Gestalterische Nachhaltigkeit

Ernst-Reuter-Platz 6, Berlin

Abriss oder Kernsanierung – diese Frage stellt sich aktuell bei vielen Bauten der Nachkriegsmoderne. Tchoban Voss zeigen in Berlin, wie der Bestand selbst bei drastisch veränderten Nutzungsanforderungen erhalten werden kann, wenn man die Qualitäten des Bestands ernst nimmt und in das Modernisierungskonzept einbezieht – ­gerade auch die ­ästhetischen.

Das Rad neu zu erfinden führt meist zu Unwuchten im System. Denn das Rad ist nun mal eine runde Sache und das ist auch der Verkehrskreisel Ernst-Reuter-Platz in Berlin Charlottenburg: Durchkreuzt von der B2, der längsten und zugleich einer der ältesten Bundesstraßen der Republik, verteilt er den Verkehr in die umliegenden Quartiere: Richtung Zoo, mit den umliegenden Einkaufsstraßen und altehrwürdigen Wohnquar­tieren, in Richtung der Technischen Universität mit den zu­ge­hörigen Lehr- und Forschungseinrichtungen, in Richtung des angrenzenden Moabits, mit seinen Produktions- und Industrieflächen, die sich seit Jahren in Transformation befinden. Und mit dem Tiergarten ist eines der wichtigsten Naherholungsgebiete des Zentrums angebunden. Eine weitere Abzweigung erschließt das Schloss Charlottenburg mit seinem Park, benachbarten Museen und weiteren touristischen Angeboten. Die Hauptachse aber führt vom Stern an der Siegessäule – dem Verlauf der B2 folgend – mitten durch das Herz Charlottenburgs.

Bismarckstraße heißt die Bundesstraße auf diesem Abschnitt. Und an ihrem östlichen Ende, dort, wo sie in den Ernst-Reuter-Platz übergeht, markiert ein Portal aus zwei Stadtbausteinen den Beginn der Magistrale: Nördlich wächst das Telefunken-Hochhaus von 1960 stattliche 80 m empor. Hier residieren ­einige Fachbereiche der Technischen Universität sowie verschiedene Innovationslabore. Auf dem südlichen Abschnitt hingegen, am Ernst-Reuter-Platz 6, stapeln sich seit 1974 ­Büroräume in großvolumigen Kuben in die Höhe. Mit lediglich 47 m wirkt er zwar nicht ganz so imposant wie sein berühmter Nachbar – allerdings verleiht das geschickte Spiel mit Vor- und Rücksprüngen dem Bau, mit dem der Architekt Bernhard Binder die Fassade einst inszenierte, eine zeitlose Präsenz im Stadtbild, die auch heute noch funktioniert.

Nachbarschaft zum Baudenkmal

„Als wir das Objekt zum ersten Mal in Augenschein nahmen, erschloss sich dessen Qualität jedoch nicht sogleich“, erinnert sich der Projektarchitekt Philipp Bauer vom Büro Tchoban Voss, das in einem geladenen Wettbewerb die Revitalisierung des Gebäudes gewann. Nachdem mit der Telekom der letzte Mieter die nicht mehr zeitgemäßen Räumlichkeiten bereits Jahre zuvor verlassen hatte, stand der Riese lange Zeit leer – sogar sein Abriss war eigentlich schon beschlossene Sache. Doch dann gestattete der Senat dem Investor nicht, höher als bis zur Traufe des Telefunken-Hochhauses zu bauen. Denn: Wenngleich die Nummer 6 nicht selbst unter Denkmalschutz steht, gilt dieser dennoch für das gesamte Ensemble am Ernst-Reuter-Platz. Eine kniffelige Lage, die je nach Auslegung des Amts alles und sehr wenig bedeuten kann. Oder eben: Abriss ja, aber bitte kein Konkurrenzneubau zum denkmalgeschützten Platzhirsch.

