Alpine (Dach)Landschaft

Kongresshalle, Agordo / IT

Wer in Norditalien eine größere Veranstaltung organisieren will, findet in der Kleinstadt Agordo in der Provinz Belluno einen außergewöhnlichen Ort hierfür. Inspiriert von der alpinen Landschaft und den Bautraditionen vor Ort, schufen die Architekten Andrea Botter und Emanuele Bressan einen multifunktional nutzbaren Raum, der eine Kapazität für öffentliche und private Anlässe für ca. 5 000 Personen bietet. Das Material Holz war von Beginn an gesetzt – neben den ästhetischen Qualitäten auch aus strukturellen, ökologischen und akustischen Gesichtspunkten.

Prägend für die Region nahe den italienischen Alpen sind die traditionellen Bauten der sogenannten Tabià. Sowohl im Tal als auch in Höhen bis zu 1 800 m über dem Meeresspiegel finden sich diese einfachen Konstruktionen, die in erster Linie erbaut wurden, um im Hochgebirge das gemähte Heu fernab der nächsten Siedlung zu trocknen und aufzubewahren. Ein Sockelgeschoss aus Mauerwerk diente als Stall, während eine Holzkonstruktion aus Lärchen- oder Tannenholz den oberen Abschluss bildete. Die Baustruktur musste einfach sein, um mit so wenigen Handgriffen wie nötig und mit dem vor Ort verfügbaren Material zu arbeiten. Dabei spannt ein effizientes System aus Holzrahmen und Querstreben den Raum auf. Jedes Element zeigt klar seine Funktion, die Leichtigkeit und Ästhetik der Konstruktion sind allein der Nutzung verpflichtet.

Auch wenn in der Stadt Agordo inmitten eines Wirtschaftsraums von ca. 20 000 Bewohnern diese rurale Bauweise kaum noch zu finden ist, stand die Schönheit und Funktionalität der einfachen Konstruktion Pate für das neue Kongresszentrum. An der ehemaligen Weidefläche zwischen Stadt- und Landschaftsraum wird der Neubau zu einer Schnittstelle zwischen den Funktionen des öffentlichen Lebens und dem alpin geprägten Kontext. Um die imposante Szenografie der schroffen Bergkette nicht zu stören, suchten die Architekten nach einer verträglichen Lösung, das große Volumen optisch aufzulösen. Entlang einer natürlichen Hangkante positioniert sich der Neubau mit einer Grundfläche von 112 x 57 m und einer Höhe von 14 m so, dass die erforderlichen Nebenräume in der Topografie versteckt werden können und die Hauptfassade sich zum naheliegenden Fluß und der Natur öffnet. Erschlossen wird die Halle über die Nordseite mit einem vorgelagerten Parkplatz, während die Südseite an ein bestehendes Gebäude andockt. Um den Innenraum für alle Arten der Zusammenkunft – Veranstaltungen, Messen, Ausstellungen, Konzerte und Konferenzen – flexibel zu halten, wurde auf Einbauten verzichtet.↓

Die Tragstruktur wurde – inspiriert von der alpinen Bautradition – aus ökologischer und ökonomischer Sicht in Holz konzipiert. Die Herausforderung lag hierbei darin, eine filigrane Konstruktion zu entwickeln, die den Innenraum luftig und großzügig erscheinen lässt und zugleich die große Spannweite ermöglicht. Das statische System besteht aus einem isostatischen Rahmen mit gleich dimensionierten Elementen aus Leimholz im Achsraster von 6,40 m, die durch diagonale Zugelemente an den Längsseiten ausgesteift sind. In den Knotenpunkten erfolgt die Kraftableitung durch Stahlbleche sowie Stahldübel, die zum Teil durch Holz geschützt sind, um die Feuerbeständigkeit zu gewährleisten. Wo die Streben sichtbar sind, sind sie ebenfalls in Holz ausgeführt; im Hang bestehen die Zuganker aus Stahlprofilen. Die italienischen Standards für die statische Berechnung sind im Vergleich zum Eurocode 5 – Bemessung und Konstruktion von Holzbauten – strenger und beinhalten Prüfungen zum Feuerwiderstand für 60 Minuten ebenso wie für die Sicherheit gegen seismische Aktivitäten. Für die Realisierung wurde ein System aus im Werk vorgefertigten und vormontierten Elementen gewählt, die vor Ort fertiggestellt und mit Kränen montiert wurden. Auf diese Weise konnte die höchstmögliche Qualität in einer extrem kurzen Bauzeit von zwei Monaten für den Hallenaufbau erzeugt werden. Eine Stahlbetonplatte verbindet die Fundamente und ist durch die Beschichtung mit einem Quarzestrich hoch belastbar. Während die raumhohen Glasflächen als Vorhangfassade hinter der Konstruktionsebene sowohl einen Ausblick auf das Bergpanorama bieten als auch den Einblick in die Halle ermöglichen, bedarf es eines Schutzes vor Witterungseinflüssen und Sonnenlicht, um Blendung und Energiekosten im Rahmen zu halten. Die Überstände der Dachflächen von 5 m, bzw. 8,5 m über der Eingangsfassade, übernehmen diese Funktion.

