Parameter Low-Cost
Martian Embassy, Sydney/AUS

Ein Kilo Schwerkraft, ein schwarzes Loch oder ein Mars Visum gefällig? – Seltsame
Produkte gibt es in der derzeit einzigen Botschaft des Planeten Mars, die im April 2012 im australischen Sydney eröffnet wurde. Eine ungewöhnliche Idee wurde dort von noch ungewöhnlicheren Partnern realisiert, die für die Entstehung der Martian Embassy alle neuen Möglichkeiten des Worldwide Web und digitalen Zeitalters zu aktivieren wussten.

Nach dem Modell von 826 Valencia in San Francisco, einem kreativen „Non-Profit“ Schreibzentrums für junge Menschen sollte in Redfern, einem Problembezirk Sydneys mit einer hohen Einwanderer- und Aboriginies-Bevölkerung, ein Ort für Kinder und Jugendliche entstehen. Ein Budget für die private Initiative zweier Journalisten war quasi nicht vorhanden, sondern fast nur ein großes Engagement vieler Sympathisanten. Rasch gewannen Tim Dick und Catherine Keenan den digitalen Produktions-Designer Will O´Rourke für das Projekt, mit dem sie gemeinsam ein sehr spezielles Profil für das Schreibzentrum entwickelten, das in Redfern nun auch einen Laden mit einschließt.

Statt der Piratenwelten des amerikanischen Modells und seiner Dependancen wurde in Redfern das Konzept einer Marsbotschaft geboren, deren Verkaufsprodukte den Unterhalt der Einrichtung mittragen sollen. Wozu Will O´Rourke mit „The Glue Society“, einem digitalen Netzwerk von Kreativen entlang des Pazifischen Grabens, eine völlig neue Produktwelt des Planeten Mars erfand. Darüber hinaus sollte aber ein Ort entstehen, der möglichst anders als die gewohnte Umgebung der Kinder sein sollte, der sie und ihre Eltern in eine andere Welt entführen wollte. Wozu man Chris Bosse von LAVA und Team einlud, der Martian Embassy einen unverwechselbaren Raum der Imagination zu schaffen.

Das frühere Ladenlokal 176 Redfern Street in einem unscheinbaren Haus von 1902 bot wenig Spektakuläres jenseits seiner Dimensionen von 5 m Breite und 35 mTiefe. Billig errichtet, war hier nichts wirklich im Lot. Bis zu 30 cm differierte die Raum­breite dank schiefer Wände. Dagegen wies der Boden „nur“ ein Gefälle von 10 cm auf. Kreativität war hier wirklich gefordert, zumal ein Budget kaum vorhanden war, Material und Manpower weitgehend gespendet wurden. Recht früh zeichnete sich so ab, dass sich Holz, genauer Sperrholz am Besten für das Projekt eignen würde. Gezielt und sparsam eingesetzt, sollte der damit geschaffene Raum für Kinder nachvollziehbar, aber zugleich auch komplex wie ebenso geheimnisvoll sein.

An einem Strand wie für Australiens Kultur recht bezeichnend , nahmen schließlich Chris Bosses Überlegungen recht „old-fashioned“ Gestalt an, mit wenigen simplen Zeichnungen im Sand – von gestaffelten und gekurvten Holzrahmen, die einen ausschwingenden Raum in beständiger Veränderung imaginier­ten. Eher organisch und weniger mechanisch nicht zuletzt Assoziationen an die fantastischen Welten vieler Werke der Literatur, etwa an Moby Dick von Melville oder die Time Machine von H.G. Wells erlauben.

Ein Prozess der Optimierung

Den ersten Handzeichnungen folgte danach ein sehr komplexer Prozess der Optimierung mittels vieler parametrischer Entwurfstools. Nur ihre effiziente Flexibilität ermöglichte überhaupt  die Verwirklichung des Projekts, das beständig bis in seine Bauphase hinein auf immer neue Wünsche der Bauherrn und Designer, aber auch auf neue Budgetgrenzen oder unerwartete Materialspenden reagieren musste. Dazu gliederte Chris Bosse das Raumprogramm funktional in drei Teile, in Botschaft, Laden und Schreibschule, deren Größen während des Prozesses erheblich variierten. Kosten, Materialaufwand Raum, Licht, Luft, Abstell- und Sitzflächen waren die maßgeblichen Parameter, die mit den Softwareprogrammen Rhino und Grashopper in immer wieder neue Relationen gesetzt als auch mit Excell-Tabellen überprüft wurden, um eine optimierte Konstruktion zu ermög­lichen.

