Liebe Leserinnen und Leser,

„Bauen im Bestand“ ist das Titelthema dieses Hefts und aus welchem Grund auch immer: Mir kommt immer das „Bauen mit Verstand“ in den Sinn. Natürlich sollte jedes Bauen vom Verstand geleitet sein, wie ebenso auch das Herz gefordert ist, also die emotionale Seite. Dennoch erscheint das Bauen im Kontext des schon Gebauten immer noch eine verstandesmäßige Herausforderung zu sein. Warum ist das eigentlich so? Weil so viele Gründe gegen das Bauen im Bestand zu sprechen scheinen. Glaubt man jedenfalls denen, die am Ende immer mit der Ökonomie argumentieren: Man muss ja ertüchtigen, man muss Altlasten entsorgen, man ist auf Grundrisse oder Querschnitte gezwungen, Erschließungen sind ja auch schon da, aber nichts wert, vorhandene Infrastruktur ein Mangel, aber im Planungsprozess nicht zu ignorieren, und so weiter.

Ja, das alles scheint gegen das Bauen im Bestehenden zu sprechen. Und wer jetzt mit Patina kommt oder grauer Energie, wer damit kommt, dass das Bauen im Bestand immer eine schöne, höchst anspruchsvolle und die gestalterische Kraft ganz besonders fordernde Sache ist, der wird mit schief gehaltenem Kopf angeschaut und gleich kommt wieder die Frage: Und wer soll das alles bezahlen?

Dabei stimmt natürlich das, was einzuwenden ist. Ebenso wie das, was für das Bauen im Bestand vorzubringen ist. Im Gespräch mit unseren jungen Heftpartnern, Andreas Krauth und Urs Kumberger vom Berliner Büro Teleinternetcafe, ergaben sich aber auch noch ganz andere Aspekte, warum das Bauen mit dem Vorhandenen etwas sehr Kostbares sein kann, prozessual und im Ergebnis.

Prozessual deshalb, weil die Beschäftigung mit dem Ort und seinen Bauten immer eine anschauliche Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Menschen ist, die an diesem Ort leben, ja, die diesen Ort beleben und damit erst wirklich machen. Eine Brache, die ein Abriss hinterlassen hat, eine Tabula rasa schneidet Energien ab, löscht Wissen wie Löschpapier, führt – man sieht es immer wieder – zu Allgemeinplätzen, die zwar auf eine Typologie hingearbeitet sind, aber locker auch in einem anderen Viertel, gar einer anderen Stadt entstehen/stehen könnten. Damit werden Straßen, Viertel, Städte austauschbar. Gesichtslosigkeit wird produziert aus einer Haltung der Verwertbarkeit, nicht der Wiederverwertbarkeit. Teleinternetcafe machen diese prozessualen Dinge, die langsame, umfassende, vom Großen ins Detail gehende Analyse und Fortentwicklung mit Herz und mit Verstand.

Die Diskussion mit den Heftpartnern genau über diese Dinge führte schließlich zu der Projektauswahl in diesem Heft: Bauten aus Deutschland, Belgien und Frankreich, bei denen es um ein Anknüpfen, ein Weiterbauen gegangen ist. Sie alle zeigen, dass alles in einem Kontext einer größeren Planung steht und dass jedes Haus sich als Teil eines weiter gefassten Ganzen definiert, integral und doch am Ende auch ganz für sich selbst: Neubauten, die als Um- oder Weiterbauten auf dem Vorhandenen basieren und Dinge nutzen, die vor Ort sind. Das ist Bauen im Bestand mit Verstand.

Wie wunderbar Verstand und Herz in einem Ingenieursleben und -werk zusammengehen können, zeigt uns Stefan Polónyi, der am 6. Juli seinen 90. Geburtstag feiern kann. Mit ihm haben wir ein langes Gespräch geführt (S. 10ff.), in dem es um mehr ging, als um das Tragwerk. Das Stichwort der „Entmystifizierung“ war dabei ein wesentliches; anzuwenden auf vieles beim Bauen, auch bei der Bauaufgabe im Bestand. Der Bestand ruft, lassen wir uns auf ihn ein!

Viel Vergnügen dabei wünscht

Ihr

Benedikt Kraft

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