Neues Bauen für Neue Arbeit

Seit einigen Jahren spürt unsere Arbeitswelt einen strukturellen und elementaren Wandel. Die Erfahrungen der letzten Monate haben diese Selbstreflexion noch weiter befördert bis zu einem Punkt an dem Bürogebäude gänzlich in Frage gestellt werden.

Das innenräumliche Arbeitsumfeld im Büro und auch außerhalb der klassischen Bürogebäude haben eine zunehmende sowohl gesellschaftliche als auch wissenschaftliche Relevanz. Raumgestaltung von physischen Räumen hat Einfluss auf Kreativität1, Individualisierung von Büroräumen hat einen messbaren Einfluss auf Fehlerhäufigkeit und Geschwindigkeit und es lassen sich Zusammenhänge zwischen Bewegung und Effektivität bei Besprechungen herstellen2.

Dies führte im letzten Jahrzehnt unter anderem dazu, dass große Unternehmen im Bereich der Digitalisierung – Apple3 Facebook4, Amazon5 oder Google6 – moderne Architekturbauten planten und errichten, um die Wahrscheinlichkeiten physischer Begegnungen und damit Kollaboration zwischen MitarbeiterInnen zu erhöhen. Diese Idee der Förderung von informellen Begegnungen stammt u. a. aus der Tradition der Campus-Architektur, deren moderne innenräumliche Interpretation und Umsetzung sich an Beispielen wie z. B. dem Forschungsgebäude Building 20 des MIT der 1940er-Jahre7 oder dem Rolex-Learning-Center der EPFL von SANAA-Architekten in Lausanne von 20108 ablesen lässt.

Im Zuge der globalen Corona-Pandemie standen die Bestrebungen der Campus-Architektur jedoch im Gegensatz zum Trend, dass MitarbeiterInnen im Home-Office arbeiten oder sich konzentriert ohne KollegInnen mit ihrer Arbeit von zu Hause am Laptop beschäftigten. Aktuelle Diskurse betrachten daher sowohl Vorteile als auch Nachteile der Möglichkeiten von Heimarbeit u. a. auch unter dem Gesichtspunkt der Arbeitszeitflexibilisierung. Moderne WissensarbeiterInnen verbringen einen substantiellen Teil des Lebens beim Arbeiten in Innenräumen am Heim-Arbeitsplatz (Erster Ort), in Besprechungen im Büro (Zweiter Ort) und unterwegs und an einem sogenannten „Dritten Ort“9. Die Innenarchitektur sucht Antworten darauf, wie die optimalen Arbeitsbedingungen für die Wissensarbeit im Dreiklang dieser Orte aussehen könnten. Diese Zukunft lässt sich aus den Erkenntnissen der letzten Jahre zum Thema Kollaboration und Zusammenarbeit ebenso abbilden, wie durch einen spürbaren und erlebbaren Kulturwandel. Die Integration der NutzerInnen in die Planung durch Workshops und Befragungen ist ebenso neu wie die Gestaltung der Arbeitslandschaften nach den Bedürfnissen einer zukünftigen Generation von MitarbeiterInnen. Durch den stärkeren Austausch zwischen GestalterInnen, ForscherInnen und NutzerInnen entsteht ein großer Wissensvorsprung und dieser Vorsprung ist nun eine gute Grundlage, um auf Erkenntnissen basierende Rückschlüsse für kommende Projekte zu ziehen: Wie wird die Zukunft der Wissensarbeit aussehen? Forschungen zeigen wie wichtig ungeplante persönliche Begegnungen für neue Ideen und Innovation sind und ebenso hat sich gezeigt, wie diese Art der Begegnung durch die letzte Phase des Homeoffice reduziert wurde. Daher sollte das Konzept eines gemeinsamen Arbeitsortes für alle MitarbeiterInnen – mit vielfältigen Begegnungen – das Ziel für jedes Unternehmen sein. Neben Forschungen, Promotionsvorhaben und wissenschaftlichen Publikatio­nen zum Thema Auswirkungen von Arbeitsumgebungen auf erwünschte Effekte, findet man an den angewandten Hochschulen Kooperationsprojekte mit Unternehmen, die sich zunehmend an den Lehr- und Forschungsbetrieb wenden, um gemeinsam Ideen für die Konzeption ihrer neuen Büroräume zu entwickeln. Studierende von heute sind die MitarbeiterInnen von morgen und sie sind durch die zunehmende angewandte Forschung immer besser fachlich ausgebildet.

