Jacoby Firmenzentrale, Paderborn

David Chipperfield baut in Paderborn die Firmenzentrale von Jacoby und schafft mit dem Gebäude eine zeitgenössiche Fortschreibung.

Als einen „Weltmeister des Bauens im Bestand“ charakterisierte der Seniorchef Franz Jacoby das Büro Chipperfield und offenbar schon aus diesem Grund wurden die ArchitektInnen aus London/Berlin für die Bauaufgabe engagiert. Eine neue Firmenzentrale sollte am Stammsitz im westfälischen Paderborn entstehen. Franz Jacoby und sein Team wünschten sich Büroflächen für rund 130 MitarbeiterInnen sowie einige Sonderflächen für Produktausstellungen und Konferenzen.

Das Unternehmen, das Produkte für uns Hobbybastler und Handarbeiter in ganz Europa anbietet, beschreibt sich selbst so: „Unsere Welt sind Pailletten, Sticktwist, Keilrahmen, Renaissanceperlen, Kleber, Pompons, Filzwolle, Charms, Stoffe, Leinenbänder, Merinogarne, Acrylfarbe, Stickbücher, Wackelaugen, Sockengarne und Papier. Unsere Welt ist bunt.“ Dass Jacoby trotz dieser Selbsteinschätzung bei Chipperfield gelandet ist, kann man nur begrüßen, denn die Lage im mittelalterlichen Herzen Paderborns, kann (fast) nicht prominenter sein (der nahe Dom im Herzen mit einem wunderbaren Bau von Gottfried Böhm wird natürlich die erste Adresse bleiben).

Auf einem knapp 9 000 m² großen Grundstück zwischen Kisau, Spitalmauer und Inselspitzenweg entlang eines ehemaligen Mühlbachs seitlich der Pader mit teils unter Denkmalschutz stehendem Bestand (Klosterkapelle und Klostergebäude) arbeiteten sich die ArchitektInnen mit Entkernung, Weiter- und Neubau ins Gelände hinein. Nun stehen an die hellen Natursteinfassaden der Bauten des einstigen Kapuzinerklosters aus dem Jahr 1639 zwei- bis dreigeschossige Bürotrakte, deren Sichtbetonoptik (mit hellem Fensterrahmenholz) und klar geschnittenen Fassadenöffnungen auf einen Architekturstandard verweist, der in Paderborn nicht selbstverständlich ist.

Jetzt sind die insgesamt rund 5 000 m² Netto-Nutzfläche Büro bezogen, kleinere Arbeiten an der großen Treppenanlage zur Kisau und in den Gärten sind noch zu machen. Die Büros, die über einen am nahen Wasser platzierten Wärmetauscher klimatisiert werden, wurden um den Nukleus des Areals, die alte Klosterkapelle, verteilt. Die Kapelle wurde vom Büro Chipperfield entkernt, alle Putze beseitigt und steht nun als Cour intérieure für den repräsentativen Empfang im Zentrum der Anlage und direkt vor dem Eingangsfoyer (von der Straße aus blickt man erstaunt auf den Giebel, dessen Fensteröffnungen jetzt den Himmel zeigen).

Dass die ArchitektInnen mit dem Denkmalschutz wenig kollidierten und so beispielsweise auch die Kapelle radikal umformen konnten, ist der Tat­sache geschuldet, dass die Gebäude, die ab 1841 als Krankenhaus genutzt wurden, im Weltkrieg 1939  45 schwer beschädigt worden waren und die anschließenden Rekonstruktionen und teils massiven Modifikationen wenig Authentisches übriggelassen haben. So verstehen die ArchitektInnen ihre Arbeit auch als eine Säuberung durch maximale Reduzierung und Konzentration auf den ursprünglich gebliebenen Bestand, insbesondere die Fassade der Kirche, der Kreuzgang, der Ostgebäudeflügel und der Keller wurden erhalten und res­tauriert, „wodurch eine malerische Ruinenstruktur aus Steinbruchmauerwerk mit dem ehemaligen Kreuzgang im Herzen entsteht.“ (Chipperfield)

Sowohl das Bruchstein-Mauerwerk aber auch die erhaltenen Ziegelpartien und nicht zuletzt der rohe Beton sind über eine Kalkputzlasur zu eben dieser Ruinenstruktur zusammengefügt; die historisch vorhandene Ummauerung hat ebenfalls einen hellen Farbton erhalten. Damit wird der Neubau als irgendwie historisch deklariert, doch die aus den meisten Perspektiven erkennbare Mischung von scheinbar alt und deutlich neu macht klar, dass wir es mit zeitgenössischem Bauen zu tun haben.

Dass die Anlage durch eine Mauer von der Stadt getrennt wurde, macht alles dahinter spannend. Ob aber nicht die von parkenden Autos gestörte Maueransicht an der Kisau doch geöffnet werden könnte, um das Unternehmen mehr in den städtischen Kontext einzubinden? Möglich wäre es  wohl und es würde dem Malerischen der feinen Ruinenfigur sicherlich noch mehr Schwung und kleinstadturbanes Flair verleihen. Be. K.

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