Raum für Neues
Orangerie des Schlosses Nordkirchen

Wie nutzt man eine 6 m hohe, barocke Halle zum Wohnen? Eine überzeugende Antwort auf diese Frage ist in der Orangerie des Schlosses Nordkirchen südlich von Münster zu finden.

Betritt man die Parklandschaft des Schlosses, wähnt man sich in einer anderen Welt. Die oft gepriesene Weite des Münsterlandes ist hier unmittelbar erlebbar. Eine Vielzahl von Alleen sorgen für immer neue Blickwinkel. Eine dieser Alleen führt auf die frühere Orangerie des Schlosses zu, die Johann C. Schlaun ab 1723 errichtete.

Nach der Nutzung als Orangerie wurde das Gebäude zum Pferdestall und war in schlechtem Zustand als die Bauherren es 1983 kauften. „Die Fäkalien und die Hufen der Pferde hatten dem Boden aus gebrannten Tonziegeln zugesetzt. Zudem war das Dach undicht. Wir haben dann zunächst die angegliederten Wohnungen im Ost- und Westflügel saniert.“ Vier Jahr später erfolgte die Sanierung der Halle. Nach der Nutzung als Galerie für zeitgenössische Kunst und Ausstellungsfläche für Gartenmöbel entstand 2011 die Idee zur Wohnnutzung.

Klein im großen Raum

„An erster Stelle stand die energetische Optimierung“, erläutert Oliver Silge vom Architekturbüro Leistungsphase. „Seit dem Umbau im Jahr 1987 existiert eine Fußbodenheizung, die die große Halle auf 10-12 °C erwärmt.“ Mit den zusätzlichen Heizkörpern auf der Südseite erhält man auch behaglichere Temperaturen, doch das wäre kaum zu finanzieren. „Die Idee hinter dem Umbau liegt in der Beschränkung durch das Bauherrenpaar.“ Wie auf einem Bauernhof, auf dem man früher im Winter nur die Küche beheizte, wurden mit den kleinen Räumen im großen Raum einzelne Zellen geschaffen, die sich problemlos heizen lassen. Im Sommer wird die Halle zum zusätzlichen Wohnraum. Zwei Kuben mit verschiebbaren Glaselementen fügten die Architekten der großen Halle hinzu: Ein Kubus zum Arbeiten, mit Büro des Bauherrn und Küche, und ein Kubus zum Schlafen mit zur Nordseite angegliederten Badezimmern. Das Wohnzimmer befindet sich im seitlichen Teil der Halle, in dem bereits 1987 die Decke abgehängt wurde. „Das Wunderbare daran ist, dass die große Halle trotz dieser Kuben noch erlebbar ist“, begeistert sich Denkmalpfleger Dr. Ulrich Reinke. „Denkmalpflege ist doch erst dann gut gelungen, wenn das Neue dem Alten Raum lässt.“

Ohne neue Heizung

Beheizt sind die Kuben mit der bereits existierenden Fußbodenheizung und einer Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung. Die thermische Trennung zur Halle ist jedoch nicht luftdicht. „Wir hätten sonst eine Isolierverglasung nehmen müssen, die das Filigrane der Konstruktion zerstört hätte“, so Architekt Silge. „Durch die Grundwärme der Halle und fehlenden Winddruck konnten wir eine aufschiebbare Einscheibenverglasung wählen, die zwischen den einzelnen Gläsern eine Fuge von ca. 1 cm lässt.“ Sie hängt an einem Stahlblechwinkel, der die Holzkonstruktion der Kuben abschließt. Die Konstruktion ist so filigran, dass man den Unterschied zwischen geöffneter und geschlossener Glasfront kaum wahrnimmt. Das ändert sich abends, wenn das Glas den Innenraum spiegelt. Dann kommen die raumhohen Vorhänge zum Einsatz. „Die ersten Wochen nach dem Umzug hatten wir noch keine Vorhänge im Schlafzimmer“, erzählt der Bauherr. „Wir fühlten uns wie im Film von Loriot, wo er mit seiner Ehefrau im Schaufenster schläft.“ Solche Gefühle sind zum Glück Geschichte. Heute genießt das Paar ihre Art zu Wohnen, umgeben von Gemälden zeitgenössischer Künstler, die die Bauherrin während ihrer Zeit als Galeristin betreute.

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