Knicke nach Maß
Art Centre Abery-stwyth, Wales/GB

An der walisischen Küste baute das Heatherwick Studio ein Künstlerdorf für das Art Centre in Aberystwyth. Die Fassaden der Ateliergebäude scheinen mit willkürlich zerknüllter Folie verkleidet zu sein. Damit sie so improvisiert aussehen konnten, war eine intensive Planung und Entwicklung erforderlich.

Sechs Stunden dauert die Zugreise von London über Birmingham in das walisische Küstenstädtchen Aberystwyth. Sie führt durch die grünen Hügel von Wales, bis die eingleisige Spur in „Aber“ endet – wie die Einheimischen das Seebad nennen.

Die Universität, 1872 als erste Universität in Wales gegründet, ist eine wichtige Institution. 7 000 Studenten mischen sich während der Vorlesungszeit unter die Einwohner der Kleinstadt. Das Art Centre bietet dem akademischen Umfeld ein reichhaltiges Kulturangebot – Ausstellungen, Aufführungen, Kunst- und Tanzkurse bis hin zu Film und Theater. Mit dem Neubau von 16 Ateliers ist ein zentraler Ort für den kreativen Austausch entstanden.

Baukörper

Den Wettbewerb zur Gestaltung der neuen Ateliers gewann das Londoner Heatherwick Studio. Sie setzten acht einzelne Gebäude mit je zwei Studios auf das Grundstück, das ein leichtes Gefälle und einen dichten Baumbestand aufweist. „Wir halten es für den richtigen Ansatz, die Unterkünfte in die Landschaft zu setzen. So hat jedes Gebäude eine Aussicht und viel Licht. Wie ein kleines Dorf“, erläutert Projektleiter Tom Chapman-Andrews. Die Studios haben Anschluss an die Universität, behalten aber ihren privaten Raum und eine eigenständige Identität. „Zur Präsentation haben wir ein Modell-Paneel mit zerknittertem Edelstahl mitgenommen“, erklärt der Designer. Die Skulpturwirkung machte Eindruck.

Zerknitterte Fassade

Das raue Küstenklima und der hohe Salzgehalt in der Luft erfordern ein widerstandsfähiges Material. Edelstahl bietet die idealen Eigenschaften, die aber ihren Preis haben. Kupfer, Zink und Aluminium konnten nicht leisten, was die Vorstellungen erfüllte. Die Planer ließen nicht locker, es blieb die Frage: „Wie können wir Edelstahl in einem kostengünstigen Rahmen anwenden?“ Da sich der Preis für Stahl nach dem Gewicht bemisst, lag die Lösung in einer möglichst geringen Materialstärke. Ein Lieferant verwies auf ein Stahlwalzwerk, das ein Muster zur Verfügung stellte. „Das Edelstahlblech hatte die Stärke einer Getränkedose“, veranschaulicht Andrews – damit passte es in das knappe Budget. Allerdings war die Menge von 3 600 m für das Walzwerk zu gering. So wartete man auf einen großen Auftrag, um die geringe Menge mit zu produzieren. Bis es soweit war, hatte das Team Zeit, an den Details zu tüfteln. „Das Problem mit einem dünnen Blech – wie eine Folie – ist, dass es schnell verbeult“, erklärt der Projektleiter. „Wir entschlossen uns dazu, diese Charakteristik zu nutzen. Wir arbeiteten damit, anstatt dagegenzuwirken.“ Die Architekten knitterten und knüllten. Dabei entdeckten sie, dass eine zerknautschte Edelstahlfolie stabiler wird und weitere Beulen nicht auffallen. In einem Workshop mit Technikern untersuchten sie anhand von Prototypen, ob die Verbindungen funktionieren. Nicht nur bauliche Details kamen auf den Prüfstand, das Team entwickelte auch die Maschine, die das Blech auf zwei Rollen kontrolliert eindrückt. Die Noppen sind exakt positioniert und bemessen, um das Zerknittern zu perfektionieren.

Perfekte Mangelware

Die Planer nahmen das Edelstahl­blech selbst in die Mangel und legten bei der Montage auf die Holzrahmenkonstruktion ebenfalls Hand an. Die Dach- und Fassadenpaneele reichen über die gesamte Gebäudelänge, im vertikalen Schnitt überlappen sie sich. An den Ecken greifen jeweils zwei Elemente ineinander. Die Fuge ist nicht sichtbar ausgebildet, ähnlich wie bei einem Stehfalz. Zur Stabilisation des fili­granen Knautschbleches trägt eine Spritzdämmung bei. Sie erhärtet schnell und erreicht eine hohe Stabilität, gute mechanische Eigenschaften und eine gute Verbundwirkung. „Wir haben eine harte Schicht direkt auf die Rückseite der Fassaden-Folie gespritzt“, erklärt Andrews. „Die Schicht ist etwa zehn Millimeter stark – und buchstäblich felsenfest. Man kann mit einem Hammer darauf schlagen. Er prallt einfach ab.“ Die Härte der Dämmung sei vergleichbar mit Fiberglas. Darunter wurde eine weichere Schicht aufgebracht, um die thermischen Bestimmungen zu erfüllen.

„Die Gebäude reflektieren in gewisser Weise die Qualität, die man erlebt, wenn man nach Aberystwyth reist, wenn man in den grüner und grüner werdenden Ort kommt. Sie reflektieren physisch, was sie umgibt, indem sie glänzend sind“, beschreibt Andrews. 16 Kunstschaffende arbeiten nun in ihren Glitzerateliers und können den Ausblick in die grüne Landschaft genießen. Christiane Niemann, Hamburg

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