Baulücke Lange Rötterstraße, Mannheim

Füllung in Gold
Baulücke Lange Rötterstraße, Mannheim

So sieht urbanes Bauen aus: ein Café, eine Praxis, eine Kinderkrippe, ein Gästeappartement, Büros, Wohnmaisonetten, alles in einem Haus. MOTORLAB ARCHITEKTEN schlossen die Baulücke eines denkmalgeschützten Blockrands mit einem siebengeschossigen Stadthaus, das sich flexibel einteilen lässt und die knappe Grundstücksfläche maximal ausreizt. Der Neuling ist seinen Gründerzeit-Nachbarn verwandter, als es auf den ersten Blick scheint.

Die Neckarstadt-Ost ist mit 32 000 Einwohnern Mannheims größter Stadtteil – und einer der ältesten. Mit seinem Gründerzeit-Charme, dem Herzogenriedpark und der Nähe zur Innenstadt lockt das aufstrebende Szeneviertel Künstler, Kreative und junge Familien an. Auch MOTORLAB ARCHITEKTEN haben hier seit zehn Jahren ihr Büro. Nur ein paar Gehminuten entfernt, fiel ihnen eine Baulücke in einem denkmalgeschützten Gründerzeit-Blockrand auf. Sie schlugen dem Grundstücksbesitzer vor, ein Konzept zu entwickeln. „Da wir den Bauherrn und die späteren Nutzer noch nicht kannten, entwarfen wir eine flexible Grundriss-Struktur“, sagt Architekt Peter Bender.

MOTORLAB ARCHITEKTEN entwarfen ein siebengeschossiges, L-förmiges Stadthaus, das gemeinsam mit einem niedrigeren, quergestellten Hinterhaus einen sichtgeschützten Patio umschließt. Ein zentraler Treppenhaus- und Aufzugskern erschließt die Geschosse. Rund um den aussteifenden Erschließungskern lassen sich die Mieteinheiten über ein oder mehrere Geschosse frei aufteilen. Mit Bernhard und Sebastian Wipfler vom Mannheimer Verlagshaus Editionpanorama fanden die Architekten zwei architekturbegeisterte Bauherren, um das ambitionierte Projekt umzusetzen. „Wir hatten anfangs überwiegend an Wohnungen gedacht, aber dann lockte das nutzungsneutrale Konzept auch andere Nutzer“, erzählt Peter Bender: Im Sockelgeschoss des Vorderhauses mietete sich ein Café ein, in das Hinterhaus zog eine Hebammenpraxis, ins komplette 1. Obergeschoss eine Kinderkrippe. 2. bis 4. Obergeschoss dienen Freiberuflern und Agenturen als Büroetagen. Die beiden obersten Geschosse wurden als Maisonette-Wohnungen eingerichtet. Mit diesem Mix aus Wohnen, Arbeiten, Betreuen und Versorgen entstand eine quartiertypische Mischnutzung, die den Austausch untereinander fördert und interessante Synergien hervorbringt: So soll das Café künftig auch die Kinderkrippe mit regionalen Bio-Produkten versorgen. Im Hinterhaus gibt es neben der Praxis ein Appartement, indem alle ­Mieter Gäste unterbringen können.

Flirrende Metallhaut

Auch optisch ist das Haus fest im Viertel verankert. Die in Goldtönen flimmernde Straßenfassade wirkt radikal anders und doch vertraut. Geschickt griffen die Architekten Farben und Strukturen aus der Nachbarschaft auf, um etwas Neues, Eigenständiges zu entwickeln. Zur Demonstration streift Peter Bender ein Stück Rinde einer der Platanen im Straßenraum ab: Das goldgelbe Muster darunter diente als Vorbild für die gold-monochrome Farbigkeit der Fassade, die aus L-förmigen, vertikal angeordneten Aluminiumwinkeln besteht.

288 Winkel nebeneinander ergeben eine Fassadenbreite. Die Flachprofile wurden in nur zwei Farbtönen eloxiert – Gold und Silber. Da die Winkel während der Vorfertigung jedoch in vier verschiedene Eloxalbäder getaucht wurden, sind die Farben nie ganz identisch, die Fassade „flirrt“. Genau das macht ihren „unperfekten“ Charme aus.

Die scheinbar spielerisch verteilten, kleinen und großen, flächenbündigen Holz-Aluminium-Fenster setzen einen klaren Kontrast zur strengen Ordnung der flankierenden Gründerzeitbauten. Gleichzeitig greifen die Aluwinkel die vertikale Struktur der Altbauten mit ihren Pilastern und Kanneluren auf. Dadurch strahlt die Fassade Ruhe und Harmonie aus, was durch die warmen Gold- und Silbertöne unterstrichen wird. Die Fenster sind mittig entlang der Stöße der Alu-Profile aufgefädelt, die sich als feine Linien in der Metallhaut abzeichnen. Die Panoramascheiben platzierten die Architekten bewusst am Rand der Fassade – eine hellbronzene Blende greift den Sandsteinton der angrenzenden Altbauten auf. Auf dem Dach setzt sich die Metallhaut als fünfte Fassade fort und vermittelt – als mehrfach gefaltete Fläche – zwischen der Mansard- und Satteldachgeometrie der Nachbarhäuser. Trauf- und Firsthöhen wurden exakt aufgenommen.

