„Mensch und Architektur: eine Baukultur im Wandel“

Martin Haas, Freier Architekt BDA zum Thema „Nachhaltig Bauen“

Der steigende Wohlstand einer wachsenden Anzahl Menschen führt zu einem sprunghaften Verbrauch unserer Ressourcen. Erste Erfolge durch eine verbesserte Effizienz oder durch den Einsatz neuer Technologien verblassen im Angesicht dieses weltweiten Hungers nach Energie und Rohstoffen. Wir suchen nach neuen Wegen des Wirtschaftens.

Wir Architekten stehen dabei in einer besonderen Verantwortung. Gebäude verbrauchen ca. 40 % der Energie und Rohstoffe weltweit. Wir müssen daher Lösungen entwickeln, bei denen die Ressourcen, die zum Bauen gebraucht werden, nicht verloren sind. Entwerfen können wir heute schon Gebäude, welche Energie liefern. Wenn diese Häuser dann auch noch schön sind kann ein „nachhaltiges“ Leben auch ein begehrenswerter Lifestyle werden. Der Wandel wird erst dann erfolgreich sein, wenn er nicht mit Verzicht gleichgesetzt wird.

Wie muss ein Haus der Zukunft aussehen? Die Individualisierung der Gesellschaft erfordert Gebäude, die sich den veränderlichen Ansprüchen anpassen können. Kleine Strukturen sind flexibler. Ob in einem Haus gearbeitet oder gewohnt wird, ist aufgrund unserer technischen Möglichkeiten fast schon nebensächlich. Denn der Lebensstil unserer Wissensgesellschaft unterscheidet kaum noch zwischen Tätigkeit und Freizeit.

Der Wunsch nach Gesundheit und Wohlempfinden und einer selbstbestimmten Lebensgestaltung durchzieht heute sowohl unser Arbeits- wie auch unser Freizeitleben. Wenn wir daher erreichen wollen, dass ein Gebäude dauerhaft und intensiv genutzt wird, um seine Existenz, den Aufwand seiner Errichtung überhaupt zu rechtfertigen, muss es eine Vielfalt an räumlichen Situationen bieten, damit die individuellen Ansprüche an eine lebendige Atmosphäre befriedigt werden können. Funktionalität alleine genügt den Anforderungen unserer Zeit nicht mehr. Die Menschen suchen nach Erfahrungen und einem emotionalen Mehrwert. Räume, in denen wir uns gerne aufhalten, ermöglichen unsere Entfaltung.

Nachhaltigkeit sollte im besten Fall erfahrbar sein: Die Solarzelle auf dem Dach bietet zunächst keinen spürbaren Mehrwert. Sie ist eine gute technische Lösung. Ein begrüntes, begehbares Dach kann dagegen das tägliche Leben seiner Nutzer wesentlich bereichern.
Ideal wäre daher ein Dachgarten, der auch Energie liefern kann.

Wir Architekten müssen abwägen zwischen quantitativen und qualitativen Aspekten und stetig nach Lösungen suchen, die nicht nur technisch besser sind, sondern das Leben der Menschen auch spürbar verbessern.

Dies ist ein wesentlicher Unterschied zu vielen Strukturen und Entwicklungen des vergangenen Jahrhunderts, welche aus dem Willen zur perfekten Funktion, der Logik einer Maschine folgend, das menschlich „Kleine“ oft vernachlässigt haben. Wir müssen uns von dem Leitbild der Maschine lösen. Architektur sollte wie ein Organismus gedacht werden. Wandelbar. Anpassungsfähig.

Ich glaube ein wesentlicher Erneuerungsschub liegt in der Entwicklung reagibler Systeme. Wäre ein Haus, welches im Winter niedrig und relativ geschlossen ist, im Sommer aber hoch und offen, nicht wunderbar? Ein Gebäude, welches sich den Jahreszeiten und vielleicht auch den Nutzungen anpasst. Es gibt bereits erste Fassaden, die manches von dem können. Ideal wäre, wenn alle zum Betreiben eines Gebäudes notwendigen technischen Komponenten wie Kunstlicht, Lüftung und Heizung in nur einem Element vereint wären. Der Fassade zum Beispiel. Der Rohbau könnte radikal vereinfacht und nur nach räumlichen Überlegungen entwickelt werden.

Ich sehe hier ein enormes Potential für die Vereinfachung der Bauprozesse und damit auch ein Potential für die Verbesserung der baulichen Qualität insgesamt, kann so doch eine Konzentration auf die wesentlichen Aspekte guter Architektur erfolgen.

Der Architekt

Martin Haas, Freier Architekt BDA, Miller Chair University of Pennsylvania, Philadelphia USA. Als Mitarbeiter und Partner bei Behnisch Architekten 1997-2012 legte Martin Haas den Schwerpunkt seiner Arbeit auf die Entwicklung innovativer und nachhaltiger Architektur. Im April 2012 gründete er zusammen mit David Cook und Stephan Zemmrich das Büro „haascookzemmrich STUDIO2050“ mit Projekten im In- und Ausland. Als Mitinitiator des DGNB ist Martin Haas Mitglied des Präsidiums und wissenschaftlicher Beirat der Bauhaus.SOLAR Weimar. Seit 2008 hat er eine Gastprofessur an der University of Pennsylvania in Philadelphia/ USA sowie an der Universita di Sassari in Italien.

www.haascookzemmrich.com

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