Solche Beispielprojekte an der Hochschule Coburg sind eine Bachelorarbeit gemeinsam mit der Audi AG über Coffee Points im Audi Werk Ingolstadt, die Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit zum Thema Zukunft des Büros oder die ganz praxisbezogene Umgestaltung der ehemaligen Kühlhalle des Schlachthofs in eine Bürolandschaft. Ein Kernthema der Innenarchitektur ist, welche Tätigkeit sich mit welcher räumlichen Gestaltung gut bewerkstelligen lässt. Konzentration, Kommunikation und Rückzug sind unterschiedliche Bedürfnisse, die unterschiedliche Umgebungen erfordern. Daher geht es immer darum, mit den Menschen zusammen herauszufinden: Welche Art von Tätigkeiten gibt es und wieviel brauchen wir wovon? Studierende dürfen dabei innovative Ideen entwerfen – die späteren NutzerInnen der umgestalteten Kühlhalle können ihre Gedanken und Ideen an die Studierenden weitergeben, z. B. in einem eintägigen gemeinsamen Online-Workshop und die Entwürfe dann als Anregung für die eigene Planung nehmen. So werden NutzerInnen und zukünftige Generationen gemeinsam in einem moderierten Prozess sehr früh in den Planungsprozess eingebunden, was dem aktuellen Kulturwandel in Planungs- und Beteiligungsprozessen einerseits und dem Kulturwandel bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen andererseits Rechnung trägt.

Teil dieses Kulturwandels ist eine Vielzahl von verschiedenen Arbeitsorten, ob im Unternehmen oder an vielen anderen Orten. Diese zukünftigen Arbeitsorte werden auch die dritten Orte sein, die wir uns selbst erarbeiten – weil wir sie nutzen wollen, weil sie uns fördern, unterstützen und einfach guttun. Der sogenannte „Dritte Ort“ ist dann ein Ort für Wissensarbeit, der als dritter Ort neben dem Arbeitsort im Unternehmen und im Home-Office immer häufiger anzutreffen sein wird. Thema dabei ist es, den MitarbeiterInnen eine Alternative sowohl zum täglichen Pendeln in eine Unternehmenszentrale als auch zum Home-Office ohne soziale Kontakte anzubieten. Dieser „Dritte Ort“ ist eine Verbindung der Vorteile der beiden Arbeitsplätze im Unternehmen und im Home-Office und bietet darüber hinaus viele weitere positive Aspekte.

Das Büro verliert damit seine Bedeutungshoheit als alleinige Arbeitsstätte und verändert sich auch in der Planung. Büros müssen zukünftig in erster Linie soziale Begegnungsstätten sein und Kommunikation und Kollaboration fördern. Denn physische Begegnung ist der Treiber für Innovation und Kreativität und die für entsprechende Arbeitsmethoden gestalteten Räumlichkeiten werden an Bedeutung gewinnen. Im Büro der Zukunft werden Basisarbeitsplätze und die üblichen Besprechungsräume enorm reduziert, da sie mit Home-Office und Videokonferenzen ihre Relevanz verlieren. Die Bedeutung von Zwischenräumen und Gemeinschaftsflächen, Orte, die wir heute nur teilweise als „Büro“ bezeichnen würden, wird mit der kommenden Generation im Arbeitsleben zunehmen.

Anmerkungen
1 Phillips, 2016.
2 Knight, 2015; Waber et al, 2014.
3 Apple Park: https://www.fosterandpartners.com/projects/
apple-park/ Letzter Zugriff 12.06.2020
4 Facebook Menlo Park https://www.bauwelt.de/themen/bauten /Facebook-Zentrale-MPK-20-Menlo-Park-Gehry-3081157.html Letzter Zugriff 12.06.2020
5 Amazon Spheres: http://www.nbbj.com/work/amazon/
Letzter Zugriff 12.06.2020
6 Google Mountain View: http://www.heatherwick.com/project/ google-mountainview/ Letzter Zugriff 12.06.2020
7 https://infinitehistory.mit.edu/video/mits-building-20-
magical-incubator
8 https://www.epfl.ch/campus/visitors/buildings/rolex-learning- center/
9 der Begriff “dritter Ort” ist eine Begriffsschöpfung der Autoren als Übertragung von “First Place”, “Second Place”, “Third Place” aus Oldenburg, 1999.
 
Literatur
– Knight, Craig. „The psychology of the workspace: Driving workplace performance?“ Gehalten auf der Orgatec
Symposium 2015, Köln, 18. November 2015.
– Oldenburg, Ray. The great good place: cafés, coffee shops,
bookstores, bars, hair salons, and other hangouts at the heart
of a community. New York : [Berkeley, Calif.]: Marlowe ;
Distributed by Publishers Group West, 1999.
– Phillips, Mark N. Kollisionen: Raum für Kreativität und
Innovation im Büro. 1. Auflage. Zwischen den Welten,
Band 8. Göttingen: Cuvillier Verlag, 2016.
– Waber, Ben, Jennifer Magnolfi, und Greg Lindsay. „Workspaces
That Move People“. Harvard Business Review, 1. Oktober 2014,
139–51.

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