Kulturforumsfantasien

In Berlin, also im Herzen Berlins, dort, wo Ost und West einmal aufeinandertrafen, dort, ganz nahe dem „Mythos Berlin“, der sich bis heute über eine Handvoll historischer Schwarzweiß-Fotografien als „Postdamer Platz“ ewiges Andenken gesichert hat, an der Stelle nun, an welcher Hans Scharoun das wohl beste Haus für Musik und die schönste öffentliche Bibliothek des 20. Jahrhunderts realisiert hatte, an dem Ort, an welchem ein Weltstar der Architektur die Inkarnation der Mies-/Corbusier-/Johnson-Moderne in Form eines Ausstellungstempels abgestellt hatte, da also, wo eine mit Grafitti markierte und selten geöffnete Imbissbude die heilige Baulandschaft als verunglücktes städtebauliches Experiment desavouiert … ja, was eigentlich ist dort?!

Ja, dieser Imbiss, zuletzt betrieben von Ahmet Korubay, war länger schon all denen ein Dorn im Auge, die für das Kulturforum (Kultur!) immer nur das ganz Große gewollt haben. Für das ganz Große aber nichts unternommen hatten, sei es, man hatte keine Ideen gehabt, sei es, man durfte nicht so, wie man wollte. Das Kulturforum also, derzeit und eigentlich immer schon ein ungemütlicher Platz ebendort, ist mit all seiner zugigen Weite vollgestellt mit Architekturikonen des 20. Jahrhunderts. Und mit, wenn nicht schon bewunderten Ikonen, dann doch streitevozierenden Volumina wie der sich mit 6°-Gefälle zum Platz hin neigenden Piazetta mit Autoabstellplätzen drunter oder dem ungeliebten Gutbrod-Bau, dem jüngst von Kuehn Malvezz überarbeiteten Kunstgewerbemuseum.

Zurzeit ist Baustelle auf dem „Bauplatz“, so darf man das bis heute nicht zuende bebaute Kulturforum wohl nennen. Die Hamburger gmp kümmern sich um die Bibliothek, Chipperfield um die Galerie. Und zwischen Nationalgalerie und Philharmonie kümmern sich Arbeiter um die Vorbereitungen zur Erstellung einer Baugrube dort, wo einstmals Scharoun sein Gästehaus geplant hatte. Hier soll demnächst ein Museumsneubau hin, für den es 2015 einen Ideenwettbewerb gab, den in der Realisierungsrunde das Basler Büro Herzog & de Meuron gewann. Ihre „Scheune“, „Blechhütte“, ihr „Bierzelt“ und „Reithalle“, manchenteils auch „Aldi“ geschimpft, soll ab 2026 noch mehr Besucher in die Hauptstadt locken mit Kunst des 20. Jahrhunderts. Der Neubau heißt wohl „Nationalgalerie20“:

Nun könnte man fragen: Wer will sich das eigentlich alles anschauen? Oder auch: Ist das eigentlich alles wert, in solchem Rahmen präsentiert angeschaut zu werden? Man kann aber auch das Fragen lassen und einfach dagegen halten. Der Münchener/Berliner Stefan Braunfels beispielsweise macht das. Und weil er das häufig und mit Nachdruck auch vor deutschen Gerichten macht, ist er teils recht unbeliebt und wird zu öffentlichen Wettbewerben nicht mehr eingeladen; so jedenfalls sieht das Braunfels selbst. Für die Belebung des Kulturforums hatte er 2013 schon Vorschläge gemacht, die er – ganz im Gehabe öffentlicher Bauherrn – zuerst einem ausgewählten Kreis von Presseleuten präsentierte. Damals plante der noch auf dem Platz des Scharounschen Gästehauses den Museumsneubau. Die Piazetta war abgerissen, hier sahen wir einen von Kolonnaden gefassten Platz mit Turm, was ein wenig an den Städtebau im Italien der 1930er-Jahre erinnerte. Ein großer Brunnen mit Fontäne vor den Scharoun-Bauten für Musik sollte wohl den italienischen Spirit durch ein französisches Flair abrunden. Jetzt, in seinem der Redaktion digital vorliegenden „Buch“, untersucht Braunfels die komplette Kulturforumsgeschichte (und damit indirekt auch seine eigene Planungsgeschichte, die er diesem Forum hat angedeihen lassen) und schlägt zahlreiche städtebauliche Details für eine Neugestaltung vor. Dabei zielt er natürlich auf den aktuellsten Baustein auf dieser bis heute so seienden Tabula rasa mit Restbeständen, auf den Museumsentwurf von Herzog & de Meuron. Der natürlich viel zu groß geraten sei, zu nahe an der St.-Matthäus-Kirche stehe und überhaupt nichts von dem Ort verstehe, auf dem er demnächst stehen wird. Kosten: 450 Mio. € statt der ursprünglich gehandelten 200 Mio. €. Eine Steigerung, die von Bauherrnseite unter anderem damit begründet wird, dass man ein Geschoss tiefer gehen muss, als ursprünglich beabsichtigt. Braunfels Vorschlag sei da wesentlich günstiger, weil mehr in die Höhe als in den Untergrund gedacht. Allerdings steht Braunfels Museum jetzt dort, wo ihn nach langer Diskussion sonst keiner mehr sehen will: in direkter Nachbarschaft zum Skulpturenhof der Nationalgalerie.

Die Sache scheint klar: Berlin, der Bund gar mit seinen Stiftungen, hat keinen Plan. Das Kulturforum, ursprünglich einmal die Antwort auf städtebauliche Anstrengungen hinter der Mauer im Osten, ist bis heute ohne städtebauliche Vision ein Sammelsurium von Geschichten und Geschichte. Die nur noch unter großen Mühen herstellbare Übersicht über die unzähligen Workshops und Gutachten, die dieser Fleck Stadterde hat über sich ergehen lassen müssen, lassen wir, das würde nur deprimieren und man käme noch auf die Idee, dass das alles ohnehin überflüssig gewesen ist. Denn nun geschieht ja etwas und vielleicht kann Braunfels noch seine Fontäne von 2013 irgendwo unterbringen, als Geste einer Wiedergutmachtung auf Bauherrnseite vielleicht, die diesem Architekten so übel mitgespielt hat in den letzten Dezennien; so jedenfalls Braunfels Sicht.

Als ich ihn bat, mir doch sein Pamphlet in gedruckter Form zuzusenden, antwortete er mit dem Duden: Ein Pamphlet sei doch „eine Schmähschrift, überspitzt und polemisch“ oder „eine scharfe Polemik, häufig nicht sehr sachlich?“ Ja, lieber Herr Braunfels, genau das. Und gewiss brauchen wir ja mehr (echte) Pamphlete, dann werden auch weniger davon gebaut. Auf dem Kulturforum stand mal eine Imbissbude?! Steht sie noch, wünsche ich ihr ein langes Leben! Be. K.

www.braunfels-architekten.de, www.nationalgalerie20.de

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