Im Gespräch: Helga Kühnhenrich, Leiterin des Referates II 3 – Forschung im Bauwesen, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR)

Stimmungsbarometer Digitalisierung in Deutschland / im europäischen Umfeld
Im Gespräch: Helga Kühnhenrich, Leiterin des Referates II 3 – Forschung im Bauwesen, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR)


DBZ: Es wird aktuell viel über die Digitalisierung des Bauwesens gesprochen und geschrieben. Worauf fokussiert sich die Forschung zum Thema Digitalisierung?

Helga Kühnhenrich: Die Schwerpunkte von Forschungsvorhaben im Rahmen der Zukunft Bau Forschungsförderung des Bundes liegen nach wie vor auf digitalen Prozessabläufen und Fertigungsweisen (Robotik, 3D-Druck, Drohnen etc.) und dem ressourcenschonenden Materialeinsatz (neue oder wiederentdeckte Materialzusammensetzungen, Bauen mit Rezyklaten). Zunehmend werden Potentiale der künstlichen Intelligenz zur Entscheidungsfindung im Planungs- und Bauprozess oder für die Gebäudetechnik ausgelotet. Weiterhin ist auch die konsistente Prozess- und Datenkette und damit Building Information Modeling (BIM) ein aktueller Forschungsgegenstand – sicherlich nicht mehr überall im Grundlagenbereich, aber weiterhin mit hohem Forschungsbedarf.

DBZ: Zukunftsfähig Bauen ist eine Herausforderung für alle Beteiligten. Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für die Digitalisierung des Bauwesens (aus der Perspektive der Forschung und Umsetzung in die Praxis)? Und ist die Pandemie Beschleuniger oder Bremsschuh dafür?
    Helga Kühnhenrich: Allgemein geht es darum, nicht zwangsläufig digitaler zu bauen, sondern die digitale Transformation dafür zu nutzen, besser zu bauen – ressourcenschonender, klimafreundlicher, qualitätssicherer etc. In vielen Bereichen sind wir in der Forschung schon sehr weit. Deutschland nimmt z.B. im Bereich des 3D-Drucks oder der Robotik eine Spitzenposition in der Forschung ein. So werden z.B. neue Fertigungsprozesse und Materialanwendungen in Testumgebungen oder an Prototypen entwickelt, die das bisherige System – die schrittweise Reihenfolge der Planungs- und Bauphasen – komplett umkrempeln. Vielmehr verschmelzen dabei Planung und Bauen miteinander und erfordern eine integrative Kultur der Zusammenarbeit. Daraus lässt sich folgern, dass diese neuen Ansätze nicht ohne Weiteres auf unser heutiges Bausystem übertragbar sind. In vielen Fällen reicht es nicht, einfach nur an einer kleinen Stellschraube zu drehen, damit sich Neues entwickelt. Wir müssen uns vielmehr von Traditionen und Regularien verabschieden und einen neuen Rahmen entwickeln. Das fällt nicht leicht und ist auch nicht überall von heute auf morgen machbar – schon gar nicht in der sehr trägen und hochkomplexen Baubranche.
Aber Wandel ist möglich, und die aktuelle Corona-Pandemie zeigt uns, dass sich in kurzer Zeit radikal etwas ändern kann. Bisher wirkt sich im Baubereich die Pandemie sicherlich insofern aus, dass vor allem der Austausch untereinander – wie in vielen anderen Bereichen – abrupt digitaler geworden ist. Es bleibt zu hoffen, dass diese Erfahrung der Anpassungsfähigkeit für mehr Schwung auch in anderen Bereichen sorgt – ganz unabhängig von einer Pandemie.

DBZ: Die Digitalisierung des Bauens bedingt umfassende Umwälzungen und die Neuorganisation von Büro- und Arbeitsprozessen. Welche Unterstützung aus der Politik wünschen Sie sich, um die bei Ihnen anstehenden Aufgaben zu meistern?

Helga Kühnhenrich: Wir brauchen mehr Experimente! Wir brauchen Mut und Lust am Gestalten von Zukunft! Mehr Experimentierfreude bzw. Schaffung von Experimentierräumen wünsche ich mir nicht nur von der Politik, sondern das ist eine Gemeinschaftsaufgabe aller Betroffenen aus Baupraxis, Forschung und Politik. Nicht zuletzt sollte experimentelles Bauen wieder gesellschaftsfähig sein – mit breiter Unterstützung und Voranschreiten der öffentlichen Hand und Bauindustrie. Wir stehen vor großen Herausforderungen, aber je größer die sind, umso mehr Raum ist zum Nachdenken und Ausprobieren vorhanden, und den sollten wir nutzen.
 


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