Präzision in geschwungener Form
Neubau Leica Camera, Wetzlar

Der Entwurf der Architekten Gruber + Kleine-Kraneburg für den Neubau Leica Camera in Wetzlar stellte aufgrund seiner komplexen Geometrie hohe Anforderungen an die Planung und Ausführung. Die geschwungene Glasfassade im Erdgeschoss und die Betonsandwichelemente in den oberen Etagen sind konkav oder konvex geformt. Detailpunkte, an denen konkave und konvexe Bauelemente aufeinandertrafen, forderten das Verständnis des gesamten Teams.

Aus der vom Bauherrn 2007 ausgeschriebenen, internationalen Ideen­studie gingen die Architekten Gruber + Kleine-Kraneburg als Preisträger hervor. Die Frankfurter Architekten hatten sich mit ihrem Entwurf unter anderem gegen schneider+schumacher und diener + diener durchgesetzt und den Bauherrn überzeugt. Auf dem Gelände waren bereits 2007 bis 2009 zwei Gebäude von Gruber + Kleine-Kraneburg gebaut worden. Konsequent nahmen die Architekten in ihrem Entwurf die Ästhetik der bereits bestehenden Gebäude wieder auf. Im ersten Bauabschnitt hatten die Architekten bereits mit Betonsandwichpaneelen gearbeitet. In ihrem jüngsten Entwurf für den Fotokamerahersteller nahmen sie diese Idee abermals auf. Drei Jahre nach dem Gewinn des 1. Preises überarbeiteten die Architekten ihren Entwurf nochmals. Die rechteckige Produktionshalle blieb. Die beiden Kopfgebäude, die den Eingang markieren, wurden kreisförmig. Die Kreise erinnern dabei an ein Kameraobjektiv. Die Vergabe übernahm die ARGE Dreßler, Luppe und Imtech, wobei die ARGE immer in engem Dialog mit den Architekten stand. Die Zusammenarbeit begann bereits in der Detail- und Ausführungsplanung.

Betonsandwichelemente

Die Fassade des gesamten Gebäudes nennt Helmut Kleine-Kraneburg, Geschäftsführer und Inhaber des für den Entwurf verantwortlichen Architekturbüros, ein „Baukastensystem“. Insgesamt sind etwa 1 070 Betonsandwichelemente verbaut – Tragstruktur, Wärmedämmung und Sichtbetonvorsatzschale, die in Anthrazit gefärbt ist. Ihre Geometrie folgt dem Grundriss, die Lochfassade in den oberen zwei Etagen ebenfalls. Verbunden sind die beiden Kopfgebäude, eine Rotunde – das Kameraobjektiv – und eine liegende, extrudierte Acht, über Brücken. Hier liegt die Stärke des Gebäudes im Detail. Denn an diesen Übergängen treffen konvexe und konkave Bauelemente auf­einander. Zwei Kreise, die eine Schnittstelle bilden, sich tangential berühren. Die Details arbeitete Werner Hochrein aus, Konstruktionsleiter bei Dreßler Bau. Die Präzision mit der die Fassadenelemente gefertigt wurden, beeindruckt Kleine-Kraneburg bis heute: „Die Maßgenauigkeit ist hervorragend.“ Das erreichte das Planungsteam der Dreßler Bau GmbH mittels Berechnungen und Handzeichnungen von verschiedenen Verschneidungspunkten und einem Mock-up. Schnittstelle zwischen den Architekten und dem Betonfertighersteller waren die digitalen Ausführungs- und Montagepläne. Auf ihrer Grundlage erarbeiteten Werner Hochrein und Christoph Suttrop, Architekt bei Dreßler Bau, gemeinsam mit ihrem Team die Aufteilung der Fassade zur Herstellung der Betonfertigteile.

