High-Knowledge statt High-Tech: das Prinzip 2226

Mit ihrem Bürohaus BE 2226 in Lustenau/AT sorgten Baumschlager Eberle 2013 für Diskussio­nen, denn das Bürogebäude hat keine Heizung, keine Lüftung, keine Kühlung. Für die notwendige Temperaturstabilität des Gebäudes sorgt allein die thermische Masse: Die Außenwände bestehen aus zweimal 38 cm statisch und isolierend wirkendem Ziegelmauerwerk (mehr dazu in DBZ 05/2019). Inzwischen haben Baumschlager Eberle Architekten weitere Bauwerke mit großen Speichermassen realisiert. Der Name 2226 ist dabei Programm: In den Gebäuden herrschen über das Jahr gerechnet Wohlfühltemperaturen zwischen 22 und 26 °C.

Nach dem gleichen Prinzip gebaut wurden ein Büro- und Verwaltungsgebäude in Emmenweid/CH und ein Therapiezentrum in Lingenau/AT. Auch diese Gebäude kommen ohne technische Anlagen für Heizung, Lüftung und Kühlung aus, sie bieten dennoch den gewünschten Komfort. Wichtig für das Büro Baumschlager Eberle: Die Ziele werden vorrangig mit den elementaren Möglichkeiten der Architektur erreicht. Dazu zählen die Proportionen, das A/V-Verhältnis, der Fensteranteil, die Materialqualität und die Wandstärken sowie nutzungsneutrale Flächen. Die konstruktiv-energetischen Grundlagen dafür reflektieren das seit rund fünfunddreißig Jahren gesammelte Wissen des Architekturbüros.

Als Wärmequellen dienen die anwesenden Personen – jeder Mensch hat eine Wärmeabstrahlung von durchschnittlich 80 Watt – sowie die Beleuchtung und technische Geräte wie Rechner, Kopierer und Kaffeemaschinen. Für Temperaturstabilität sorgt die thermische Masse mit massiven Außenwänden. Diese bestehen zumeist aus 38 cm statischem und 38 cm isolierendem Ziegelmauerwerk mit beidseitig aufgebrachtem Kalkputz. Varia­tionen in der Wandstärke und im Wandaufbau sind regional bedingt möglich, wie zum Beispiel beim Therapiezentrum in Lingenau, dass im Stil der Bregenzerwälder Bauernhäuser gebaut ist.

Die hohen Räume mit französischen Fenstern tragen ganz wesentlich zur Luftqualität bei. Innen angeschlagene, sensorisch gesteuerte Lüftungsflügel der Fenster öffnen sich automatisch, sobald der gemessene CO2-Anteil oder die Temperatur im Raum steigt. Bei sommerlicher Hitze lassen sich die Flügel zur Nachtlüftung öffnen, um das Haus mit natürlicher Zugluft zu kühlen. Die Sensoren des Klimasystems erlauben auch eine manuelle Steuerung und Bedienung von Hand.

Architektur kann und muss im verstärkten Maß dazu beitragen, dass die Energieverbräuche im Bauen geringer werden – dies ist ein Leitsatz des Büros Baumschlager Eberle Architekten. Durch das Prinzip 2226 sind Planungsaufwand und Baukosten niedriger als bei konventionellen Bauten. Der Energieaufwand für den Bau des Gebäudes sinkt deutlich, während die Lebenserwartung der Gebäude steigt. Für die LifeCycle-Bilanz besonders wichtig: Die Betriebskosten bleiben langfris­tig niedrig.

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