Herberge für die Musik
Musikerhaus auf der Insel Hombroich

Zum Leben und Musizieren baut der Architekt Raimund Abraham ein Künstlerhaus aus hellem Beton in den Land­schaftspark der Stiftung Insel Hombroich.

Wo die NATO einst den kalten Krieg kämpfte, entwickelt sich heute ein Ort der Poesie und der Kunst, inmitten der niederrheinischen Felderlandschaft nah bei Neuss. Dort räumte die NATO nach dem Fall des Eisernen Vorhanges ihre Raketenstation und hinterließ eine Landschaft, die durch Erdwälle künstlich verformt war und in der sich leere Hallen duckten. Die Stiftung Insel Hombroich kaufte Mitte der neunziger Jahre das militärische Areal als räumliche Erweiterung zum bestehenden Museum Insel Hombroich. Sie gab dem ehemals kriegerischen Ort eine konstruktive Bestimmung als Lebens- und Schaffensort für Künstler. Damals zeigte Karl-Heinrich Müller, der Initiator und Finanzier der Stiftung, dem Architekten Raimund Abraham das Gelände. Am westlichen Rand sollte er ein Musikerhaus für vier Künstler bauen. Der Architekt erinnert sich:„Mein erster Gedanke war, ein Gebäude zu schaffen, das wie eine Drehscheibe alle äußeren Kräfte der Landschaft reflektiert und den Innenraum nach Außen abschirmt.“ Die besondere, geformte Landschaft faszinierte den Architekten und er plante ein Bauwerk, das diese Landschaft respektieren und reflektieren sollte. Nicht nur die Landschaft, auch der Geist des Ortes stellt einen besonderen Anspruch an die dort entstehende Architektur: „ Die Realität vergangener Nutzung und Profanierung bleibt Erinnerung. Es liegt in der Notwendigkeit der Architektur eine neue, transformierte Erinnerung zu erzeugen, die nicht wir erinnern, sondern die sich an uns erinnert.“


Die Ordnung

Zur westlich gelegenen Autobahn 46 präsentiert sich das Musikerhaus mit einer hohen, geschlossenen Betonmauer inmitten derzeit karger Felder. Ein abweisender Eindruck. Doch ein Perspektivwechsel verändert den Maßstab des Bauwerkes zum Betrachter komplett:
Auf seiner Ostseite neigt es sich auf Augenhöhe des Betrachters und lässt ihn auf das runde Dach schauen und die dreieckige Dachöffnung erkennen. Es offenbart einen Durchgang zu einem Innenhof, der mit dem äußeren Landschaftsraum korrespondiert. Deutlich ablesbar ist die Geometrie des gesamten Baukörpers. Das Volumen des Musikerhauses bilden zwei sich überschneidende Zylinder. Der obere Zylinder neigt sich 14 Grad aus dem Lot, so dass sein kreisförmiges Profil auch aus Fußgängerperspektive wahrnehmbar ist. Auf den Zylinder stützt sich eine kreisförmige Dachscheibe, durchbrochen von einem gleichseitigen Dreieck. Der Architekt erklärt: „Als geometrische Öffnung zum Himmel misst das Dreieck die Bewegung der Sterne, der Sonne und des Mondes.“  Die Geometrie versteht sich dabei nicht als symbolhaftes Bild, sondern sie gibt eine Ordnung vor, um aus der ersten Idee, einer Zeichnung, ein logisches Raumvolumen zu bilden. So formen zum Beispiel die zwei Treppentürme und das Eingangspor­tal die Eckpunkte eines gleichseitigen Dreiecks, an dessen Mittelpunkt die vier Wohneinheiten im Kreis ausgerichtet sind. „Ein ursprünglich monolithischer Baukörper wird durch bestimmte geometrische Strategien artikuliert und dadurch in Frage gestellt.“


Das Material

Der Beton als einheitliches Material unterstreicht den monolithischen Charakter. Licht und Schatten strukturieren seine raue Oberfläche besonders im Innenraum, wo sie die geneigten Flächen unterschiedlich schattieren. Insbesondere an der Innenseite der geneigten Betonschale im Rundgang erzielt von oben einfallendes Licht einen Farbverlauf, der sich über die gesamte Höhe des Baukörpers von hell nach dunkel über den Betrachter neigt. Konsequent ist auch das Dach eine Betonscheibe. Deren hohes Gewicht und deren Neigung stellte die Techniker aber vor ein Problem in der Realisierung. So montieren sie 25 cm große Kunststoffhohlkugeln zwischen die Bewehrung und gossen dann den Beton in mehreren Schichten. Auf diese Art konnten sie das Gewicht der Scheibe um ein Viertel senken.

Bis heute wartet das Bauwerk auf seine Vollendung. Der Architekt sorgt sich: „Die Wartezeit hat mich nie bedrückt. Was mich bedrückt, ist die Ungewissheit ob und wann das Musikerhaus fertig gebaut werden soll.“ Mit dem Tod Karl-Heinrich Müllers im Jahr 2007 ist die Vollendung dieses und weiterer Bauwerke auf dem Areal der Stiftung ungewiss. Rosa Grewe, Darmstadt    


 
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