Könnte helfen

„Radikal Modern”, das ist lange her. Und längst gibt es eine Gegenbewegung zum radikal Modernen: das Convenience Planning. Vorbei also die wilde Aufbruchstimmung in den gestalterischen Disziplinen mit Avantgarde-Anspruch, vorbei das Unbekümmerte, das heute schiere Naivität ist. Und weil der Aufbruch ein radikaler war, wurde er bekämpft. Mit moralinsauern Elogen und mit immer mehr Abrissbaggern für eine neue, eine weniger politisierte Zukunft.

Vor diesem Hintergrund zunehmender Auslöschung gibt es nun eine Ausstellung in Berlin, die erinnern möchte. An Gefühle, politische Stimmungen, an Planungen, an Bauten. Im Berlin der Sechziger des letzten Jahrhunderts. Bilderreich ist die Ausstellung, ist der Katalog. Der bringt zwar keine wesentlich neuen Erkenntnisse zu Architektur, Städtebau und Planern, lässt aber eine Zeit lebendig werden, die bis heute wirksam ist; und – auch weil es hier um die Darstellung der Instrumentalisierung von Architektur geht – im neuen kalten Krieg wieder massiv an Bedeutung gewinnt. Denn das wird nach Lektüre des Katalogs auch klar: Die Radikalität der Moderne ist vor allem dem psychischen Druck ihrer Zeit zu verdanken, die von einer eine ganze Gesellschaft einschüchternder Repression (Moral und Kalter Krieg) geprägt war. Der Blick auf die Baugeschichte Berlins hilft, die überwiegend gescheiterten Großprojekte besser zu verstehen. Als Ausdruck einer Utopiegläubigkeit, die uns längst ein internationales Controlling ausgetrieben hat. Leider ohne Register. Be. K.

x

Thematisch passende Artikel:

Ausgabe 03/2021

Stadthaft? Urbainable!

Die Ausstellung „urbainable – stadthaltig. Positionen zur europäischen Stadt für das 21.?Jahrhundert“ in der Akademie der Künste am Hansea­tenweg ist längst abgebaut, doch es ist etwas...

mehr
Ausgabe 03/2026

Otto Wagners Waffen

Otto Wagner (1841–1918) gehört – folgt man der männlichen westlichen Sicht – zu den internatio­nalen Heroen der frühen Moderne, die Wiener Stadtbahn, die Postsparkasse oder die Kirche am...

mehr
Ausgabe 02/2022

Sorge um den Bestand. Eine Ausstellung

„Zehn Strategien für die Architektur“ heißt der Untertitel einer Wanderausstellung, die im Augenblick und noch bis Ende Februar 2022 Station in Münster macht. Und das meiste des hier Gezeigten...

mehr
Ausgabe 12/2014

Wege der Moderne – Josef Hoffmann, Adolf Loos und die Folgen www.MAK.at

Ausgehend von den teils schon legendären Werken von Josef Hoffmann (1870–1956) und Adolf Loos (1870–1933) erzählt die Schau im Wiener Museum für angewandte Kunst von der Entwicklung der Wiener...

mehr
Ausgabe 09/2010

Klimakapseln. Flucht nach vorn Eine Ausstellung in Hamburg zeigt Rettungswege auf

Der Sommer in Deutschland war heiß. In Russland, unweit Moskaus, brennen die Wälder wie noch nie, Wasserfluten gefährden Siedlungsräume, Menschenleben. Kaum vorstellbar, dass das nicht mit einem...

mehr