„Theoretisch wäre also auch ein kompletter Neubau infrage gekommen“, erläutert Philpp Bauer. „Hinter dem Schmutz, der Patina und den blinden Fenstern erkannten wir jedoch eine klare gestalterische Linie, die uns äußerst erhaltenswert schien.“ Entsprechend sah der Entwurf des Büros vor, äußerlich möglichst nah an der Gestaltung des Originals zu bleiben – eine Art selbstauferlegter Denkmalschutz, der den Investoren sowohl inhaltlich als auch konzeptionell überzeugte. „Mit einem Neubau wäre ja nicht nur eine Fassade aus dem Stadtbild verschwunden, die den Ort über Jahrzehnte geprägt hat. Auch die Stadt an sich, ihre Wandlungen und Entwicklungen wäre hier dann nicht mehr lesbar gewesen. Was anderes aber sind Gebäude als Zeitzeugen vergangener Epochen?“

Einen kulturellen und gesellschaftlichen Mehrwert kann die Erhaltung historischer Fassaden jedoch nur entfalten, wenn sie auch ökonomisch überzeugt. Das gilt insbesondere dann, wenn es sich um Nutzgebäude wie einen Bürostandort handelt. Und auch auf dieser Ebene sprach viel für den weitgehenden Erhalt der ursprünglichen Gestalt mit modernisiertem Innenleben. „Die gesamte Energie, die für die Errichtung der Stahlkonstruktion einmal aufgewendet wurde, wäre mit einem Abriss ja verloren gewesen“, sagt Philipp Bauer. Da sie sich aber relativ leicht entkernen und den heutigen Bedürfnissen anpassen ließ, bestand dazu überhaupt keine Notwendigkeit. Ohnehin habe der Bau genügend Platz für zeitgemäße Installationen geboten. „Das Bürogebäude ist seinerzeit nach amerikanischem Standard gebaut worden – mit Innenklimatisierung und entsprechenden Lüftungskanälen, die ausreichend Platz für die Integration neuer Haustechnik boten. Selbst Brüs-tungskanäle waren bereits vorhanden.“ Das war ein erheblicher Vorteil, da allein die Schlitzplanung bei der Sanierung eines herkömmlichen Betonskelettbaus weitaus komplexer und teurer geworden wäre.

Außenliegende Befahranlage

Umso intensiver konnten sich Tchoban Voss der Neuentwicklung der Fassade widmen. Denn auch hier gab es einiges zu tun, wollte man der ursprünglichen Gestaltung möglichst nahe kommen, ohne die wirtschaftlichen und gestalterischen Ziele zu verfehlen. „Vor allem der bauphysikalisch gewagte Isothermenverlauf hat uns dazu gezwungen, einige Änderungen am Fassadenkonzept vorzunehmen“, erläutert Bauer. Ohne thermische Entkopplung zwischen Isolierglas und Aluprofilen wäre das Kondenswasser im Winter vermutlich in Strömen geflossen. „Dazu muss man wissen, dass die Fassade nicht in Systembauweise erstellt wurde. In den alten Plänen kann man sehen, dass der Architekt jede Schraube von Hand eingezeichnet hat.“ Zu den gewagteren Entscheidungen gehörte auch, dass das Gebäude vollständig klimatisiert war. Die individuelle Belüftung der Parzellen fiel wohl der außen angebrachten Befahranlage zum Opfer, welche die Reinigung und Wartung der Fenster erleichtern sollte. „Hierfür waren an der Fassade Führungsschienen angebracht. Wenn man die alten Fotos genau anschaut, erkennt man, dass die Profile deshalb ein wenig erhaben sind, damit die Fahrkörbe sich entlang der Fassade bewegen können.“

Ein solches System sei heute jedoch kaum noch wirtschaftlich umsetzbar – und von den Nutzern auch wohl kaum gewünscht. Anstatt auf Vollklimatisierung setzten Tchoban Voss daher auf individuelle Lüftbarkeit sowie Vortemperierung in Kombination mit modernen, hochdämmenden Solarschutzgläsern. Denn einen außenliegenden Sonnenschutz wollten sie der eleganten Kubatur des Gebäudes nicht zumuten. Im Gegenteil: Mit der neuen Pfosten-Riegel-Konstruktion aus Alu, Isolierglas und Mineralwolle verschwanden nicht nur die Führungsschienen, sondern auch die leicht auskragenden Eckgestaltungen, welche die schlanke Silhouette des Gebäudes maskierten. „Wir wollten den skulpturalen Gegenentwurf zum benachbarten, hochaufragenden Telefunken Gebäude möglichst sauber herausarbeiten“, sagt Philipp Bauer. Daher bekam auch der Anschluss zum Nachbargebäude ein neues Gesicht: Statt für die Fortsetzung der Regelfassade entschieden sich die Architekten hier für eine Ganzglaskonstruktion, welche die beiden Baukörper optisch von einander trennt. „So spielt sich das Gebäude frei und nimmt heute noch selbstbewusster seine Rolle im Ensemble ein.“

