Räume, keine Behälter Temporäre Erweiterung der Europäischen Schule, Frankfurt a. M.

Das Neue Frankfurt, von Ernst May ab 1925 als ambitioniertes Wohnungsbauprogramm realisiert, sorgte mit seiner beispielhaften Bezahlbarkeit für weltweite Furore. Vorfertigung war eines der Schlüsselmotive. Nicht weit von Mays Römerstadt setzt nun ein Projekt der Frankfurter Architekten NKBAK ebenfalls auf Vorfertigung, auch hier ist die internationale Aufmerksamkeit groß.

Als das Frankfurter Hochbauamt vor zwei Jahren ein Interessensbekundungsverfahren durchführte, klang der mögliche Auftrag eher lapidar: Auf dem Gelände der Europäischen Schule im nördlichen Frankfurter Stadtteil Praunheim sollten temporär Container für zehn Gruppen- und sieben Grundschulräume errichtet werden. Europäi-sche Schulen kommen überall da zum Einsatz, wo EUInstitutionen angesiedelt sind; die Kinder der meist nur vorübergehend im Ausland eingesetzten Mitarbeiter haben Anspruch auf muttersprachlichen Unterricht. 2014, mit der Ansiedlung der zentralen Bankenaufsichtsbehörde des Euroraums bei der EZB, kamen weitere 1 000 Mitarbeiter an den Main, es bestand akuter Handlungsbedarf. Temporär soll das Ganze sein, weil es Überlegun-

gen gibt, die vermutlich noch weiter wachsende Europäischen Schule an einen anderen Frankfurter Standort zu verlegen – und weil der Standort der Erweiterung auf einer zumindest baurechtlich noch immer möglichen Ortsumgehung steht.

Andreas Krawczyk − der für das AK in NKBAK steht − interessierte sich und schlug bei einer Ortsbesichtigung angesichts der bereits vorhandenen Containercluster vor, eine Machbarkeitsstudie für andere Lösungen durchzuführen, die vorgefertigte Elemente einbeziehen. Unter der Bedingung, dass der strenge Kosten- und Terminrahmen eingehalten wird (konkret: 15 Monate bis zum Einzug, max. 1 350 € netto pro m2 BGF, KG 300 + 400, ohne Gründung), gab das Hochbauamt sein Einverständnis. NKBAK untersuchte diverse Modelle und favorisierte schließlich keinen Stahl, sondern eine modulare Holzbauweise, bei der die einzelnen Elemente klar ablesbar sein sollten. Die Abstimmung mit den städtischen Brandschützern lief gut, auch von dort kam das OK. Je 75 m² groß, so die Vorgabe seitens des Bauherrn, sollten die zehn „Pre-Primary-“ und die sieben „Primary-Rooms“ sein. Als optimal erschien Krawczyk ein 3-m-Raster: „So ergaben sich Module von 9 x 3 m, je drei davon bilden die Standardgruppen- bzw. Klassenräume, die 9 x 9, also 81 m² groß sind.“ Für die Nebenräume sind es 6 x 3 m. Es entstehen zum Glück Räume ohne Qualitätshierarchien und es war klar, dass da viel Tageslicht rein muss – „…am besten über eine vollverglaste Fassade.“

„Der Raum ist entscheidend, nicht das Detail!“

Wo Ernst May einst ein Wandplattenwerk einrichten ließ, das Tafeln aus Bimsbeton herstellte, die dann an Ort und Stelle montiert wurden, kam es hier zu einer europaweiten funktionalen Ausschreibung der von NKBAK beschriebenen Holzmodule, die das einschlägig bekannte Vorarlberger Unternehmen Kaufmann Bausysteme mit dem preisgünstigsten GU-Angebot klar für sich entschied.

