Neues von der Frankfurter Buchmesse 2016

277 000 Besucher verzeichnete die Buchmesse im Oktober dieses Jahres, davon waren gut die Hälfte Fachbesucher. Im Vergleich zu den letzten Jahren waren die Hallen 3 und 4 ein wenig umstrukturiert, in Halle 4.1, dort, wo sich traditionell viele Architekturverlage treffen, durften sich jetzt die Künstler mit Verlagen und Galeristen mit dem neuen Format „ART+“ präsentieren. Die Verlage haben davon
sicherlich auch profitiert, die Ebene 4.1. war so voll wie selten.

Die Frage, ob wir zurzeit das Ende des Buches erleben – das Ende wurde schon vor ca. 15 Jahren ausgerufen – sollte man einfach nicht mehr stellen, das Buch wird bleiben. Auch im Bezug auf die Architekturbücher, die zwar mehr und mehr – insbesondere im Segment der reinen Fachbücher – als digitale App-Inhalte für den mobilen Gebrauch aufbereitet werden und zum Teil schon nicht mehr gedruckt zu erwerben sind. Andererseits sieht man sie auch bei starker digitaler Konkurrenz nicht selten immer noch als Print(on demand)ausgabe neben dem reinen digitalen Produkt (e-book) auf den Markt kommen.

Also lassen sie sich immer noch finden, die gut gemachten Bücher, die gewichtig in der Hand liegen, deren Papier zum Darüberstreicheln verleitet und deren ganzer Aufbau dazu einlädt, mit der Lektüre sofort zu beginnen. Und nicht erst dann, wenn mal Zeit ist (also nie). Und um es gleich zu sagen: Die hier vorgenommene Auswahl, die Ihnen möglicherweise die Entscheidung für den Kauf eines gedruckten Weihnachtsgeschenks erleichtern soll, ist eine rein subjektive. Sie ist natürlich unvollständig im Hinblick auf Alternativen (ältere oder angekündigte) und geht jetzt los.

Fündig wird man meist bei Lars Müller, hier verspricht der Architekt und Autor José Aragüez mit „The Building“ (45 €) einen neuen Blick auf das Gebaute. Aragüez hatte Kollegen aus aller Welt eingeladen, über ein von ihnen gewähltes Bauwerk der Frage nachzugehen, was das Haus für sie widerspiegele. Dass Lars Müller mit „Sauerbruch Hutton Archive 2“ auch einmal den Blick auf den europäischen Avantgardemainstream lenkt, darf man ihm nicht verübeln, das Buch ist perfekt gemacht (60 €).

Das schiere Gegenteil zu Sauerbruch Hutton ist vielleicht der mittlerweile aber auch auf vielen Architekturshows befragte Diébédo Francis Kéré. Der steht, wie kaum ein anderer Architekt, für das Zusammendenken konstruktiver, sozialer und kultureller Aspekte des Bauens und er hat dem Do-it-yourself-Gedanken auch in Europa wieder zu neuem Schwung verholfen. Sein „Radically Simple“ (Hatje Cantz, 34,80 €) zeigt auch unbekannte Bauten aus seiner Heimat.

Wieder zurück in Deutschland, aber noch am gleichen Stand (Hatje): Die neue Monografie zu „Staab Architekten. Verwandte Unikate“ (68 €), dem zur Zeit bei großen Wettbewerben wohl erfolgreichsten deutschen Büro, überzeugt beim ersten Hineinblättern. Ob sie jedoch fesseln kann? Wieder ein Schwenk: Wer kennt den Architekten Ernst Zinssers? Bei Jovis ist gerade eine aktuelle, an der Leibniz Universität Hannover entstandene, solide gemachte Monografie zu Zinssers zwischen 1937 und 1970 in Hannover entstandenen Bauten erschienen (28 €). Zinssers Werk steht beispielhaft für die Nachkriegsmoderne in Deutschland und kann so im aktuellen Diskurs über den Umgang mit dieser Zeit hilfreich zur Seite stehen.

Und natürlich gibt es wie immer Monografien zu einzelnen Büros (die zu Sauerbruch Hutton oder Staab Architekten hatte ich schon). Nennen möchte ich den Band „Ornament & Identity“, der zum Werk von Neuteling Riedijk Architects einen Überblick gibt mit dem Fokus auf ihre Suche nach der richtigen Oberfläche (Hatje Cantz, 58 €). Oder endlich die Monografie zum Werk von Paul Böhm (geschrieben von Pehnt in der Edition Axel Menges, 69 €). Im Kontrast dazu und weil das Thema in der hier gezeigten Weise tatsächlich ziemlich neu ist: „GRAFT. Architecture Activism“ (Birkhäuser, 39,95 €). Man mag von dem Büro halten, was man will, ihr Engagement an den hintersten Bauplätzen dieser Welt ist beispielgebend (bei Birkhäuser auch: GRAFT HOMESTORY).

Und weil wir gerade so schön am Oszillieren zwischen den Architekturwelten sind: Die buchbinderisch und gestalterisch vorzügliche Bucharbeit: „Oskar Leo Kaufmann. 69 Projekte 2012–1996“ (heraus­gegeben von ihm selbst, Parkbooks, 145 €). Hier sind zwei Bücher recht handfest zu einem großformatigeren verbunden (Rezension in DBZ 01 | 2017). Hermann Kaufmann schreibt ein Vorwort zu Ulrich Dangels „Wendepunkt im Holzbau“ (Birkhäuser, 29,95 €), das man als Argumentation für mehr Holz in der Architektur lesen soll und kann.

Wolf D. Prix könnte man sich einmal von ganz anderer Seite aus nähern, nämlich über den Architekten als Leiter des „Studio Prix“ an der Universität für angewandte Kunst Wien (Birkhäuser, 50 €). Oder man wagt sich an die Geschichte der Basler Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron, die zu erzählen die Autoren Jean-François Chevrier mit Élia Pijollet am Geburtsort des Büros versuchten („Aus Basel – Herzog & de Meuron“, Birkhäuser, 49,95 €).

Martin Lehnen bietet mit „Opus moderne. Die Wand aus glatt geschaltem Sichtbeton“ ein spannend zu lesendes Buch zum Beton an. Mit Bauten von Le Corbusier, Louis Kahn und Tadao Ando (Wasmuth, 35 €). André Pilling untersucht mit „BIM – Das digitale Miteinander“ mögliche Arbeitsfelder des digitalen Planens im Team (Beuth, 48 €), Volkwin Marg geht mit „Der Verstand so schnell, die Seele so langsam“ einen ganz anderen Weg als sein Bürogründungskollege von Gerkan. Seine „Gespräche wegen Architektur“ mit 11 Freunden sind zumindest sehr unterhaltsam (Niggli, 44 €).

Ob das digitale Miteinander nicht auch „Das Verschwinden des Architekten“ zur Folge hat (Transcript Verlag, 27 €)? Das ist eine Frage, die in der kommentierten Anthologie „ARCHITEKTUR RAUM THEORIE“ möglicherweise beantwortet wird (Wasmuth 39,90 €). Was aber bleibt: die Qual der Wahl. Vielleicht einfach mal anfangen?! Be. K.

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