Formale Nachhaltigkeit am Bau

Farblich ist das frische Weiß der Aluprofile geblieben. Das leicht orangestichige Hardcoating der alten Fenster ließ sich jedoch nicht wieder herstellen. Statt protzig verspiegelter Sonnenbrille trägt das Bürogebäude heute daher einen dezenten Sonnenschutz mit grün-bläulicher Tönung, der wesentlich moderner wirkt. Als Reminiszenz an die Fahrschienen sind allerdings die Profile auch heute wieder ein wenig gegenüber den Fensterflächen erhaben. Und auch die Konstruktion ist weiterhin an der Fassade ablesbar: In der aufgehenden Fassade ist auf jedem achten Fassadenraster eine Stütze als Blindfeld ablesbar. In den auskragenden Fassadenbereichen wird diese Position durch ein Fensterfeld eingenommen, da die Stützen hier im Gebäudeinneren liegen. Auch das ist – zumindest für architekturhistorisch interessierte Passanten – ein Gestaltungsmerkmal der Nachkriegsmoderne, die der Stadt nun erhalten bleibt. „Das ist eine formale Nachhaltigkeit, die mit der energetischen Hand in Hand geht. Auf diese Weise ertüchtigen wir nicht nur den Bestand, sondern erhalten seine Ästhetik in weiten Teilen auch für kommende Generationen“, sagt Philipp Bauer. Das Rad neu erfinden muss man eben gar nicht, wenn man es einfach neu bereifen und so wieder auf die Überholspur bringen kann. JA

Bei dem Umgang mit einem Gebäude im Bestand sehen wir hier ein hervorragendes Beispiel für eine Modernisierung des Gebäudekleides unter möglichst getreuer Beibehaltung der äußeren Gestalt. Die Herausforderung besteht darin, die Fassade den neuen technischen und ökologischen Anforderungen anzupassen und dabei das Wesentliche im Ausdruck mit Respekt in die neue Zeit zu überführen.«

DBZ HeftpartnerInnen Schellhorn & Heese, Michendorf

Baudaten

Objekt: Ernst-Reuter-Platz 6, Berlin

Bauherr: 3B-Berliner Baubetreuungsgesellschaft GmbH, Berlin, www.3b-bau.de

Architekt: Sergei Tchoban, Tchoban Voss Architektur, Berlin, www.tchobanvoss.de

Assoziierter Partner: Philipp Bauer
Projektleiter: Philipp Bauer, Kenan Ozan
Mitarbeiter: Kenan Ozan, Birgit Köder, Katharina Stranz, Hanna Bulavana, Azzurra Pippia,

Dorota Baraniecka, Valeria Kashirina, René Hoch

Generalunternehmer: hagenauer GmbH, Immenstadt, www.hagenauer.de

Fachplaner

Generalplanung: das projekt Generalplanung GmbH, Berlin, www.das-projekt-berlin.de
Projektsteuerung: das projekt Projektmanagement, Consulting & Service GmbH, Berlin
Statik: Weiske und Partner GmbH, Beratende Ingenieure VBI, Berlin, www.weiske-partner.de

Haustechnik: DELTA-i Ingenieurgesellschaft mbH, Berlin, www.delta-i.de
Fassade: Metallbau Windeck GmbH, Kloster Lehnin Ortsteil Rietz, www.metallbau-windeck.de

Schadstoffsanierung: SVB Sachverständigenbüro DR. Sedat, Berlin; SSR Schadstoffsanierung Rostock GmbH, Berlin, www.ssr-gmbh.com
Landschaftsplaner: Kretschmer Tauscher Landschaftsarchitekten Partnergesellschaft mbB, Berlin, www.kreta-berlin.de

Brandschutz: Krebs + Kiefer Ingenieure GmbH, Berlin, www.kuk.de—

Projektdaten

BGF: 31 140 m²
Fertigstellung: 2021

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