Die Verbindung dieser Programme mit computerisierten Nesting sowie einer CNC-Schneidetechnik half den Materialaufwand erheblich zu reduzieren, so dass 1068 sehr unterschiedlich dimensionierte, vernutete Holzteile ähnlich eines Puzzles zum überaus organisch wirkenden Raum der Martian Embassy zusammengefügt werden konnten. 47 große, den Raum umspannende Holzrippen entfalten eine kraftvolle visuelle Sogwirkung, welche die Besucher in die Tiefe des introvertierten Raumes zieht. Mit seinen fließenden, kontinuierlich veränderten Formen lässt er sie die Außenwelt vergessen und ganz und gar in eine fremde Welt abtauchen. Unterschiedlich weit von Decke und Wänden ab­gesetzt sowie nur über kaum sichtbare L-­Metallwinkel mit dem Bestand verbunden, erscheinen sie völlig befreit von den vielen Unzulänglichkeiten des Vorgefundenen.

Über das sehr haptische Material Holz und seine ungewöhnliche Fügung eröffnen sich den Besuchern der Martian Embassy immer neue Assoziationsketten, die von organischen bis hin zu futuristischen Bildern reichen können. In eine Höhle, das Innere eines Wals oder organischen Raumschiffes der Science-Fiction-Serien wie Farscape, Lexx oder Dr. Who fühlt man sich derart überzeugend versetzt, das einem die Architektur kaum noch statisch als eher veränderlich erscheint, dass diese Botschaft lebt und den Besucher wirklich zu einer anderen Welt zu tragen vermag. Dabei sind es weniger die vielen aufgereihten bizarren Marsprodukte oder die Puppe des Marsbotschafters als die Architektur selbst sowie ein kongeniales Lichtdesign von Arup/Sydney, die diesen Raum nachhaltig prägen. 220 gespendete Colour-Fuse-Powercore-LEDs, die hinter den Holzrahmen, den vielen Regalen und Sitzbänken versteckt sind, tauchen den Raum in wechselnde Lichtatmosphären von Marsrot, -grün oder –blau. Das Licht immaterialisiert den bekannten Werkstoff Holz in etwas bezaubernd Unbekanntes.

Konsequent, aber dennoch erstaunlich können die Passanten Redferns nur durch den bewusst reduzierten Querschnitt eines Schau­fensters davon Kenntnis nehmen. Von Weitem deutet fast nichts auf die Martian Embassy hin. Nur direkt vor dem Schaufenster erhalten sie von ihrer Existenz einen ersten Eindruck. Weit zurückzogen von der Straße verlangt die Martian Embassy dezidiert nach einer Entdeckung durch Eintritt in ihren Raum, die erst nach der Durchquerung einer sehr tiefen Eingangszone wirklich erfasst werden kann.

Mit erstaunlich wenigen Mitteln gelang LAVA eine kleine neue Welt zu erschaffen. Das kleine Projekt macht Lust auf mehr, was die drei jungen deutschen Architekten in den nächsten Jahren in Masdar, Sydney oder Bonn noch erreichen werden, wo sie in Wettbewerben wirklich große Projekte gewonnen haben. Mit dem Bejing Watercube, den Chris Bosse noch im australischen Büro PTW realisierte, und der Martian Embassy stehen sie für eine erfrischend neue Architektur. Ohne parametrische Entwurfsmittel wären ihre Projekte kaum möglich. Wie selbstsicher sie schon diese gezielt für sehr überlegte Lebensräume mehr noch als spektakuläre Objekte einzusetzen verstehen, weckt Hoffnungen auf eine Architektur, die Design wieder stärker im Sozialen fundiert. Claus Käpplinger, Berlin

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