Struktur ist alles?
Planung von Putzoberflächen

Wenn man auf ein Gebäude zugeht, ist es wie bei der Begegnung von sich fremden Personen: Das Erscheinungsbild, der optische Eindruck, ist ungemein wichtig und entscheidet, ob und wie man sich auf sein Gegenüber einlässt. Aus diesem Grund ist es durchaus verständlich, dass man sich in der Planung sehr intensiv mit der Auswahl der Oberflächen beschäftigt.

Die Körnung und Struktur eines Oberputzes beeinflussen maßgeblich die Wirkung eines Gebäudes, wenn Lichteinfall und Schattenschlag die Rauigkeit deutlich zu Tage treten lässt. Damit ist die Auswahl dieser beiden Kriterien ein manchmal langwieriger Prozess und man ist froh, wenn nach zähem Ringen mit den eigenen und den Vorstellungen des Bauherrn ein Konsens gefunden wurde. Unverständnis tritt allerdings dann auf, wenn der mit der Umsetzung beauftragte Stuckateur Bedenken anmeldet, weil der Wunsch nicht oder nur mit einem zusätzlichen Aufwand erfüllbar ist. Aus diesem Grund darf die Putzoberfläche nicht isoliert betrachtet werden. Die Material- und Untergrundei­gen­schaften entscheiden darüber, was geht und was nicht.

Da man sich als Planer mit einer Vielzahl von Details befassen muss, ist man gerne bereit Dinge, die von alleine laufen, auch alleine laufen zu lassen. Bei einer Vielzahl von Objekten ist das auch kein Problem. Wenn als Oberfläche eine abgeriebene Oberfläche mit 2 mm Körnung in einem hellen Farbton gewünscht wird, muss man sich nicht intensiv mit den Materialeigenschaften beschäftigen. Weicht man aber davon ab, sollte Grundwissen darüber vorhanden sein, um schon in der Planung die richtigen Weichen zu stellen und festzulegen, mit welchem Putz man die Arbeiten ausführen lässt.

Der Aufbau

Die alte Putzerregel „von hart nach weich“ hat auch heute noch Bestand – aber leider lässt sie sich nicht immer so leicht umsetzen.

Mit dieser Regel möchte man ausdrücken, dass die Festigkeit eines Putzes vom Mauerwerksbildner zur Oberfläche hin immer weicher werden soll, um Risse durch zu hohe Abbindespannungen zu vermeiden, die durch hoch bindemittelhaltige Zusammensetzungen bei hydraulischen Putzen entstehen können. Nachdem der Wunsch nach wärmedämmen­den Mauerwerken diese immer leichter und weicher werden ließ, mussten auch die Unter- und Oberputze dem gerecht werden.

Aus diesem Grund werden auf Leichtmauerwerk heute entsprechende Leichtputze eingesetzt. Das Entscheidende ist hier nicht das Gewicht, sondern die oben beschriebene geringere Festigkeit.

Übliche Außenputze sind in die Festigkeitsklasse CS II, (1,5 – 5 N/mm²) eingeordnet und damit eine sichere Basis für z. B. Oberputze oder Dämmplatten. Da es hier üb­li­­cherweise keine Einschränkungen gibt, vergisst man mitunter als Planer, dass es auch Beschichtungen gibt, die höhere Ansprüche an den Untergrund stellen. Manche Abdichtungen verlangen z. B. Haftzugfestigkeiten von 1 oder 1,5 N/mm², die Leichtputze bei weitem nicht erreichen (Richtwert ca.
 0,08 bis 0,4 N/mm²). Auch Armierungsspachtelungen, die nachträglich auf den Unterputz aufgebracht werden, können dies oftmals nicht ausgleichen, so dass eine genaue Vorplanung erforderlich ist, die z. B. Putzträger oder Vormauerungen in die Überlegungen mit einschließt.

Aber Putze werden nicht nur auf Druck oder Zug belastet. Auch das Verhalten beim Reiben kann eine besondere Putzauswahl er­for­derlich machen. Gerade übliche minerali­sche Edelputze weisen durch ihre dem Untergrund angepasste Festigkeit sehr schnell Schäden auf, wenn Passanten ständig beim Vorbeigehen mit festeren Gegenständen auf der Putz­ober­fläche herum reiben. Durch eine Zugabe von Dispersionen kann man die Abriebfestigkeit erhöhen, ohne die Eigenspannungen im Putz zu vergrößern, wie es bei härteren Putzen der Fall wäre. Noch günstiger sind organisch gebundene Oberputze zu bewerten.

