Fortführung dessen, was bereits da ist „Neue West“, Berlin

Nahe des Potsdamer Platzes hat das Büro Arnke Häntsch Mattmüller BDA (AHM Architekten) ein denkmalgeschütztes Gebäudeensemble zu einem kulturellen, modernen Ort saniert, ohne die historischen Vorgaben aus dem Blick zu verlieren.

Die Potsdamer Straße in Berlin ist im Kommen. Der Abschnitt südwestlich des Potsdamer Platzes, Berlinern auch bekannt als der „Alte Westen“, ist ein Quartier im Aufbruch. Gerade die Kunst- und Galerieszene, traditionell auch das Druckhandwerk, sind hier bereits vereinzelt anzutreffen und man kann sicher sein, dass sie nur die Vorhut sind für eine zunehmend breitere Ansiedlung kreativer Köpfe.

Ein Projekt, das genau diese Entwicklung erkannt hat und bereis darauf reagiert, ist das Ensemble „Neue West“ in der Potsdamer Straße 91. Das Architekturbüro AHM Architekten hat hier mit sehr viel Feingefühl für das denkmalgeschützte Gebäude, den Ort und das Quartier eine architektonische Lösung gewählt, die sich nicht lautstark in Szene setzt, sondern eine leise, selbstverständliche und harmonische Wirkung erzielt. „Wir wollten auf gar keinen Fall das Gebäude tot sanieren oder ihm eine große, übergeordnete Architektur überstülpen“, erklärt Architekt Rolf Mattmüller. „Vielmehr wollten wir fortführen, was wir vorgefunden haben.“

Das Grundstück und seine Bebauung

Das Vorderhaus von Nummer 91 ist eines der ältesten Häuser der Straße und daher auch erkennbar niedriger als seine Nachbarn. „Das sollte unbedingt erhalten bleiben und nicht durch eine Aufstockung egalisiert werden“, betont Guido Schmitz vom Fachbereich Denkmalschutz im Bezirk Berlin Mitte. „Die heutige Dachform des Vorderhauses entspricht allerdings nicht dem ursprünglichen, sehr flach geneigten Dach von 1861, sondern dem vorgefundenen Mansarddach von 1922, das aufgrund des schlechten baulichen Zustands entfernt und in vergleichbarer Form neu hergestellt wurde.“

An das Vorderhaus mit Seitenflügel schließt das 1870 fertiggestellte Atelierhaus an. Wie im Vorderhaus konnte auch hier der alte Dachstuhl nicht erhalten werden. Die Rekonstruktion folgt, leicht erhöht, dem Verlauf der alten Dachform.

Gegenüber dem Seitenflügel steht die 1872 als Gartenhaus erbaute Villa, die sich nicht zuletzt durch ihre angenehm abgesetzte Farbigkeit gegenüber den deutlich höheren Nachbarbauten behaupten kann. Den Abschluss des Grundstücks bildet das 1882/83 gebaute, sechsgeschossige Fabrikgebäude, das 1891 einen Aufbau „zur Errichtung eines Ateliers für photolithographische Zwecke“ erhielt.

Trotz seiner starken Überbauung, zu der auch noch zwei kleine Remisen gehören, wirkt der Hof an keiner Stelle eng oder dunkel. Durch den Terrassenbereich eines Restaurants im Fabrikgebäude und  die Zugänge zur Ladennutzung in der Villa und den Werkstattateliers im Seitenhaus wird er zudem auf angenehme Weise belebt.

Geringfügige Änderungen

Eingriffe in die vorgegebene Architektur blieben in der „Neuen West“ insgesamt gering. Kurzzeitig hatte es die Idee gegeben, eine der beiden Remisen mit einem Neubau zu überbauen. Dem hatte das Denkmalamt jedoch von vornherein nicht zugestimmt.

Die größte architektonische Veränderung in dem Projekt ist daher die Aufstockung des Fabrikgebäudes um ein Dachgeschoss. Vorlage für diese neu aufgesetzte Dachform war eine Zeichnung, die in den Akten aufgetaucht war und nun auch gegenüber dem Denkmalamt schnell Türen öffnete. Ein halbbogenförmiges Stahl-Glas-Dach, das bis auf 1,9 m heruntergezogen wurde, sorgt für ein besonderes Raumgefühl mit viel Licht von oben, allerdings auch ohne direkten Ausblick, da die vorhandene Brüstung erhalten werden sollte und so lediglich Bodenfenster möglich waren.