Für den Architekten Krawczyk war die Zusammenarbeit mit den Holzmodulexperten aus Reuthe ungeheuer spannend und fruchtbar: „Das Experiment ist gelungen! Wir haben die Anforderungen beschrieben, die Konstruktionsvorschläge kamen dann vom GU, wir haben sie gemeinsam ausgearbeitet, der GU sie zu Ende gedacht. Und auf der Baustelle die sehr handwerklichen Fügungs- und die Ausstattungsdetails besprochen. Es ging nicht um´s designen, sondern um die konstruktiv logische Schaffung von angemessenen Räumen ohne darüber gestülpte Gestaltung.“

Krawczyk, der wie seine Büropartnerin Nicole Kerstin Berganski zwei Jahre bei Kazuyo Sejima + Ryue Nishizawa, besser bekannt als SANAA, in Tokio gearbeitet hat, sieht das als Selbstverständlichkeit: „Das Gestaltungsmantra der europäischen Architekten ist mir oft fremd, in Japan geht es zuerst um schlichte Räume.“

Deshalb soll auch alles sein, was es ist, man findet kaum Fremdfarben. Nur den drei Treppenhäusern gaben NKBAK, auch zur Orientierung der oft noch leseunkundigen Teilzeitbewohner, ein kräftiges Grün, Gelb oder Pink. Ansonsten: Holz ist Holz, Alu ist Alu, verzinkter Stahl ist verzinkter Stahl. Die Kinder sollen die Farbe ins Haus bringen. Warum die Deckenstrahlheizung oder die beinah an eine Donald-Judd-Skulptur erinnernde Zwangsentlüftung für die Nachtauskühlung verstecken? Zumal so die Böden komplett frei von Einbauten bleiben können.

Kein elektronisches, sondern ein mechanisches Haus

Von Österreich wurden die in der Halle komplett vorgefertigten und montierten 98 Module per Lkw 450 km gen Norden an den Main gebracht. Anton Kaufmann freut sich, dass sein Unternehmen inzwischen so spezifisch etabliert ist und lobt die ausgezeichnete Zusammenarbeit mit NKBAK, dem Bauherrn EZB und dessen Vertreter, dem Frankfurter Hochbauamt: „Toll, dass wir alle dann auch noch den Hessischen Holzbaupreis 2015 für diesen Prototyp bekommen haben!“

Die Anordnung der drei Gebäudeteile ergab sich aus der Grundstücksform, bricht bewusst die Linearität und schafft Zwischenräume. Für die „weichen“, quasi freitragenden Module ohne aussteifende Wände brachte Kaufmann den sogenannten BauBuche-Träger ins Gespräch, einen Unterzug aus Furnierschichtholz, der eine biegesteife Verbindung ermöglicht und im größten Laubholzsägewerk der Welt im thüringischen Creuzburg hergestellt wird. Für die Außenwände hingegen wurde eine klassische Konstruktion gewählt. Auf den 9 cm dicken Massivbrettsperrholzwänden liegen Dämmung und Hinterlüftung. Die äußere Schutzhülle ist eben nicht aus Holz, sondern aus flächigem, lackierten Trapezblech mit unsichtbaren vertikalen Fugen,  das laut Krawczyk natürlich auf den Ursprungswunsch „Container“ anspielt – und preiswert war. Das 3-m-Raster hat noch einen weiteren Vorteil: Die Flure sind dadurch „zu breit“, sie werden zu erweiterten, gern genutzten Aufenthaltsräumen, die sich durch die große Verglasung ebenso mit dem Draußen verbinden wie die eigentlichen Gruppen- und Klassenräume.
Der große Bewegungsraum wurde übrigens als Stahlbau realisiert. „Das hätte den Holzmodulbau überfordert“, sagt Krawczyk. Er findet es gut, dass das Prinzip nicht stur durchgezogen wurde, seine Grenzen erkannt und akzeptiert wurden: Angemessenheit, die auch der GU ganz entspannt hinnahm.

Etwas weiter nördlich, im neuen Frankfurter Stadtteil Riedberg, bauen NKBAK zusammen mit Kaufmann nun noch eine Schulerweiterung, diesmal mit 90 Modulen, natürlich in Holz. Andreas Krawczyk freut das sehr. Worüber er sich aber wundert, ist, dass gerade angesichts der aktuellen Situation und der offensichtlichen Kosten- und Terminpotentiale bislang noch kein Auftraggeber mit dem Ansinnen eines modularen Holzwohnungsbaus an sein Büro herangetreten ist. Aber vielleicht passiert das ja jetzt. Christof Bodenbach

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