Hochwertig, nicht großspurig
Die Fassade der Stadthalle Reutlingen

Die neue Stadthalle in Reutlingen prägt mit einer markan­ten und gleichzeitig zurück­haltenden Archi­tektur sowie einer klar gegliederten Fassade den Stadtkern. In der Ausführung eine Warmfassade, ist die Gebäudehülle als „durchgehende Membran“ mit einem hohen Vorfertigungsgrad geplant worden. Die Durchgängigkeit gewährleistet gute thermische Dämmeigenschaften und größtmögliche Dichtigkeit.

„Reutlingen diskutiert seit 60 Jahren über eine neue Halle. Jetzt ist die Zeit gekommen, einen Knopf dran zu machen.“ – Das schreibt Oberbürgermeisterin Barbara Bosch 2008 im Vorwort einer Broschüre, die den Reutlingern ihr neues Herzstück vorstellt, nachdem die Entscheidung im Gestaltungswettbewerb für den Entwurf des Berliner Büros Max Dudler Architekten gefallen war.

„Dieser Entwurf stellt eine gelungene und seltene Mischung aus Bescheidenheit und Noblesse dar“, heißt es in der Begründung des Preisgerichts unter dem Vorsitz von Prof. Arno Lederer. Und weiter: „Er überzeugt insgesamt durch seine konsequente Klarheit und Strenge. Die Erwartungen der Stadt an ein herausragendes architektonisches Signal durch den Neubau einer Stadthalle als Kulturstätte werden auf interessante Weise erfüllt. Der transparente Baukörper, der auch eine interessante Nachtwirkung erwarten lässt, erhebt sich über der Baumkrone und macht die Stadthalle auch von Weitem wahrnehmbar, ohne massiv zu wirken.“

Den Neubau in den ihn umgebenden, ebenfalls neuen Bürgerpark harmonisch zu integrieren, war eine der zentralen Herausforderungen bei der Gesamtplanung des Objektes. Die Gestaltung des Parks mit den in strengem Raster fast architektonisch gruppierten Baumreihen ist un­auflösbar mit der städtebaulichen Figur der Halle verknüpft: Ihre Architektur ist in ein unteres und ein oberes Volumen gegliedert, heißt es in einer Objektbeschreibung bei Dudler, die Höhe des unteren Volumens orientiert sich an der Höhe der Baumwipfel vor dem Gebäude. Zugleich entspricht dies der Bauhöhe der Häuser der Stadt Reutlingen. Ein kleineres Volumen krönt diesen Sockelbau. Es wird von einer umlaufenden Außenterrasse umgeben. Die bronzierte Metallfassade verleiht dem Baukörper eine zeitlose Ausstrahlung.

Andreas Enge, der als Projektleiter bei Dudler Architekten die Planungsverantwortung für den Komplex hatte, erläutert dieses Zusammenspiel so: „Das Gebäudevolumen reagiert mit einem Sockelkörper, der den Bezug zur späteren Baumkronenoberkante herstellt und dem darauf stehendem Glas-Stützenkorpus, der symbolhaft übersetzt das klassische Tempelmotiv und die Funktion als Kulturbau zum Ausdruck bringt.“ Die Berliner Architekten sprechen mit dem Blick auf das Ganze auch von einer „dem Gebäudekörper innenwohnenden Monumentalität“. Diese Sichtweise ist der Grund dafür, dass man im Kontrast dazu mit Aluminium als prägenden Werkstoff für die Fassadenkonstruktion ein modernes, leichtes Material zum Einsatz brachte.

Ausführender Partner für die Herstellung und Montage der Fassade war die Heinrich Würfel Metallbau GmbH & Co. Betriebs KG (HW, Sontra), ein erfahrener und auf elementierten Fassadenbau spezialisierter Fachbetrieb mit zahlreichen vergleichbaren Referenzen.