Zentrales Thema der Sanierung war die Tatsache, dass gemäß Bebauungsplan an diesem Standort 80 % Wohnnutzung hätte realisiert werden müssen. Der Bauherr des Projekts, die ANH Hausbesitz GmbH & Co. KG, konnte sich allerdings gegenüber dem Stadtplanungsamt mit seinem Konzept des offenen Kulturhofs durchsetzen und am Ende ausschließlich Büro-, Gewerbe-, Atelier- und Gastro-nomieflächen umsetzen. Dies kam auch dem Denkmalschutz zu Gute, da der Bauherr so beispielsweise auf eine viel diskutierte Dachterrasse auf dem Atelierhaus verzichten konnte.

Historische Farbigkeit

Ein typischer Aspekt im Denkmalschutz ist die historische Farbigkeit, insbeson-dere der Fassaden. „Das Denkmalamt hat darauf geachtet, dass nicht nur die grundsätzliche Farbigkeit an den Denkmalschutz angepasst, sondern auch der gewachsenen Struktur gerecht ausgewählt wurde. Daher unterscheiden sich die Brauntöne der Fenster in den einzelnen Abschnitten durch leichte Nuancen“, erläutert Architekt Mattmüller. Diese Vorgabe der Denkmalbehörde hat somit die grundsätzliche Tendenz der Architekten unterstützt, die Lebendigkeit des Gebäudes zu erhalten.

Auch über die Frage, ob die Fenstereinfassungen der straßenseitigen Fassade farblich abgesetzt werden sollten, wurde zwischen Architekten, Bauherr und Denkmalamt diskutiert. Da nachgewiesen werden konnte, dass hier ursprünglich eine Zweifarbigkeit vorhanden gewesen war, was zudem aus Denkmalsicht eine Besonderheit darstellte, waren sich nach der Bemusterung alle Beteiligten einig, diese auch heute wieder herzustellen.

Den Umgang mit der historischen Farbigkeit ist besonders stark in der Tordurchfahrt zum Hof und im Treppenaufgang des Vorderhauses wahrzunehmen. In der Durchfahrt wurde die alte Farbe freigelegt und in dieser Form an der ­Decke auch erhalten. An den Wänden haben sich die Architekten hingegen entschieden, die historischen Farbtöne aufzunehmen und neu zu interpretieren. Ebenso wurde im Treppenaufgang vom Erdgeschoss in das erste Obergeschoss zwar ein großes Farbfeld freigelegt, im weiteren Treppenverlauf jedoch in stark reduzierter Weise lediglich die Form des Feldes durch einen goldenen Randstreifen weitergeführt↓

Oberflächen und Materialien

Den Ansatz der Fortführung zeigen die Architekten dann auch im Umgang mit Oberflächen. So legten sie nicht nur viel Wert darauf, die Lage der Riefen in der Putzfassade exakt zu übernehmen. Der Putz selbst wurde so aufbereitet, dass die historische Oberflächenstruktur nicht verloren ging. „Dazu gehören leicht krumme Kanten und nicht-perfekte Oberflächen“, erklärt Bauleiter Christof Sieber. „Das ist für die ausführenden Handwerker oft etwas gewöhnungsbedürftig. Die sind in der Regel darauf bedacht, möglichst gerade Kanten und glatte Putzoberflächen herzustellen.“

Mit ähnlichem Feingefühl gingen AHM mit den Ziegelfassaden des Fabrikgebäudes und der beiden Remisen um. Die Ziegel mussten gereinigt und die Fugen ausgebessert werden. „Die Ziegelfassade ist deswegen besonders, da üblicherweise an Fabrikfassaden der Hinterhäuser in Berlin weiße keramische Verblendsteine zu finden sind“, sagt Denkmalpfleger Schmitz. Die Architekten fanden die Ziegelfarbe schön und wollten den Stein im Vordergrund wirken lassen. Daher wurden die Fugen bei der Sanierung durch eine leichte Vertiefung zurückgenommen.

Das Gespür für Details ist es, was am Ende den Charme des Ensembles ausmacht. Der Spagat zwischen Denkmalschutz und Nutzer­ansprüchen wurde dadurch erleichtert, dass der Bauherr bereit war, im Sinne des Gebäudes und seiner Historie zu agieren. „Der Ort und das Gebäude haben manche unserer Entscheidungen stark beeinflusst. Vieles von dem, das am Ende umgesetzt wurde, haben wir vor Ort entschieden, auch wenn am Schreibtisch etwas anders geplant worden war“, so die Niederlassungsleiterin der ANH in Berlin. „Und wir haben bei der Vermietung immer darauf hingewiesen, dass die meisten Büros oder das Café im Vorderhaus nicht klimatisiert sind. Wer das problematisch findet, passt nicht hierher.“ Nina Greve, Lübeck

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