Die klare Abfolge von Stützen und diagonalen Streben ordnet die transparente Fassade und ist zugleich Auflager für die flach modellierte Dachlandschaft. Die Dachfläche ist in vier Segmente aufgeteilt, die jeweils vier Achsen überspannen. Ein Traversensystem aus Fachwerkträgern mit einer Länge von 44,80 m und einer Höhe von 2,56 m am Auflagerpunkt sowie 4,45 m am Scheitelpunkt überspannt den stützenfreien Innenraum. Filigran wirkende, an die Stützen angeflanschte Leimholzschwerter verlängern die Fachwerkträger optisch in den Außenraum und tragen die Auskragung. Die verbindenden Nebenpfetten folgen der auf- und absteigenden Dachlinie; dabei sind die Fachwerkträger baugleich, lediglich die Stützenhöhe variiert. Die sich über die Dachflächen verändernde Dachneigung beziehungsweise die Differenz der Dachhöhe von 14,53 m bis 11,16 m ist der kontrollierten Entwässerung der 6 300 m2 großen Fläche geschuldet. Die rechnerisch berücksichtigte Schneelast von 300 daN/m2 liegt über dem für die Region festgelegten Grenzwert, was bei einem Belastungstest mit einer simulierten Schneelast eine Verformung nahe 1/1 000 der Spannweite der Trägerbinder ergab. Die Unterkonstruktion der Dachfläche, die über den Leimbindern installiert ist, besteht aus einem vorgefertigten Rahmenrost, der zusätzlich Stabilität für die Querkraft aufweist und zudem die Konstruk­tionsebene für die akustisch wirksamen Steinwolleplatten darstellt. Die geringe Dachneigung von 7 bzw. 12,5 % erlaubt die Eindeckung mit einem hinterlüfteten Aluminiumstehfalzsystem.

Der Spagat zwischen Historie und Zukunft mit den Mitteln der Gegenwart ist den Architekten auf wohltuende Art gelungen. Einerseits durch die Materialität, die dem Kontext und der ­Typologie entspricht, andererseits durch die Ehrlichkeit der Konstruktion, die auf dekorative Elemente vollständig verzichten kann. ⇥Eva Maria Herrmann, München

Eine klassische Fachwerkkonstruktion, die durch den Verlauf des Dachs und die diagonalen Stützen spielerisch die Umgebung aufnimmt. Aufgrund der Anlehnung an die  regionale Bauweise eine gelungene Verknüpfung von regionalem Kontext und moderner Architektur.

⇥DBZ Heftpartnerin AgnesWeilandt, ⇥Bollinger+Grohmann

Baudaten

Objekt: Kongress und Ausstellungszentrum

Ort: Agordo/IT

Typologie: Multfunktionshalle      

Tragwerksplanung: Fabio Valentini, Castel San Pietro/IT

Architektur: Studio Botter, Agordo/IT, www.studiobotter.it,  Studio Bressan, Montebelluna/IT,

www.studiobressan.it                            

Projektteam: Andrea Botter, Emanuele Bressan, Sandro Botter

Bauausführung: Imola Legno S.P.A., Imola/IT, www.imolalegno.com

Bauzeit: August 2017 – Oktober 2018      

         

Projektdaten

Grundstücksgröße: 6 400m²

Grundfläche: 5 400 m²

Hauptnutzfläche: 4 500 m²

Rauminhalt: 79 000 m³

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