Integration der Funktionsvielfalt
Die Fassade des Nestle PTC

Das Projekt Nestle PTC (Product Technology Center) in Singen von Graf & Moest Architekten ist ein neuer Baustein der Gesamt­an­lage der Nestle Deutschland AG.

Der vorhandene Gebäuderiegel, in dem sich der Besuchereingang, die Verwaltung und Geschäftsführung befinden, wurde um den Bereich der Produktentwicklung ergänzt. Stadträumlich fasst der Kubus den Eingang und bildet den Abschluss des Verwaltungs- und Besucherbereichs.

Von Anbeginn lag die Anforderung bei der Entwicklung der Gebäudehülle für das Nestle PTC in der Integration unterschiedlicher Nutzungen, zeitgemäßem Wärmeschutz und größtmöglicher Transparenz. Das architektonische Konzept für die Gebäudehülle wurde vom FAT LAB in einem intensiven und kreativen Prozess bis zur Realisation unterstützt und begleitet.

Die vier Ebenen im Kubus sind als offene, frei möblierbare Flächen konzipiert und werden lediglich von einem Erschließungskern und der vertikalen Versorgung für die Haustechnik im Bereich der Nordfassade gegliedert. Aus dieser Entscheidung heraus und einem Konstruktionsraster von 7,20 m ergibt sich ein großzügiges Fassadengrundraster mit 3,60 m breiten Glaselementen. Dieses ist, mit Ausnahme der Eingangsebene, in horizontale Funktionsschichten unterteilt. In der Eingangsebene befinden sich im wesentli­chen zwei frei eingestellte Nutzungsbereiche, die unabhängig von der Fassade sind. Diese Ebene bietet mit vier Küchen und einem Loungebereich Raum für Kundengespräche. Die darüber liegenden Ebenen der Produktent  wicklung bieten frei möblierte Gruppenarbeitsplätze sowie transparent unterteilte Arbeits- und Besprechungsräume.

Die Fassade bietet mit Ihren vertikalen Pfosten die notwendigen Anschlussmöglichkeiten für raumbildende Wände. Die 3,60 m breite vertikale Fassadeneinteilung ist horizontal in vier Bereiche unterteilt. Entscheident für den Planungs­verlauf war sicherlich die Einhaltung der TRAV (Technische Regeln für die Verwendung von absturzsichernden Verglasungen) für den Brüstungsbereich, als auch die TRLV (Technische Regeln für die Verwendung von linienförmigen Verglasungen) im Bereich der geklebten Glasecken. Diese Richtlinien des Deutschen Instituts für Bautechnik ermöglichen die Umsetzung der archi­tektonischen und konstruktiven Entscheidun­gen ohne das Risiko und den finanziellen Aufwand einer Zustimmung im Einzelfall. Die realisierten Glasgrößen nutzen die maximal zugelassenen Maße für die entsprechenden Einbausituationen aus.

Horizontale Schichtung

Die erste Ebene bildet die Brüstung. Diese wird entsprechend der Anforderung opak oder transparent ausgeführt und kann in Verbindung mit der absturzsichernden Verglasung auf mechanische Maßnahmen verzichten. Alle Verglasungen in der Fassade sind als 3-fach Isolierglas mit einem U-Wert von 0,7 W/m2K ausgeführt. Die Fassadenriegel sind flächenbündig zum Bodenbelag realisiert und verknüpfen somit schwellenlos den Innen- und Außenraum des Gebäudes. Die zweite Ebene ist vollständig transparent und ermöglicht mit den eingestellten Fenstern die individuelle und natürliche Lüftung.

Die dritte Ebene, oberhalb des Sichtbereiches, läuft als opakes Band um die gesamte Fassade. Alle opaken Flächen erhalten zur Raumseite ein akustisch wirksames Schall­absorptionspaneel. Dieses verbessert mit einer fassadenprofiltiefen Dämmung den Wärmeschutz (U-Wert Paneel 0,13 Wm2K) erheblich und integriert einen Teil der notwendigen Raumakustik.

Die schallharte Oberfläche von Glas stellt in Groß- und Gruppenarbeitsräumen ein Problem für die Raumakustik dar. Aufgrund der thermisch aktivierten Sichtbetondecken und dem großen Anteil an Glasflächen sind hier akustisch wirksame Flächen notwendig. Bei dieser, speziell für das Projekt entwickelten Lösung, bietet die Fassade schallabsorbieren­de Flächen, die gleichzeitig durch ihre Holz­ober­flächen haptisch wirken. Die Fassade wird zu einem Teil der Möblierung.

Die vierte Ebene ist wieder transparent, und bietet in Verbindung mit dem Lamellensonnenschutz die Möglichkeit der blendfreien Lichtumlenkung und der Tageslichtnutzung in der Tiefe des Raumes. Die Sichtbetondecken wurden hierfür reflektierend lasiert, ohne die haptische Struktur des Betons zu verlieren.

Fassadenkonstruktion

Die Fassade ist auf Grundlage einer standardisierten Aluminium Pfosten-Riegelkonstruktion entwickelt. Diese Systeme sind heute in der Lage, U-Werte für das Konstruktionsprofil von bis zu 0,7 W/m2K zu erfüllen und bieten in Verbindung mit den großflächigen Verglasungen und dem geringen Fensteranteil eine sehr gut gedämmte Gebäudehülle. Der Wärmetransmissionsverlust (nach ENEV 2007) liegt bei nur 57 % der geforderten Werte und senkt den Primärenergiebedarf des Gebäudes in erheblichem Maße.

Mit einer Profiltiefe von 17,5 cm sind die Fassadenprofile, im Verhältnis zur Spannweite von 3,60 m und dem damit verbundenen Lasteinzugsbereich sehr schlank. Die Konstruktion ist daher geschossweise hängend ausgeführt und leitet die Lasten aus den horizontalen Glasfeldern nahe den Riegelprofilen in die Konstruktion ein. Die Gebäudekanten sind, entsprechend der vertikalen Fassadengliederung, als geklebte Glasecken maximal transparent ausgeführt und müssen nur von einem zurückversetzten Zugstab gegen vertikale Lasten unterstützt werden.

Der Wunsch nach transparenten Fassaden erscheint uns ungebrochen. Der damit einhergehende, frei möblierbare und multifunktional nutzbare Raum ist sicher ein Grund. Die gute Tageslichtsituation an den Arbeitsplätzen, der Ausblick und der Kontakt zur Umgebung weitere. Gleichzeitig steigen jedoch die Anforderungen an den Wärmeschutz und der Wunsch nach weiteren Funktionen in der Fassadenfläche. In enger Zusammenarbeit mit Graf & Moest Architekten und der ausführenden Firma konnte das FAT LAB das notwendige Wissen für die Entwicklung der gesamten Gebäudehülle einbringen. Das Projekt Nestle PTC zeigt die Möglichkeiten zeitgemäßer, hoch dämmender Pfosten-Riegelkonstruktionen. Die flächenbündige Integration der akustischen Paneele in Verbindung mit dem Materialkonzept lassen die Gebäudehülle als Bestandteil der Möblierung erscheinen.

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