Christian Müller, Assistent der Geschäftsleitung und Prokurist bei HW, erinnert an die Planungsphase und erläutert die Hintergründe, die zur Ausführung in der jetzigen Form geführt haben: „Ursprünglich war eine Kalt-Warm-Fassade vorgesehen, d. h. zwischen den Fenster- und Türelementen war in den Stützenbereichen eine hinterlüftete Kaltfas­sade geplant, bei der die Dämmung auf den Rohbau aufgebracht und diese dann durch die äußere Blechverkleidungen kaschiert werden sollte.“ Diese Konstruktion wäre durch einen permanenten Wechsel zwischen Warm- und hinterlüfteten Kaltbereichen gekenn­zeichnet. Jedes verglaste Fassadenelement wäre einzeln zum Baukörper hin anzudichten und hätte demzufolge auch keinen gleichmäßigen Isothermenverlauf nach sich gezogen. Die äußeren Verkleidungen sollten aus scharf gekanteten Blechen gefertigt werden, erreicht durch rückseitiges Einfräsen der Bleche vor dem Kantvorgang.

Seitens HW wurde vorgeschlagen, eine Warmfassade als „durchgehende Membran“ zu schaffen, welche die bauphysikalischen Probleme durch den geschwungenen Isothermenverlauf von vorneherein eliminiert. Weitere Vorteile dieses Aufbaus: Die funktionale Gebäudehülle (Primärfassade) verläuft als durchgehende Haut – die Isothermen verlaufen ebenfalls gerade, Kältebrücken im Bereich der Befestigungen werden minimiert (weil weniger Befestigungen nötig sind), es besteht die Möglichkeit eines hohen Vorfertigungsgrades in der Werkstatt mit verkürzten Montagezeiten vor Ort.

Die monumental anmutenden Lisenen (Sekundärkonstruktion) sollten zudem als gezogene Kastenprofile (Sonderentwicklung) realisiert werden, womit zum einen die geforderte Scharfkantigkeit erzielt und zum anderen das Problem eines kaum zu führenden statischen Nachweises für „eingeschnittene“ oder „eingefräste“ Kantbleche gelöst wurde.

Die Fassade (Primärkonstruktion) wurde somit als reine Elementfassade in Form neu entwickelter Sonderprofile konstruiert, um den architektonischen Vorgaben gerecht zu werden. Der Elementstoß der mehrteiligen Fassadenelemente wurde nach Angaben von Christian Müller jeweils im Stützenbereich (ehemaliger Kaltbereich) angeordnet und mit einer Paneelfüllung ausgestattet. Die vorgesetzten Lisenen-Profilierungen wurden mittels Agraffen-Konstruktion unsichtbar eingehängt und verdecken damit den Paneelbereich der Fensterfassaden. Die Fassade ist zudem mit einem Rinnensystem ausgestattet, welches aufkommendes Niederschlagswasser auffängt und kontrolliert und unsichtbar nach unten abführt.

Andreas Enge zu den Vorteilen der Fassade: „Die technische Realisierung der Gebäudehülle als glatt durchlaufende Membranfassade garantiert größte Dichtigkeit und beste thermische Wärmedämmeigenschaften. Verglasung und Dämmschichtstärken wurden im Vorgriff um ca. 20 % wirkungsvoller ausgeführt, als nach der zugrundeliegenden Baugesetzgebung erforderlich.“

Solche Konstellationen sind häufig nur möglich, wenn sich die beteiligten Partner gut kennen. Würfel arbeitet seit vielen Jahren mit Hydro Building Systems (Wicona) als Systemlieferanten für die Aluminiumprofile zusammen. Basis-Profilsystem für die Konstruktion in Reutlingen war die Serie Wicline 75 durchgängig als modifizierte Sonderkonstruktion mit einem sehr guten Uw-Wert von 0,83  W/(m²K). Dieser wurde bei Messungen im Wicona eigenen Testzentrum in Bellenberg ermittelt. Ein weiterer Clou dieses Profilsys­tems zeigt sich nach Fertigstellung: der Unterschied zwischen Fassadenelementen mit Flügelfenster und solchen mit Festverglasung ist von außen nicht zu erkennen, so dass die stimmige Gesamtoptik der Fassade an keiner Stelle gestört wird. Max Dudler entschied sich für den Farbton Baubronze, „weil er nicht nur mit den Backsteinen des benachbarten historischen Krankenhäusles gut harmoniert, sondern auch mit den Farben der Dachflächen der Altstadt.“ Die Konstruktion mit den Lisenen erzeugt in der Fassadenfläche einen besonderen optischen Effekt. Als charakteristisch bezeichnet Klaus Kessler, Leiter der Stadthallen-Projektgruppe, dabei den Schattenwurf der vorgelagerten Lisenen: „Das macht die Fassade sehr lebendig.“ Die strenge vertikale Ordnung der Saal-Fassade erinnert mit ihren raumhohen Fenstern an den Säulengang eines antiken Tempels – ein Eindruck, der sich auch beim Blick von innen nach außen durchaus einstellt.

