech wird das Wasser abgeleitet. Die Anordnung einer Loggia/Terrasse über einem beheizten Raum führt zwangsläufig zu einem hohen Aufwand an bauphysikalischen Maßnahmen. Die sich aus nach ENEV errechnete Stärke der Wärmedämmung nimmt Einfluss auf die Konstruktion der Stahlbetondecke.

Konstruktionsprinzip der Magnetschienen-Dichtung

Die Funktion der Magnetschiene kann wie folgt beschrieben werden: Den unteren Abschluss des Türstockes bildet ein Alu–U–Profil, in welchem zwei Dichtungsschienen liegen. Die Art des Profils wird von der Lage und Situation des Überganges von innen nach außen bestimmt. Unter dem Türblatt ist eine Magnetschiene angebracht. Beim Schließ­vorgang der Türe werden die Dichtungsprofile von der Magnetschiene hochgezogen. Damit wird der Spalt zwischen Tür und Fußboden geschlossen. Beim Öffnungsvorgang werden die Dichtungsprofile vom Magnet abgeschert und fallen in das U-Profil zurück. Sie können in alle Arten der Türkonstruktionen (Holz/Kunststoff/Alu/Stahl) eingebaut werden. Wie in DIN 18195 Teil 5 Ziffer 8.1.5 beschrieben, empfiehlt es sich in jedem Fall, eine Rinne mit Rost vor den jeweiligen Ausgang vorzulagern.

Zusammenfassung

In der Auseinandersetzung mit dem Thema „barrierefreie Eingänge“ zeigt sich, dass keine aufwändigen Maßnahmen notwendig sind, um dem Anspruch „barrierefrei“ gerecht zu werden. Es zeigt sich, dass die aufgezeigten Lösungen eine wesentliche Erhöhung des Komforts für die Nutzer darstellen, unabhängig davon, welcher Personengruppe sie zugehören. Der Beginn einer ganzheitlichen Erneuerung ist bereits überfällig, das beweist die immer schärfer werdende Diskussion um die Leistbarkeit der Pflege für alte Menschen. Eine bessere Qualität der Gebäude könnte zum Erhalt der Selbstständigkeit und zur Erleichterung und damit auch zur Verbesserung der Pflege für alte Menschen beitragen. Schon Le Corbusier entwickelte eine Architektur mit freier Grundrissgestaltung, mit fließendem Übergang von innen nach außen erweiterte sich der Wohnraum auf die Terrasse. Die Umsetzung erfolgte mit einem schwellenlosen Ausgang. Der große Architekt hat dabei sicher nicht an barrierefreies Bauen gedacht, sondern den schwellenfreien Übergang als selbstverständliche, anspruchsvolle Wohnqualität gesehen.

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