Die Druckfestigkeit dieser Putze ist zwar sehr niedrig, da sie zähplastisch reagieren. Durch die starke Anhaftung werden aber Strukturkörner gut gehalten und können nicht so leicht ausbrechen. Aus diesem Grund werden solche Putze gerne dort verwendet, wo mit hohen Oberflächenbelas­tungen zu rechnen ist.

Feuchtigkeitsaufnahme

Durch die Kapillarstruktur mineralischer Bindemittel ist ein sehr guter kapillarer Feuchtetransport möglich. Je nach Erfordernis kann man diese aber durch Zugabe wasserabweisender Mittel reduzieren. Die kapillare Wasseraufnahme wird nach DIN EN 998-1 in drei Klassen – W0, W1 und W2 – aufgeteilt, wobei sich W1 am besten mit dem früher üblichen „wasserhemmend“ und W2 mit „wasserabweisend“ vergleichen lässt. Wird ein saugender Putz gewünscht, dem keine wasserabweisen­den Mittel zugegeben werden sollen, hat sich in der Ausschreibungspraxis und auch bei den Putzherstellern die Angabe W0 etabliert, wobei sich dahinter allerdings nur ein „nicht festgelegt“ verbirgt. Möchte man als Planer ganz sicher gehen, sollte z. B. der Hinweis „ohne wasserabweisende Zusätze“ in der Leistungsbeschreibung angegeben werden. Bei organisch gebundenen Putzen nach DIN EN 15824 wird die Wasserabweisung als geringste Stufe mit W1, gefolgt von W2 und W3 angegeben. Vorsicht ist geboten, wenn mineralische Putze mit den Ergebnissen angegeben werden, die nach der Methode der organischen Putze bestimmt wurden, da dann die Eigenschaften an der Fassade u. U. nicht den Anforderungen genügen.

Trotz Wasserabweisung gibt es deutliche Unterschiede, wenn mineralische oder organische Putze beregnet werden. Mineralische Putze zeigen relativ schnell eine deutliche Dunkelfärbung, die bei der Abtrocknung auch bald wieder verschwunden ist. Organische Putze nehmen Feuchtigkeit langsamer auf und geben diese auch langsamer wieder ab. Das oben beschriebene Szenario läuft damit zeitversetzt ab. Dies ist zu beachten, wenn beim Bauen im Bestand nur Teilflächen saniert werden. Unterschiedliche Putzarten können sich so unschön bei Bewitterung abzeichnen.Auch bei einer hohen Wasserabweisung müssen Putze generell – egal ob mineralisch oder organisch gebunden – vor anstehender Feuchtigkeit geschützt werden. Am notwendigsten ist dies im erdberührten Bereich, da hier kein Abtrocknen möglich ist.

Um einen Feuchteeintritt zu verhindern, sind Sockelputze zusätzlich mit z. B. einer flexiblen Dichtungsschlämme zu überziehen. Dies sollte den ganzen erdberührten Bereich bis mind. 5 cm über das Gelände betreffen, wie es in der „Richtlinie Fassadensockelputz/Außenanlage“ [1] deutlich erklärt wird. Besondere Umsicht ist am unte­ren Rand geboten, da hier auch kleine Fehlstellen zu Wasserrändern im Putz führen ­können. Deshalb sollten Sockelputze zum Untergrund hin abgeschrägt werden, um sauber abdichten zu können. Hier ist bei der Bauüberwachung besonderes Augenmerk notwendig, wenn man keine Spätfolgen riskieren möchte.

Aber auch Fensterbänke können sich immer wieder als Problem darstellen, wenn die Anschlüsse nicht passen. Bei zu kurzen Fensterbänken wird sehr oft der Putz nicht über die gesamte Auflage der Bordprofile gezogen, um die Optik des Fensters nicht zu beeinträchtigen. Da somit keine saubere Abtropfkante mehr vorhanden ist, kommt es zu Auffeuchtungen und Frostschäden. Deshalb sollte schon nach der Ausführung des Unterputzes überprüft werden, ob die Anschlüsse passen, da dann eine Verbesserung der Situation durch den Einbau passender Fensterbretter noch möglich ist, ohne bleibende optische Mängel zu erhalten.