Ausgeschrieben wurde die Metallfassa­­de laut Dudler Architekten mit einer Pulverbeschichtung, die eingebrannt wird und den gewünschten matten Metallcharakter der Fassade mithilfe der dafür notwendigen Ober­­flächenrauhigkeit erzielt, technisch unempfindlicher und haltbarer ist als Einbrennlackierungen. Intensiv beschäftigten sich die Entscheidungsgremien mit der Oberflächenbeschaffenheit der Fassade, insbesondere im Hinblick auf Graffiti-„Dekorationen“; kurzzeitig stand im Raum, eine Beschichtung auf Basis von Nanopartikeln einzusetzen. Hier gab es Einwände seitens der Architekten: „Es existiert derzeit kein Farbbeschichtungssystem, das einen dauerhaften Nano-Effekt auf einer Metallfassade erzeugt. Generell ist festzuhalten, dass es sich bei Nano- und Anti-Graffiti-Beschichtungen um zwei unterschiedliche Systeme handelt, die nicht auf allen Oberflächen mit den gewünschten Eigenschaften einzusetzen sind.“

Für die Beschichtung entwickelte HW zusammen mit dem eigenen Betrieb MBG Metallbeschichtung Gerstungen sowie dessen Pulverlieferanten ein Sonderpulver in Form eines Feinstrukturlackes, der durch einen 2-schichtigen Pulverauftrag zu einer „wolkigen Oberflächenausbildung“ mit entsprechenden Metallic-Anteilen geführt hat und der Fassade eine natürliche Anmutung verleiht. Die letzte der kristallinen Schichten sei von Hand aufgetragen worden, wodurch die Oberfläche der Aluminiumteile eine Tiefe erhalte und nicht flächig wirke, sondern wolkig, sagte Max Dudler gegenüber der regionalen Presse. Dieses spezielle Verfahren habe man für die Fertigung der Reutlinger Stadthallenfassade erstmals angewandt.

Dudler war im Rahmen seiner regelmäßigen Besuche auf der Baustelle in Reutlingen auch beim Start der Fassadenmontage vor Ort und begutachtete zusammen mit dem Leiter der Projektgruppe Stadthalle, Klaus Kessler, die Fixierung der Aluminium-Glas-Elemente an der Stahl-Unterkonstruktion. Im Gespräch mit dem Reutlinger General­anzeiger erläuterte der Schweizer Architekt auch, warum ihm die Fassade insgesamt so wichtig ist: „Mein Stadthallen-Entwurf ist ein großes Gebäude, das mit wenigen Gestaltungsmerkmalen auskommt. Daher muss jedes Detail stimmen.“

Dieser Anspruch galt auch für die Logistik. Die Fassadenelemente wurden inklusive Verglasung bei HW im Werk Sontra vormontiert. Von der als weitgehend prozesssicher einzuschätzenden Werkstattfertigung gegenüber der Baustellenmontage haben in diesem Fall beide Seiten, sowohl der Auftraggeber als auch HW als ausführendes Unternehmen, profitiert. Trotzdem blieben Herausforderun­gen zu bewältigen. Christian Müller: „Wegen der Übergröße der Elemente brauchten wir einen Spezialtieflader zum Transport auf die Baustelle. Dort wurden sie per TeleskopLader mit Turmdrehkranz in die vorab montierte Unterkonstruktion eingehängt.“ Die Abmessungen der Elemente betrugen in den zweigeschossigen Bereichen bis zu ca. 2,70 m x 6,70 m und hatten ein Gewicht von jeweils rund 1,2 t. Die Sonnenschutzanlagen sowie die aufgesetzten Lisenen wurden dann erst nachträglich vor Ort montiert.

