Metabolismus-Ikone muss verschwinden

„Totgesagte leben länger, diese Weisheit trifft auf den Nakagin Capsule Tower im Ginza-Stadtteil des Tokioter Stadtbezirks Chūō wie auf nur wenige Bauten dieser Welt zu.“ Das schrieb ich vor ziemlich genau einem Jahr in dieser Zeitschrift, doch nun ist es soweit. Der 1972 eröffnete und nach Plänen des Architekten Kisho Kurokawa gebaute Zimmerstapel im extrem teuren Tokioter Stadtbezirk wird seit Mitte April abgebrochen. 145 Betonboxen stapelte Kurokawa vor einem halben Jahrhundert um zwei Erschließungskerne neun beziehungsweise elf Geschosse in die Höhe. Länger schon gibt es Sicherungsnetze, die das Herabfallen von größeren Bauteilen weniger gefährlich machen für die Menschen im Straßenraum. Bis zum Schluss war die auf Pflege von Anfang an konstruierte Ikone des Metabolismus bewohnt und in kleinen Teilen für eine Büronutzung präpariert. Doch diese Inbesitznahme und allein in der Nutzung sich spiegelnde Wiederbelebung kam zu spät und war eher eine Art von sentimentalem Abgesang auf ein Gebäude, das den heutigen Anforderungen nicht mehr zu entsprechen vermochte. Wahrscheinlich gibt es aus genau diesem Grund auch solche Anforderungen!

Dass in den Abrissberichten natürlich das Stichwort „Asbest“ auftaucht: Wen wundert es! Doch ganz sicher folgt der Verbrauch von Gebäuden nach dem Motto „Bauen – Nutzen – Abreißen“ einer japanischen Grundhaltung zur zeitgenössischen Kultur. Die ist zwar vorhanden, doch immer wird sie aus der Tradition erklärt. Wie man  Metabolismus hier einordnen will?

Wie in vielen europäischen Ländern gibt es Denkmalschutz auch in Japan. Er ist fixiert im Kulturgutschutzgesetz von 1950, eine Reaktion auf die großen Zerstörungen kultureller Güter im Weltkrieg 1939-45. Denkmale sind hier materielle wie immaterielle Dinge, die der japanischen Vorstellung von Schönheit Ausdruck geben: Schönheit von Ensembles oder Landschaft, von Malerei, aber auch Architektur, die sämtlich traditionelle japanische Werte, Konventionen und Geschichte (lang zurückreichende!) repräsentieren. Ein Nakagin Capsule Tower passt da nirgends hin, vermutlich sind die Kulturgutschützer sogar froh, dieses am Ende marode Etwas aus den Augen zu haben.

Kleine Gruppen machtlos Engagierter – so die Gruppe „Nakagin Capsule Tower A606 Project“ – hatten über die Weiternutzung des ehemaligen Hotelturms versucht, das Gebäude im Gespräch zu halten. Vergeblich. Ende März retteten sie zusammen mit dem Büro Kurokawa, was zu retten war, einzelne der 140 Kapseln (so die Nr. A606) und Interiorreste und sammelten Fotografien und anderes Dokumentationsmaterial, damit der Nakaging Capsule Tower als einer der wichtigsten architekturhistorischen Bauten Tokios nicht zur Gänze verschwindet. Be. K.

www.kisho.co.jp
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