Kreuz und quer
Das „VitraHaus“ auf dem Vitra Campus, Weil am Rhein

Lakritzstangen, Holzscheite, Mikadostäbe – unterschiedlichste Bilder wurden schon herangezogen, um das neue „VitraHaus“ von Herzog de Meuron zu beschreiben. Die Aufgabenstellung lautete, einen Showroom für die „Home Collection“ der Designfirma zu gestalten. Wohnliches Ambiente war gefragt, um die bis zu 100 000 Besucher und Architektur-Pilger, die Vitra jährlich aufsuchen, auf der Kirschwiese vor dem Werk willkommen zu heißen. Die Antwort des Schweizer Architekturbüros war die Kombination zweier sich scheinbar widersprechender Themen, die in ihren Bauten immer wiederkehren: der Urtyp des Hauses mit Satteldach und die Stapelung.

Rein konstruktiv betrachtet besteht das Gebäude aus 12 Rohren mit hausförmigem Querschnitt, die wirken, als habe man sie willkürlich aufeinander fallen lassen und miteinander verschnitten. Die Rohrquerschnitte variieren: Im Basisbereich sind sie breiter, in den oberen Ebenen haben sie unterschiedliche Dachneigungen. Einzig der Vitrinen-Riegel im Erdgeschoss, der als Museumsfläche für alle bis dato produzierten Vitra-Stühle dient, erhält durch zwei zusätzliche Knicke einen fast sternförmigen Querschnitt. Auf insgesamt 5 Ebenen mit einer Gesamthöhe von 21 m stapeln sich die Elemente – mit Auskragungen von bis zu 15 m. Der Wandaufbau ist rundum nahezu gleich: Ortbeton, umhüllt von Wärmedämmverbundsystemen. Als Außenhaut wurde auf den Dachflächen Bitumen, an Wänden und Boden ein farblich an das Bitumen angepasster, anthrazitfarbener Putz verwendet. Diese einheitliche Farbgebung verwischt die funktionellen Unterschiede und lässt das Gebäude zu einer einzigen abstrakten Skulptur verschmelzen. An ihren Öffnungen gewähren filigrane, kaum wahrnehmbare Glaskonstruktionen ungehinderte Ein- und Ausblicke.

Besucher betreten das „VitraHaus“ über einen Innenhof, um den herum sich die Gebäudeteile gruppieren. Seine Holzbeplankung faltet sich an beiden Seiten der Vitrine zu langen, einladenden Sitzbänken hoch. Im Inneren erwartet den Gast ein großzügiger Lobbybereich mit angegliederter Cafeteria und Shop. Wer dem empfohlenen Rundgang folgt, lässt die Wendeltreppe links liegen, fährt mit dem Lift ins oberste Geschoss und wird dort von zwei eindrucksvollen Ausblicken – auf den Tüllinger Hügel und auf Basel – erwartet. Wie auch der weitere Weg durch die unteren Ebenen zeigt, sind die Gebäuderiegel keineswegs willkürlich angeordnet, sondern folgen einer Panorama-Choreographie mit immer neuen Blickbeziehungen – entweder unverstellt oder hinter Vorsprüngen verborgen. Der Rundgang führt durch eine Vielzahl von Wohnwelten aus der Home Collection und den Vitra Classics. Dabei bewirken die vielfältigen Gebäude-Verschneidungen immer neue Raumerlebnisse: Offenen Zonen folgen intimere, von hellen Räumen geht es in schummrige Ecken. Ob gewendelt oder gespindelt, die Treppen verbinden die einzelnen Geschosse immer mit Schwung. Der letzte Schwung endet im Shop.

Wer etwas Spektakuläres à la Tate Modern oder Elbphilharmonie von den Schweizern erwartet hat, wird in Weil am Rhein enttäuscht. Dies wäre der Bauaufgabe auch nicht gerecht geworden. Während Zaha Hadid auf dem ­Vitra-Gelände mit der Feuerwache ihr allererstes Gebäude realisierte, Tadao Ando und Frank O. Gehry hier ihre Europakarrieren starteten, so bauen Herzog de Meuron auf dem Höhepunkt ihre Schaffens und müssen sich an ihren weltweit gebauten Projekten messen lassen. Ihnen ist mit dem neuen „VitraHaus“ eine ungewöhnliche und sicher neuartige Architektur gelungen, die sich aber der Wohnlichkeit verpflichten musste. Im Œuvre der Schweizer Architekten nimmt das „VitraHaus“ damit zwar keinen Spitzenplatz ein, zwischen seinen berühmten Nachbarn kann es sich aber durchaus sehen lassen. Nachts, wenn die dunkle Fassade mit der Umgebung verschmilzt und sich die verglasten Schmalseiten in leuchtende Vitrinen verwandeln, wird es als höchstes Gebäude sogar zum alles überstrahlenden Leuchtturm.

Ulrike Sengmüller, München

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