Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel

Vor etwa sieben Jahren hatte ich das Vergnügen, mit dem Architekten Henner Winkelmüller – damals noch Mola + Winkelmüller Architekten, Berlin – durch die riesige Baustelle des Forum Vogelsang im Nationalpark Eifel zu laufen. Henner Winkelmüller erläuterte dabei die ganz spezielle Bauaufgabe Umbau/Sanierung/Neubau einer solchen, ehemaligen „Ordensburg“, eine Erziehungseinrichtung für die Elite der Nationalsozialisten. Damals ging es um die Kraft und Widersätzlichkeit des Bestands, aber auch darum, ob Architektur schuldig sein kann und wie man sich als kritisch denkender Architekt der Geschichte eines solchen Orts zu stellen habe.

Das Forum ist längst eröffnet; leider hört man wenig von ihm. Ebenfalls – und das schon zuvor – beschäftigten sich Mola + Winkelmüller Architekten mit Bestand und Geschichte beim Informationspavillon Berliner Mauer in Berlin. Auch hier wurde mit dem noch Sichtbaren gearbeitet, an einem geschichtlich dichten Ort und mit der Maßgabe, Altes mit Neuem zu kombinieren. Nun ist – an diese großen Arbeiten anknüpfend – ein eher kleines Projekt fertiggestellt worden, nun von Henner Winkelmüller Architekten, Berlin. Wieder stand – gefördert vom Bundesministerum für Kultur und Medien – der Umgang mit Alt und Neu oder besser: mit dem Bestehenden und seiner Fortschreibung bzw. Ergänzung im Fokus. Die Stiftung Niedersächs­ische Gedenkstätten, vertreten durch das Staatliche Baumangement Braunschweig, Land Niedersachsen,  suchte für die Gedenkstätte der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel ein Ausstellungs- und Dokumentationshaus; in der Haftanstalt, die teilweise in einer Bausubstanz untergebracht ist, die noch aus dem Festungsbau der Stadt aus dem frühen 16. Jahrhundert stammt. Diese frühen Gebäude dienten wie so häufig zunächst als Zeughaus und Münze, dann – auch das ist für viele Haftanstalten belegt – als Lazarett. Aus dem zeitweise Militärgefängnis seienden Ensemble entstand Ende des 18. Jahrhunderts eine „Zwangsanstalt für Züchtlinge“, zeitweise mussten hier Bettler Zwangsarbeit leisten. Auch als Zucht- und Werkhaus diente die Anlage und ab 1817 schließlich der Aufnahme sämtlicher Häftlinge des Landes Braunschweig. Dann gab es Zellentrakte, es gab Erweiterungs- und Neubaupläne, die aber nicht umgesetzt wurden. Ende des 19. Jahrhunderts schließlich wurden mehrere Neubauten realisiert, darunter Einzelzellentrakte, ein Lazarett, ein Dampfkessel- und Maschinenhaus und eine Schlosserei. Letztere nun wurde in den 1930er-Jahren zur Hinrichtungsstätte, dem genannten „Richthaus“ umgebaut. In diesem gab es Einzelzellen und den Tötungsraum, in dem der Henker mit einem Fallbeil seine grausige Arbeit erledigen ließ. Gut 500 Menschen wurden zwischen 1937 und 1945 hier ermordet. Ob sogenannte Schwerverbrecher oder Staatsfeinde, Henker und Beil waren mitleidslos. Nach dem Sieg der Alliierten über die Nationalsozialisten wurden mit anderem Henker, aber selbem Beil weitere Menschen geköpft.

Wie nun mit einem solchen Ort des Grauens umgehen? Den Familien der Getöteten ist es wesentlich zu verdanken, dass dieser Ort, der sich auch heute noch hinter der Gefängnismauer befindet, nicht verschwunden ist. Dass er zu einem – allerdings improvisierten – Gedenkort wurde, den zu besuchen längere Voranmeldung und Personenüberprüfungen vorausgehen mussten. Eingelassen wurde man vom Justizpersonal, zufällige Begegnungen (Blickkontakte) mit Häftlingen waren nicht ausgeschlossen. Unhaltbar?

Der Ort, aber auch die Aufarbeitung der Geschichte, die, wie der Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Jens-Christian Wagner, sagte, auch die Geschichte der deutschen Justiz ist, verlangten nach weniger Provisorium und weniger Gegrusel: Es sollte ein Besucher- und Dokumentationszentrum „Gedenkstätte Wolfenbüttel“ her.