Passgenau wie eine Goldfüllung schließt das neue Stadthaus die Lücke im Blockrand.

Raumwunder im Innenhof

Unter dem Haus nimmt eine Tiefgarage zwölf Parkplätze auf, ein ­unauffällig in die Sockelfassade integriertes Rolltor verbirgt die Zufahrtsrampe. Neben der Rampe erschließt ein Durchgang das Treppenhaus und führt weiter in den Innenhof, den die Kinder aus der Krippe zum Spielen nutzen. Eine mit Kreide bekritzelbare Malwand schirmt Mülltonnen, Fahrräder und Kinderwagen ab.

Der Spielhof ist kompakt, aber nicht beengt, was angesichts der Grundflächenzahl (0,8) und Geschossflächenzahl (3,5) des Gebäudes ein kleines Wunder ist: Motorlab Architekten reizten die 420 m2 Grundstücksfläche maximal aus, indem sie den Raum fast vollständig überbauten. Neben dem Hof blieb nur eine 2,5 m tiefe Terrasse als Abstandsfläche hinter dem Gästehaus unbebaut. Zwischen Trauf- und Firsthöhe der Nachbarhäuser brachten die Architekten noch zwei Vollgeschosse für die Maisonetten unter, deren Bewohner über den kompletten Blockrand hinwegblicken.

Auf der Straßenseite erkennt man davon nichts. Zum Hof treppten die Architekten das Haus stufenweise ab und vermieden so das Gefühl räumlicher Enge. Zur Straße noch siebengeschossig, umfasst der in den Block ragende Riegel fünf Etagen, das quergestellte Hinterhaus zwei.

Während die Nordseite zur Straße mit wärmegedämmten Holzrahmenbauelementen ausgefacht ist, wurden die nach Süden und Westen ausgerichteten Hoffassaden fast vollständig verglast. Im Gegensatz zur schillernd-expressiven Schauseite, zeigt das Gebäude hier ein völlig anderes Gesicht: Glasbänder und lange Brüstungstafeln aus grau eloxiertem Aluminium wechseln sich schichtweise ab. Weit auskragende Balkone am Vorderhaus und am Längsriegel erweitern die Büros und die Kita um Zimmer im Freien. Fenster und Balkone lassen sich durch Jalousien verschatten, die im Sommer vor der prallen Südwestsonne schützen.

Alles kann, nichts muss …

… lautet das Motto in den flexibel nutzbaren Geschossen. Ein Stahlbetonskelett aus Wandschotten, Stützen und Treppenhauskern trägt das Gebäude. Dank der zentralen Erschließung lassen sich die insgesamt 1400 m2 Nutzfläche je nach Wunsch variabel unterteilen und zonieren. So können die derzeit von einer Partei pro Geschoss genutzten Büroetagen durch das Einziehen einer Wandschotte an der Ecke zum Innenhof in Zweispänner verwandelt werden. Andersherum lassen sich die Maiso-

netten durch den Rückbau der gleichen Wand zu größeren Einheiten zusammenschließen.

Am deutlichsten wird die Offenheit und Variabilität in den Büroetagen. Als lichte, 2,7 m hohe Großräume umschließen sie L-förmig den Innenhof. Lediglich die Zweier-Büros zur Straße und die Toiletten sind mit Türen abgetrennt. Durch die dreifachverglasten Fensterbänder zum Hof dringt Licht bis tief in den Raum. Unbehandelte Sicht­betondecken und gespachtelter Estrich am Boden bestimmen den Raumeindruck. Brüstungshohe Vorsatzschalen unter den ­Fenstern bündeln Kabel und Installationen. Um die schallharten Oberflächen auszug­leichen, wurden die Innenwände mit geschlitzten Akustikpaneelen aus Weißtanne verkleidet.

Da die verglaste Südseite besonders in der Übergangszeit und im Winter zu hohen passiven Solargewinnen führt, werden die offenen Betondecken in allen Etagen als thermische Speichermassen genutzt. Sie sind zudem mit Lüftungskanälen zur kontrollierten Be- und Entlüftung ausgestattet. Heizkörper gibt es nicht, stattdessen temperiert eine individuell steuerbare Fußbodenheizung alle Räume.

Die klug integrierte Haustechnik und die weitgehend vorgefertigten Fassaden basieren auf dem heutigen Stand technischen Wissens. Gleichwohl ist der Neubau den umliegenden Altbauten ähnlicher, als man auf den ersten Blick denkt. „Wir haben die Merkmale aufgegriffen, die wir an Gründerzeitbauten schätzen – hohe Decken, nutzungsneutrale Räume, Dichte und Kompaktheit – und sie in moderne Architektur übersetzt“, sagt Peter Bender. Auch die unterschiedliche Gestaltung der Eingangs- und Hofseite spiegelt sich in den umliegenden Gründerzeitfassaden: Zur Straße reich verziert, wurden sie zum Innenhof pragmatisch in Backstein gemauert. Der schillernde Neuling sitzt nun mittendrin – und zeigt, was 110 Jahre später mit heutiger Bautechnik möglich ist. Michael Brüggemann, Mainz

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