Oscar Niemeyer (1907-2012)

Was macht einen Architekten groß (und warum sind es nur die Herren Architekten und weniger die Frauen)? Nicht unbedingt die schiere, also die irgendwie messbare Größe der realisierten Architektur; 600 Bauten zu Lebzeiten beispielsweise. Aber was sind das für Bauten, welche Größe wiederum haben sie, wie bekannt sind sie und vor allem: Wer kennt sie? Muss die Arbeit umstritten sein, also im Diskurs für Reibung sorgen? Muss sie theoretisch reflektiert sein oder besser: in zahlreichen Ausstellungen in renommierten Ausstellungshäusern gezeigt werden? Letztere wären dann die großartigen Architekten, denen allerdings für das ganz Große die Artigkeit ihrer Arbeit ab­träglich ist. Man bewundert die Bauten, wie man einen Schluck guten Weines goutiert und kehrt dann, satt und zufrieden, an seine eigene Arbeit zurück. Was ist also Größe und warum muss man Größe überhaupt ins Spiel bringen?

Reichen für Größe 600 Bauten zu Lebzeiten aus? Oder reicht schon ein einziger, ein Lebenswerk, ein Überlebenswerk (die „Sühne­kirche der Heiligen Familie“ von Gaudí beispielsweise). Die Menge macht es nicht, doch die Menge beeindruckt. Zumal unter den 600 Bauten des Oscar Ribeiro de Almeida Niemeyer Soares Filho Häuser sind, die Architekturgeschichte geschrieben haben: die Regierungs- und Kulturbauten für die brasilianische Hauptstadt Brasília (zwischen 1957 und 1964), die 1987 als Ensemble zum Weltkulturerbe erklärt wurden. Das fantastische Edifício Copan, ein zwar schon ein wenig heruntergekommes, aber auf dem Wohnungsmarkt immer noch
attraktives, 140 m hohes Wohnhaus im Stadtkern São Paulos an der Avenida Ipiranga mit einer Wohnfläche von sagenhaften 116 153 m². Es erinnert an die Wohnmaschinenfantasien Le Corbusiers; was kein Zufall ist, die beiden Architekten arbeiteten wenige Jahre zuvor am UN-Hauptquartier in New York City zusammen. Und Oscar Niemeyer war hier noch der Lehrling, Le Corbusier schon der Meister.

Zu nennen ist die Kirche „Igreja de São Francisco de Assis“ aus dem Jahr 1943, die heute als Architekturikone gegen Zahlung eines Eintrittsgeldes bestaunt werden kann und in der – schon weil niemals eingesegnet – keine Gottesdienste abgehalten werden. In ihrem Inneren hängen Arbeiten von Candido Portinari, der auch die Wandkacheln auf der Außenseite der Tonnenkonstruktion gestaltete. Die Außenanlagen wurden von dem schon legendären Roberto Burle Marx angelegt, der Jahrzehnte später vor den Fenstern des Studios Niemeyer in Rio de Janeiro die Copacabana gestaltete. Dass die Kirche von zwei Kommunisten und einem Landschaftsarchitekten gestaltet wurde, deren Stellungnahmen zum politischen, sozialen und kulturellen Leben in Brasilien durchaus antiklerikale waren, überrascht aus heutiger Sicht. Dass die Kirche bis heute ungeweiht ist, hat Niemeyer jedoch bis zum Ende bedauert. In den letzten Jahren plante er nicht weit von dort und nicht weit von dem Ort, an dem er seine Architektenarbeit in den 1930er-Jahren begann, einen neuen, einen monumentalen Kirchbau für bis zu 25 000 Gläubige. Für „Cristo Rei“ wurde 2011 der Grundstein gelegt, für seine Fertigstellung wird jedoch noch bei den Ärmsten der Armen Geld gesammelt.

Zu nennen sind noch das „Memorial da América Latina“, ein Kultur-, Politik-, und Freizeit-Komplex in São Paulo, das 1989 eröffnet wurde und bis 2007 Sitz des Lateinamerika Parlaments war. Dann das „Museu de Arte Contemporânea de Niterói (MAC)“ von 1996, dessen UFO-Anmutung zum ikonografischen Schlüssel des jüngsten Werks von Niemeyer geworden ist: Auf jedem Buchtitel, in jedem Artikel über Niemeyer taucht der Bau in der Nachbarstadt zu Rio auf. Und nicht zuletzt ist noch zu nennen das „Centro Cultural Internacional Oscar Niemeyer (Avilés)“ im nordspanischen Asturien, dem kurz nach seiner Eröffnung das Geld ausging und das zunächst alle kulturellen Aktivitäten einstellte. Es blieb allerdings, als Bauwerk von internationaler Bedeutung und kulturelles (!) Zugpferd für die Region, zur Besichtung geöffnet. Aktuell ist es wieder mit Aktivitäten belebt, eine überregionale Bürgerinitiative hat das Zentrum erst einmal gerettet.