Es wurde ein VgV-Verfahren durchgeführt, das Winkelmüller Architekten für sich entscheiden konnte (Projektpartner sind iwb Ingenieure als Arge-Partner, die Ausstellung konzipierte büro berlin und die Tragwerksplanung kommt von Drewes und Speth). Das Berliner Büro hat die Aufgabe, die Gedenkstätte öffentlich und schwellenlos zugänglich zu machen und natürlich einen Raum für eine umfassende Ausstellung zu entwerfen, so umgesetzt, dass nun ein Sichtbetonvolumen direkt an der historischen, durch Beleuchtung und Rollstacheldraht gesicherten Gefängnismauer steht. Das innen dreigeschossige Gebäude ist außen zweigeteilt (Sockel, zum Hof überkragendes Volumen darüber) und nur an zwei Stellen geöffnet: einmal über ein großes, vertikal gestrecktes Fenster, dessen Rahmung aus dem Volumen so herausgedreht ist, dass die BesucherInnen von innen auf die ehemalige Hinrichtungsstätte draußen schauen. Im Erdgeschoss zur historischen Mauer hin geöffnet, hier erweitert eine Glaswand dem Mehrzweckraum zum Innenhof mit stacheldrahtverhangenem Himmel. Das große Fens­ter kann von transparent auf transluzent geschaltet werden, je nach Bedarf.

Betreten wird der Neubau irgendwie seitlich in einem Winkel von Gefängnismauer und Garagenbox. Besucher gelangen in einen vorgelagerten, geschlossenen Patio, von dem aus das Foyer des Ausstellungsgebäudes erreicht wird. Von hier aus sind alle weiteren Räume erschlossen, der Veranstaltungsbereich mit Multifunktionsraum, WCs, die Büro- und Archivräume der Stiftung und natürlich die Ausstellung im Obergeschoss.

Die Erweiterung des Volumens oberhalb des Erdgeschosses war nicht allein gestalterischen Gründen geschuldet, hier reagierten die Architekten auf die Begrenztheit des Baufelds mit einer deutlichen Auskragung in Richtung Hof und weiter in Richtung „Richthaus“.

Der Sichtbeton, Ausdruck des Unüberwindlichen und heftig mit Rollstacheldraht überwuchert, wurde mit Bezug auf den historischen Naturstein eingefärbt. Das Fassadenrelief auf der Hofseite soll die nahezu fensterlose Fassade auflockern und möchte gleichzeitig – als grafische Interpretation historischer Originalzeichnungen an den Zellenwänden – den Kreis Damals/Heute schließen.

Das Projekt auf dem JVA-Gelände hat es ins Heft geschafft, weil die Architektur überzeugt. Auch kommt hier hinzu, dass Bauaufgaben dieser Art mit großem Gespür für das Machbare bearbeitet werden sollten, was hier gelungen ist. Materialität und das Raumgefüge innen sind stimmig und dem Bestand angemessen. Die Grafik auf dem Sichtbeton?! Schönes Detail: Die Fluchttreppe aus dem OG in den Patio, eine klar gekantete, farbig stimmig modulierte Skulptur, heißt in einem Video, das die Architekten gemacht haben, tatsächlich „Rettungstreppe“. Fluchttreppen in Gefängnissen wären auch nicht gut platzierbar.

Wollte man mäkeln – insbesondere mit Blick auf das für das allgemeine Geschichtsbewusstsein Notwendige eines solchen Besucherzentrums – müssten man die Erschließung infrage stellen. Sie liegt versteckt hinter einer Bankfiliale, das Baugrundstück erscheint wie eine Restfläche, auf der man dann etwas machen darf. Der Neubau tangiert die gesamte Anlage in keiner Weise, lediglich ein Hinblicken auf den Ort des Grauens ist möglich, wenn das Fenster auf transparent geschaltet ist. So verbarrikadieren sich Bestand gegen Neubau, eine Beziehung wird allein über den Blickbezug und die historische Mauer aufgebaut. Vor eine Mauer zu blicken trägt allerdings nicht dazu bei, den Blick zu weiten.

Das Projekt zeigt, dass wir in Deutschland im Strafvollzug noch wesentliche Defizite haben, die auch dem baulichen Erbe und seiner Nutzung bis heute zu verdanken sind. Ein wie auch immer gelungenes Besucherzentrum müsste mehr können, als bloß auf Geschichte zu verweisen. Vielleicht ist ja noch mehr drin, in Zukunft! Be. K.

www.wm-architekten.com

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