Die vorgefertigten Elemente sind 2,5 x 4,8 m groß mit einem Ra­dius von 17,26 m. Die Entscheidung, die Fassade in Sandwichelementen auszuführen, war eine ökonomische und ästhetische. Eine vorgehängte Architekturbeton-Fassade wäre teurer gewesen. Durch die kontinuierliche Verwendung von Beton entsteht eine homogene Oberfläche. Selbst die Untersichten sind aus Betonfertigteilen, die Lisenen ebenfalls. Es gibt weder Fensterbänke noch Attikableche. An dem Punkt, an dem die beiden Gebäude ineinandergreifen und mit einer Stahl-Glas-Brücke verbunden sind, sind die Betonsandwichelemente durch vorgehängte Betonfertigteile ersetzt worden. Dort erleichtern die vorgehängten Betonelemente die Lösung des Detailpunkts.

Außenliegende Raffstore vor den Fenstern der Lochfassade sorgen für einen geringen Wärmeeintrag in die oberen Etagen. Dort ist die Forschungsabteilung und die Verwaltung des fotooptischen Unternehmens untergebracht. Um eine optimale Auskühlung des Gebäudes zu erreichen, haben die Frankfurter Architekten eine Betonkernaktivierung eingeplant. Im Bereich der Glasfassade im Erdgeschoss unterstützen Öffnungsklappen die Kühlung.

Stahlglaskonstruktion

Die massiven oberen Geschosse sitzen auf einem transparenten Sockel. Eine StahlGlasfassade mit einer Länge von knapp 365 m folgt der Kontur des Grundrisses in konvexen und konkaven Formelementen. Insgesamt sind es im Erdgeschoss 80 neutrale Sonnenschutzisolierverglasungen. Der Bie­ge­radius der konvexen Festverglasung entspricht von 17,26 m bis 10,9 m, der der konkaven von 10,9 m bis 7,4 m. Eine Verglasung misst 2,5 x 4,8 m. Hergestellt mit dem Prinzip des Schwerkraftbiegens auf Schablonen und als Structural-Glazing ausgeführt, verbinden dauer­elastische Fuge die einzelnen Scheiben.

Ursprünglich sahen die Architekten für die Glasfassade Alu-Kastenprofile vor. Der Vorschlag von den Fassadenberatern, stattdessen Flachprofile zu nehmen, garantierte eine schlanke Ansicht. Zudem sind Flachprofile leichter in die gewünschte, anspruchsvolle Geometrie zu formen und damit günstiger herzustellen. Das überzeugte. Das nun verwendete T-Profil ist 160 mm tief und 60 mm breit.

Christian Bonik, Fassadenberater, spricht von einer „objektspezifischen Sonderkonstruktion“, die er gemeinsam mit den Architekten entwickelte. Mit einem Ug-Wert von 1,1 W/(m²K) und einem Energiedurchlassgrad von 41 % verringert das Sonnenschutzglas den Wärmeeintrag in das Gebäude. Um diesen weiter zu senken, haben die Architekten einen 2 – 3 m breiten Zwischenraum hinter der Fassade geschaffen. Er dient als Ausstellungsfläche, Kommunikationsraum und Wegeverbindung, vor allen Dingen jedoch als „Klimapuffer“.

Die fünfte Fassade, das Museumsdach, ist teilweise ebenfalls eine Glaskonstruktion, die jedoch eine Zulassung im Einzelfall (ZiE) benötigte. Zwischen der Produktionshalle und den beiden Hauptgebäuden spannt das Glasdach über eine Fläche von 450 m². Jede Scheibe ist um zwei Grad geneigt und wird separat entwässert. In die Isoliergläser ist ein Sonnenschutzsystem aus innenliegendem Vlies integriert, das einfallendes Sonnen- und Tageslicht ohne jeglichen Schlagschatten in den Raum streut und eine blendfreie Tageslichtnutzung ermöglicht. Das transluzente Glas sorgt für eine gleichmäßige Raumausleuchtung, zugleich reduziert sich der Verbrauch von Energie für künstliche Beleuchtung.

So entstehen mit unterschiedlichen Materialien verschiedene Fassadenkonstruktionen, die sich in ihrer Präzision und Detailschärfe gleichen. Und das aufgrund der guten Zusammenarbeit von Architekt, Fassadenplaner und Fassadenbauer. S.C.

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