Der Sonnenschutz stellt dabei weit mehr als nur ein Funktionselement dar. Architekt Andreas Enge: „Im Sockelbauwerk wurden schienengeführte und damit windverträgliche Sonnenschutzmarkisen installiert. Ein wirklich einzigartiges Gestaltungsmerkmal der Stadthalle sind aber die vertikal verfahrbaren Sonnenschutzkulissen aus Streckmetallgewebe im Kronenbauwerk, die als außen liegender, blickdurchlässiger Sonnenschutz dienen und die Funktion als Bühnengebäude reflektieren. Hierbei handelt es sich um Unikate, die in dieser Form woanders noch nicht realisiert wurden.“ Die Entwicklung dieses über­dimensionalen, motorisch betriebenen Sonnenschutzes war für HW eine ganz besondere Herausforderung: „Hier den Lieferanten für die überbreiten Bleche, den Lieferanten für die motorischen Antriebseinheiten, den verantwortlichen Elektroplaner (für die sicherheitsrelevanten Steuerungsteile), die Mechanik an sich sowie auch den Statiker unter einen Hut zu bekommen, war ein langer Weg“, erinnert sich Christian Müller.

Die Fassade hat großen Einfluss auf den Nachhaltigkeitscharakter eines Bauwerks. Die kompakte Bauform vermindert in hervorragender Weise die Wärmeabgabe des Baukörpers, heißt es dazu grundsätzlich bei Dudler Architekten. Andreas Enge präzisiert: „Nachhaltigkeit spielt bei allen unseren Bauten schon immer eine wesentliche Rolle. Alle Details und Materialien sind bei der Stadthalle so zeitlos und funktional gehalten, dass eine lange Lebensdauer ohne Überdrüssigkeit erwartet wird. Technisch gesehen befindet sich der Komplex mit der Verwendung von Fernwärme, Photovoltaikanlage, Wärmerückgewinnungsanlagen und Verwendung stromsparender LED- Beleuchtung auf dem neuesten Entwicklungsstand.“ Alle Fenster in den Nutzbereichen lassen sich zur Fensterlüftung öffnen, um teure Klimatisierungen und zusätzlichen Energieeinsatz zu umgehen.

Was sich von den ersten Gedanken bis zur Fertigstellung so lange hingezogen hat, scheint inzwischen auf jeden Fall von Erfolg gekrönt. Die regionale Presse konnte im April dieses Jahres nach 100 Tagen Veranstaltungsbetrieb in der Stadthalle Reutlingen fast 100 000 Besucher vermelden. Der Neubau ist also angekommen in der Stadt und angenommen von den Menschen. Zufrieden zeigen sich auch die Beteiligten. Andreas Enge stellt vor allem dem Fassadenbauer ein gutes Zeugnis aus: „Die Firma Würfel konnte aufgrund ihrer hervorragenden handwerklichtechnischen Leistungsfähigkeit die Fassade genau in der Art produzieren, die wir uns vorgestellt hatten. Die Zusammenarbeit war von Anfang an immer konstruktiv und zielführend. Man hat sehr genau verstanden, auf was es uns als Architekten gestalterisch ankommt, und die Umsetzung technisch und handwerklich präzise realisiert.“

Christian Müller ergänzt: „Das funktioniert nur in einem gut eingespielten Team aus Partnerschaften mit den Lieferanten und Systemgebern, welche gemeinsam mit uns die dann umsetzbaren Lösungsansätze er­arbeitet haben. Gleiches gilt auch für die Aufgeschlossenheit und Bereitschaft der Bauherren, der Planer und Bauleitung, sich dieser Themen anzunehmen und auf die er­arbeiteten Lösungsansätze einzugehen. Ein derartiges Objekt kann nur als Gemeinschaftsprojekt realisiert werden.“

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