„Konstruktive Ehrlichkeit und Materialgerechtigkeit“

Prof. Dr.-Ing. Werner Sobek

zum Thema „Konstruktives Bauen“

Bis in die späten 1980er Jahre ist es − trotz vieler anders lautender Ankündigungen und Bemühungen − nicht gelungen, die durch die Aufspaltung des Baumeisters in Architekt und Ingenieur entstandene Trennung der Berufsgruppen zu überwinden. Erst das nahezu schlagartige Verschwinden von Strömungen wie Postmodernismus oder Dekonstruktivismus brachte eine Veränderung. Das „anything goes“ wich der Forderung nach mehr Transparenz und nach einer Minimierung der eingesetzten Mittel sowie – zumindest vorläufig – der erneuten Forderung nach konstruktiver Ehrlichkeit und Materialgerechtigkeit. Mit beiden Forderungen waren zentrale Ziele der klassischen Moderne in das Bauschaffen zurückgekehrt. Die Konstruktion erkennbar, ablesbar und damit zum Element der Gestaltung werden zu lassen, erzwang auch eine enge Kooperation zwischen Architekten und Tragwerksplanern. Die tragende Konstruktion wurde, insbesondere bei den Gebäudehüllen, auch gestalterischer Ausdruck. Die Arbeit der Ingenieure wurde auf diese Weise häufig gestaltbestimmend. Die Kooperation ging bei einzelnen Teams so weit, dass die Handschriften und die Einflüsse von Architekt und Tragwerksplanern zugunsten einer gemeinsam erarbeiteten Schöpfung zunehmend ineinander übergingen – ein oft als „Archineering“ (Archi-Neering. Helmut Jahn, Werner Sobek. Hrsg. v. Susanne Anna. Hatje Cantz, Ostfildern 1999) bezeichneter Prozess, der allerdings aus zwei Gründen nur knapp zwei Dekaden anhielt: Zum einen bedeutete das Aufkommen immer dicker werdender Wärmedämmpakete das nahezu vollständige Verschwinden des filigranen und materialsparenden Bauens. Hinzu kamen Trends wie das „terrorsichere“ Bauen und die aus ähnlichem Gedankengut sprießende Bewegung des „robusten Bauens“. Virtuos entworfene und konstruierte Tragwerke und Konstruktionen – also Baukunst – sind heute weniger gefragt als noch vor ein paar Jahren.

Die Wendung hin zum nachhaltigen Bauen und die damit verbundene Notwendigkeit des integralen Planens bieten jedoch die große Chance, das Selbstverständnis und die Zusammenarbeit von Architekten und Ingenieuren auf eine neue Basis zu stellen. Die sprunghaft gestiegene Komplexität der Planungsaufgabe erfordert von allen Beteiligten eine Erweiterung des Blickfelds und der Kompetenzen sowie die Bereitschaft zur kooperativen Planung. Hinzu kommt die dringende Notwendigkeit bautechnischer Innovationen, schließlich steht das Bauwesen für 60 % des Ressourcenverbrauchs, 60 % des Massenmüll-aufkommens, 35 % der Emissionen und 35 % des Energieverbrauchs. Angesichts des anhaltenden Bevölkerungswachstums sowie des ­zunehmenden Wohlstands in weiten Teilen der Erde bedeuten die ­genannten Zahlen Absolutwerte nie dagewesener Größenordnung. Allein hierdurch erhält das Tun von Architekten und Ingenieuren eine vollkommen neue gesellschaftliche Dimension. Verantwortungsbewusst ist dieses unser aller Tun aber nur dann, wenn wir auch unsere bisherigen Zielvorstellungen und Werte revidieren und erweitern. Zielsetzungen wie Materialgerechtigkeit können sich somit zukünftig nicht mehr nur auf eine den Eigenschaften des Materials entsprechende Verarbeitung und Verwendung beziehen; sie müssen auch Aussagen zur Herkunft sowie zu Aspekten des Wieder- und Weiter­verwendens beziehungsweise des Weiterverwertens umfassen.

Konstruktive Ehrlichkeit wird zukünftig mehr sein als eine in ihrer Funktionalität klar strukturierte, ablesbare und damit verstehbare Konstruktion. Sie wird über das statisch-konstruktive Moment hinaus Auskunft geben müssen über ihre Recyclingqualitäten, ihren Gehalt an grauer Energie und ihre dienenden Qualitäten innerhalb des Gesamtsystems Gebaute Umwelt. Wir werden mehr über Materialeinsparung diskutieren müssen und wir werden wahrscheinlich auch den Begriff der Energetischen Ehrlichkeit als eine holistische, die ­Begin-of-Life-Phase, die Nutzungsphase und die End-of-Life-Phase umfassende Betrachtung einführen müssen. Die mit allen diesen ­Re-Visionen verbundenen Chancen für das Tun von Architekten wie Ingenieuren sind großartig.

Der Architekt

Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Werner Sobek, geb. 1953 in Aalen, lebt und arbeitet in Stuttgart und Chicago. Als Architekt und beratender Ingenieur und Nachfolger von Frei Otto und Jörg Schlaich leitet Werner Sobek das ILEK der Uni Stuttgart. Mies van der Rohe Professur am IIT of Chicago, Gastprofessor zahlreicher Universitäten. Werner Sobek ist Gründer und Vorsitzender der Initiative AED Architektur Engineering und Design in Stuttgart, Mitbegründer der DGNB. Er hat das Stuttgarter SIS mitgegründet, sitzt im Beirat für Technologie und Forschung der Uni Graz und seit 2012 im Board of Overseers der Harvard University. Werner Sobek wurde mit in- und ausländischen Preisen und Ehrungen ausgezeichnet. Seine Arbeiten werden weltweit in Ausstellungen gezeigt. www.wernersobek.com

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