Komplexität mit einem dialogischen Planungs­prozess begegnen

Gerhard Wittfeld zum Thema „Fassade“

Die ureigenste Funktion der Gebäudehülle ist der Schutz vor Wind und Wetter sowie der Schutz des Eigentums und der Privatsphäre. Als Schnittstelle zwischen Innen und Außen ist sie aber auch die Oberfläche, die die äußere Erscheinung eines Hauses prägt und den Status der Bewohner in die Öffentlichkeit trägt.

Der Jahrhunderte währende Diskurs von Laien und Experten über die Schauseite von Bauwerken mag belegen, welche Rolle der Gebäudehülle als Mitspieler im öffentlichen Raum zukommt. Allzu oft ist der Begriff der Fassade dabei nicht nur im umgangssprachlichen Gebrauch im negativen Sinn mit Oberflächlichkeit und Kulisse konnotiert. Mit viel Herzblut werden Begriffe wie Schönheit und Wahrheit verhandelt und entsprechend viele Lösungsansätze zum Umgang mit diesem „Bauteil“ empfohlen. Die funktionsbezogene Sachlichkeit der Moderne hatte mit der Tradition der Menschen aller Kulturkreise gebrochen, ihre Häuser ähnlich wie ihre Gewänder liebevoll zu verzieren.

Den gemeinsamen Ursprung von Bekleidung und Fassadenkleid hatte schon Gottfried Semper in seinem Werk „Der Stil“ thematisiert. Die unbestreitbar komplexen, technischen Aufgaben einer Fassade auf diesen Vergleich übertragen, ließe erwarten, dass wir uns heute nur noch in so genannte Funktionskleidung hüllen. Allerdings lässt sich die gegenteilige Entwicklung beobachten. Die moderne Wissensgesellschaft hat den Trend zu noch mehr Individualisierung und Vielfalt beflügelt. Umso differenzierter sind auch die modischen Feinheiten, die gesellschaftlichen Status, Zugehörigkeit und Werte ihres Trägers signalisieren.

Dementsprechend wird auch die äußere Erscheinung eines Hauses weit mehr leisten als den funktional hochgerüsteten Raumabschluss. Sie ist Zeitdokument, kulturelles Zeugnis und sollte über die Funktion des Gebäudes hinaus vor allem dessen Haltung zur Öffentlichkeit hin repräsentieren. Hier liegt die Verantwortlichkeit des Architekten – zu­geschnitten auf die jeweilige Bauaufgabe sowie den räumlichen und soziokulturellen Kontext –, eine Oberfläche zu entwickeln, die das Haus in ästhetischer, funktionaler und emotionaler Hinsicht in den Kontext einbindet und dabei das „Wesen“ des Hauses für die Öffentlichkeit zugänglich macht.

Es gibt nichts Tieferes als die Oberfläche, das hat schon Platon erkannt. Die Definition, wo Fassade beginnt und wo sie endet, kann über den Raumabschluss hinaus auf den vorgelagerten öffentlichen Raum bis in das Gebäude hinein erweitert werden. Für uns ist bei der Entwicklung einer Fassade die konzeptionelle Kontinuität ausschlaggebender als formale Gestaltungsprinzipien. Jede Fassade wird wie ein Maßanzug an das jeweilige Gebäude angepasst. Entsprechend vielseitig sehen auch unsere Projekte aus.

Heute existieren schier endlos scheinende technische sowie gestalterische Möglichkeiten und eine Vielzahl intelligenter Materialentwicklungen. Dem gegenüber stehen im Lastenheft der Auftrag­geber mannigfaltige Anforderungen an Sicherheit, Wirtschaftlichkeit, Komfort, Flexibilität und unterschiedlichstes Nutzerverhalten. Der Komplexität dieser Planungsaufgabe kann man unserer Meinung nach nur mit einem dialogischen Arbeitsprozess und Teamarbeit begegnen. Gemeint ist damit eine Kooperationskultur, die über das klassische Verständnis von integraler Planung hinausgeht.

In einem dynamischen Planungsablauf werden interne sowie externe Experten und Fachplaner, vor allem aber auch Bauherren, Nutzer und die Öffentlichkeit in den Entwicklungsprozess eingebunden. Nicht die bloße Addition aller Anforderungen führt zu guten Lösungen, sondern der Diskurs über die zu erreichenden Ziele innerhalb eines „konzeptionellen Korridors“ mit allen Akteuren. Nur wenn alle „an einem Strang“ ziehen, eine Idee verfolgen, gelingt es heute, der jeweiligen Bauaufgabe die beste Lösung auf den Leib zu schneidern.

Der Architekt
Dipl.-Ing. Architekt BDA Gerhard Wittfeld; 1989 – 1995 Studium der Architektur an der RWTH Aachen; 1994 – 1996 Mitarbeit im Büro von Prof. Klaus Kada in Graz; ab 1996 Leitung des Büros in Aachen; von 1997 – 2004 Lehrauftrag am Lehrstuhl  für Entwerfen und Gebäudelehre, RWTH Aachen; 1999 Gründung von kadawittfeldarchitektur, Aachen;  2004 – 2007 Vertretungsprofessur an der  Architekturfakultät der FH Bochum; 2006 – 2012 Mitglied im Architektenbeirat der Stadt Aachen; seit 2006 Gestaltungsbeirat der  Stadt Gummersbach; Gründungsmitglied von „aachen fenster - Raum für Bauen und Kultur“; 2014 erhielt Gerhard Wittfeld den großen DAI Preis für Baukultur.

www.kadawittfeldarchitektur.de

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