Schönste Schwerkraft

Es geht ums Design. Genauer: um das „Hervorgestalten“, wie es der Autor der hier vorliegenden, auf zwei Bände aufgeteilten Tour de Force durch die Geschichte der Gestaltung von Dingen nennt. Angesichts der gut 800 Seiten umfassenden Publikation könnte man versucht sein, zu denken, hier wagte sich einer an die „magis-trale Designtheorie“. Doch der Autor winkt gleich ab, ein solches Unterfangen würde „außerhalb der Denkmöglichkeiten“ liegen. Seinen Ansatz der konsequenten Haltung des Befragens zieht der Autor dann auch in einem Hauptstrang seiner Darstellung des Hervorgestaltens von der Antike bis in die Gegenwart durch. Und er folgt dabei dem gängigen Untersuchungsschema des Wozu (Gebrauchsfunktion), Woraus und Womit (Materialien und Produktionsmethode) und dem Wie (der konstitutiven Beschaffenheit des Gegenstands). Er differenziert dort nach geschichtlich bedingten kulturellen Mentalitäten und kommt schließlich – und hier verlässt er die Darstellungsebene – zu Fragen der Wirkung von Gestalt und Gestaltung auf Gesellschaft und Umwelt.

In den „Reflexionen“ genannten Unterkapiteln erlaubt sich der Autor, den Blick über das Dokumentarische hinaus zu heben und größere Zusammenhänge aufzuzeigen. Stichworte sind hier u. a. „Moderne als Ideologie“, „Was ist ‚Stil‘“, „Klassenkampf ums Ornament“ oder „Askese oder Genuss?“ Diese Blickweitung, wie überhaupt der sehr souverän entspannte Sprachduktus der Arbeit, macht sie für die Fachwelt, aber ganz ­sicher auch für das fachübergreifende Denken wertvoll. Flüssig zu lesen und an keiner Stelle langatmig oder redundant – was mit Blick auf die zahlreichen Querverweise durchaus möglich gewesen wäre – gelingt es Claude Lichtenstein, des Rezensenten so knappe Lesezeit für diese seine Texte wie selbstverständlich unangestrengt zu gewinnen.

Nicht zuletzt wirkt die „Schwerkraft der Ideen“ auch dahin, dass man längst zur Seite geschobene Autoren (Bernard Rudofsky beispielsweise) wieder aus dem Regal herauszusucht und sie liest, oder sie, weil längst verloren/verschenkt, antiquarisch nachkauft. Diese Arbeit wirkt. Die Erkenntnis-Schwerkraft könnte kaum schöner spürbar werden, wie in diesen beiden Bänden. Be. K.

Claude Lichtenstein, Die Schwerkraft von Ideen. Eine Designgeschichte (in zwei Bänden) (Bauwelt Fundamente, Band 170 u. 171). Birkhäuser, Basel 2021, 406 S. / 420 S., zahlr. sw-Abb.je 29,95, ISBN 978-3-0356-1949-2 / 978-3-0356-1950-8
x

Thematisch passende Artikel:

Bauen mit Gott

Tagung zum Thema Konfessionelles Gestalten am 28. April 2009, Stuttgart

Das Symposium „Konfessionelles Gestalten“ des Weißenhof-Instituts an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart in Kooperation mit der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart...

mehr
Ausgabe 2017-8/9

Helle Klinker für selbstbewusste Akzente

Kopenhagen nennt das Klinkerwerk Hagemeister eine Klinkersortierung, die in ihren Farbtönen zwischen hellem Gelb und Beigetönen changiert und durch Kohlebrandaufschmauchungen lebendige Akzente...

mehr