In Deutschland steht lediglich ein Gebäude von ihm, ein 1957 im Hansaviertel des noch nicht durch eine Mauer geteilten Berlin fertiggestelltes Wohnhochhaus. Und beinhae hätte es, in Potsdam, noch ein weiteres Projekt gegeben. Aber die unentschiedene Haltung der Stadtoberen und die undurchsich­tige Geschichte der Akquisition des Spaßbad-Entwurfes haben den Potsdamern schließlich den Spaß am Niemeyer verdorben.

Geboren wurde der Architekt am 15. Dezember 1907 in Rio de Janeiro, seine Vorfahrenschaft kam, väterlicherseits, aus Deutschland. Hier sind Ingenieure und Offiziere bekannt, die Großeltern der Mutter waren Kommunisten. Nach dem Schulbesuch in seiner Heimatstadt heiratete Oscar Niemeyer 20-jährig Annita Baldo, Tochter italienischer Einwanderer aus Padua; im gleichen Jahr (1928) begann er auch sein Studium an der „Escola Nacional de Belas Artes“, das er 1934 abschloss. Seine freie (und offenbar auch unbezahlte) Mitarbeit im Büro von Lcio Costa brachte ihn mit Le Corbusier zusammen, der mit Costa als Projektarchitekten das Ministerium für Bildung und Gesundheit in Rio de Janeiro (dem heutigen Kulturpalast) realisierte. Ende der 1930er-Jahre lernte er den aus Böhmen stammenden Juscelino Kubitschek kennen, der seit 1939 Bürgermeister von Belo Horizonte war. Der spätere Staatspräsidenten von Brasilien vermittelte Niemeyer erste Projekte im Neubauviertel Pampulha in Belo Horizonte. Diesem Kontakt ist es auch wohl zu verdanken, dass Niemeyer mit Costa zusammen den Planungs- und Realisierungsauftrag für die neue Hauptstadt Brasiliens erhalten hat.

1945 tritt Niemeyer in die Kommunistische Partei Brasiliens ein, die er 1990 unter Protest verlässt; er wirft der Partei vor, ihre (seine?) Ideale verraten zu haben und sich zu sehr dem politischen Mainstream angepasst zu haben. Dass er in den Jahren 1947 bis 1953 der Vertreter Le Corbusiers im Planungsgremium der UNO für das UN-Hauptquartier war, begründet den starken Einfluss des gebürtigen Schweizers mit französischem Pass. Den erweiterte Niemeyer allerdings mehr und mehr um einen sinnlichen Aspekt und brach damit die auf Orthogonalität zielende Doktrin der Moderne á la Le Corbusier mittels freien Kreisformen und dynamischen Schwüngen auf.

Sein bevorzugtes Baumaterial war der Beton, den er, ebenso wie sein großer Lehrer, mit farbigen Interventionen schmückte. Am Ende wurde dieses Spiel mit Geometrien zur abstrakten Baukastenübung: Grundelemente der geometrischen Welt wie Kugel, Quader, Kegel etc. wurden nur noch variiert und in ihrer Variation gegeneinander in Stellung gebracht; mit teils offenkundigen Baumängeln, die – so ist zu hoffen – in die Hände der Restauratoren gelegt werden. „Die Architektur“, so Oscar Niemeyer, „besteht aus Traum, Phantasie, Kurven und leeren Räumen“, das umschreibt das, was der Architekt in den letzten vier Jahrzehnten seines 75-jährigen Schaffenslebens gemacht hat.

Dass viele der Tagträume des immer Zeichnenden in Schubladen verschwunden sind oder im Papierkorb landeten schadet nicht. Dass manche von diesen Träumen nach dem Erwachen dann formalistisch und teils wenig sinnlich auf ihre Nutzer reagieren, kann nur den verwundern, der felsenfest davon überzeugt ist, Träume ließen sich verlustfrei in die Wirklichkeit überführen.

Was macht einen Architekten groß? Zehn Tage vor seinem 105. Geburts­tag, am 5. Dezember 2012, starb Oscar Niemeyer im Samaritano-Hospital in Rio de Janeiro. Sein langes Leben scheint so gar nicht zu Niemeyers Empfindung zu passen, dass das Leben nur ein Hauch sei: kurz, ephemer, ohne längeren Nachhall. Ist das in paradoxer Weise die Grundvoraussetzung für Größe? „A Vida É Um
Sopro“, Lebensmotto und Titel eines späten Filmes mag eine Art von Understatement sein, ganz gewiss beinhaltet es aber Niemeyers Hang zum Poetischen und die ganze Sinnlichkeit eines extrem arbeitsreichen wie abenteuerlichen Lebens.

In dem oben genannten Film stellte Niemeyer ganz zu Beginn fest: „Ich bin es leid, über Architektur zu reden. Immer die gleichen Diskussionen, immer die gleichen Fragen.“ Mit den Fragen ist für ihn jetzt Schluss, mit den Diskussionen sollten wir heute beginnen, weitab vom eurozentrischen, den ästhetischen und kulturgeschichtlichen Aspekten verpflichteten Architekturdiskurs. Wir werden Großes finden. Tchau, Oscar! Be. K.

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