Unterschiede gibt es darüber hinaus in der Wasserdampfdurchlässigkeit. Kunstharzputze setzen dem Wasserdampf einen deutlich höheren Widerstand entgegen, als mineralische Putze mit ihrem hohen Kapillar- und Porenraum. Um diesen Widerstand zu reduzieren, können Silikonharze zugegeben werden, die den Bindemittelfilm porosieren und so dampfdurchlässiger machen. Noch bessere Eigenschaften haben bei den pastösen Materialien Dispersionssilikatputze. Bei feuchten Untergründen sollte man deshalb Kunstharzputze meiden, da es hier zu Auffeuchtungen hinter dem Putz und – nach Frosteinwirkung – zu Ablösungen kommen kann. Möchte man z. B. im Bereich der Mauerwerksanierung mit pastösen Putzen arbeiten, sollte man möglichst nur Dispersionssilikatputze oder zumindest Silikonharzputze einsetzen. Auch beim Überputzen von Luftkalkputzen muss dies beachtet werden. Da Kunstharzputze auch Kohlendioxyd nur schwer durchströmen lässt, kommt es – da Luftkalkputze das CO2 zur Aufrechterhaltung ihrer Festigkeit benötigen – ­
zu einem Festigkeitsverlust, der den ganzen Putz zerstören kann. Bei Beton ist diese „Dichtigkeit“ dagegen vorteilhaft, weil damit der Beton langsamer carbonatisiert und die Stahlbewehrung so vor Rost geschützt wird.

Farbigkeit

Farbe ist in der Architektur ein wichtiges Gestaltungsmerkmal – egal, ob es sich um ein kleines Einfamilienhaus oder einen großen Verwaltungskomplex handelt. Dabei werden auch sehr intensive Farbtöne eingesetzt. Speziell bei diesen ist die Putzauswahl entscheidend. Mineralische Kalk- oder Kalk-Zement-­Putze sind in ihrer Farbigkeit deutlich ein-

geschränkt. Dies liegt zum einen an der Deckkraft der Bindemittel und Zuschläge, die die Pigmente in ihrer Brillanz dämpfen. Aber auch die hohe Alkalität der Bindemittel ist ein Nachteil, weil extreme Farben, die nur durch organische Pigmente erreicht werden können, bei diesen nicht beständig sind und in einen anderen Farbton umschlagen können. Zudem ist der poröse Aufbau mineralischer Putze hier ein Hindernis, da feine Pigmente nicht so gut eingebunden werden und sich durch den Niederschlag auswaschen können.

Eine bessere Ausgangslage haben Dispersions-Silikatputze, da das Bindemittel hier klar ist. Eingesetzte Pigmente scheinen hindurch und behalten ihre Leuchtkraft. Aber auch hier ist das Bindemittel alkalisch und der vorwiegend mineralische Aufbau kann ebenso wie bei den Kalk-Zement-Putzen nicht so hoch pigmentiert werden. Ähnlich ist es bei Silikonharzputzen, die zwar rein organische Bindemittel besitzen, aber ebenfalls sehr porös sind. Die besten Möglichkeiten bieten reine Kunstharzputze. Organische Bindemittel sind weder alkalisch noch ist der Bindemittelfilm porös, so dass eine hohe Farbstabilität der Putze gewährleistet ist und auch intensive Farben lange ihre Brillanz bewahren.

Hellbezugswert

Neben der Farbigkeit spielt auch der Hell­be­zugswert eine besondere Rolle. So lange man helle Farben einsetzt, wird über die Reflektion des Lichts und der Wärmestrahlung einer übermäßigen Aufheizung entgegen gewirkt. Heute besteht aber der Wunsch nach immer dunkleren Farben, die die Putzoberflächen stärker aufheizen. Früher war dies kein so großes Problem, da das gut wärmeleitende Mauerwerk die Temperatur an der Oberfläche in das Innere ableiten konnte. Beim Abkühlen wirkte das Mauerwerk wie ein Wärmespeicher, so dass sich sehr gemäßigte Temperaturverläufe ergaben. Da das Mauerwerk aber heute gut Wärme dämmt oder gar mit einer Wärmedämmung versehen ist, heizt sich die Putzoberfläche deutlich stärker und schneller auf, bei Abkühlung entsprechend umgekehrt. Dabei treten Längenänderungen auf, die den Putz unter Spannung setzen. Sind diese zu hoch, kommt es zu Rissbildungen oder Ablösungen. Um dem entgegen zu wirken, sind die Hellbezugswerte eingeschränkt. Der Wert von 20 – dabei bedeutet 100 den Wert für Weiß, 0 für Schwarz – sollte nicht unterschritten werden. Leider reicht dies aber nicht aus, um die Wünsche der Bauherren, die oftmals bei Werten von 10 oder niedriger liegen, zu befriedigen.

Armierungsspachtelungen und Oberputze können hier auf Dauer Schaden nehmen. Auf­grund ihrer hohen Flexibilität sind hierfür organische Putze besser geeignet. Aber auch diese kennen Grenzen. Durch den Einsatz so genannter Cool-Pigmente lässt sich das Risiko vermindern. Diese Pigmente können Wärmestrahlung besser reflektieren, so dass sich die Fassade nicht so aufheizt. Maßgeblich hinsichtlich der Einstufung ist der TSR-Wert (gesamte solare Reflexion; engl. „Total Solar Reflectance“). Dieser hängt aber nicht von der sichtbaren Helligkeit, sondern von den direkten Material- und Komponenteneigenschaften des Putzes ab. Aus diesem Grund kann der gleiche Farbton des einen Herstellers deshalb einen ganz anderen TSR-Wert als der eines anderen haben. Bei der Materialbestellung ist deshalb vorab mit dem Lie-feranten zu klären, ob der Putz in der gewünschten Farbe hergestellt werden kann und ob dieser auf dem vorhandenen Untergrund auch möglich ist. Manchmal sind hierzu bestimmte Kenndaten einzuhalten, wie z. B. eine Mindestdicke der Armierungsschicht oder die Verwendung speziell dafür ausgelegter Materialien.

Funktionsputze

Neben den üblichen Materialeigenschaften gibt es aber noch eine ganze Anzahl von be­sonderen Eigenschaften, die Putze haben können. Der Einsatz auf versalzenen Untergründen, die Schalldämpfung oder die Schad­stoffreduzierung sind nur einige Punkte davon. Um dem Planer und dem Handwerker eine Übersicht darüber zu liefern, hat sich eine Arbeitsgruppe des WTA (Wissenschaftlich-Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege e.V.) mit diesem Thema beschäftigt. Das Ergebnis dieser Arbeit wird im November 2016 bei den Hanseatischen Sanierungstagen des BuFAS durch den Leiter des Arbeitskreises, Herrn Dr. Zier, der Öffentlichkeit vor- und zur Diskussion gestellt. Mit diesem Merkblatt sollen die Möglichkeiten aufgezeigt werden, welche Anforderungen speziell konzipierte Putze auf Baustellen erfüllen können.

Fazit

Dem Planer wird heute eine Vielzahl an Putzmaterialien angeboten. Trotz dieses Angebots muss man bei der Auswahl sehr genau darauf achten, ob auch wirklich alle Wünsche abgedeckt werden können, die für ein Objekt gewollt oder notwendig sind. Manchmal ist es einfach nicht möglich, jeden Aspekt umzusetzen. Ein feuerwehrroter Kalkputz oder ein hoch wasserdampfdurchlässiger Kunstharzputz sind so nicht herzustellen. Deshalb muss schon bei den Besprechungen mit den Bauherrn klar gestellt werden, welchen Anforderungen man den Vorzug gibt: der Wasserdampfdurchlässigkeit und ökologischen Ausrichtung oder doch lieber der intensiven Farbe und der hohen Widerstandsfähigkeit.

Um diese Diskussion im Vorfeld führen zu können, muss sich der Planer intensiv mit der Thematik Putz auseinandersetzen. Nur so weiß er, wo es Abstimmungspotential gibt und wo vielleicht erst durch Sondermaßnahmen eine Umsetzung möglich ist.

Literatur
[1] Richtlinie Fassadensockelputz / Außenanlage, Ausgabe 2013, Fachverband der Stuckateure für Ausbau und Fassade Baden-Württemberg und Verband Garten-, Landschafts- und Sport- platzbau Baden-Württemberg e. V.

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