Endlich: ein Leserbrief an die Deutsche BauZeitschrift

Seit langem schon schreiben wir – also eher ich – in der DBZ über die städtebaulichen Entwicklungen auch in Potsdam. Und ja, der Blick ist ein kritischer und sicherlich auch kein objektiver (falls es den in städtebaulichen Fragen überhaupt gibt). Und weil man das, was sich in Potsdam wie in vielen anderen deutschen Städten entwickelt, als mutlosen Retrokitsch bezeichnet, setzt man sich der Schelte derjenigen aus, die hier angesprochen werden. So hat nun die „Bürgerinitiative Mitteschön“, getragen vom „Förderverein Wiedergewinnung der Potsdamer Mitte e.V.“, einen LeserInnenbrief verfasst mit der Bitte, diesen „als journalistisch ausgewogene Ges­te“ abzudrucken, „zumal in den letzten Ausgaben immer nur die gegnerische Seite breiten Platz bekam“. Das machen wir gerne.

Per Email schreibt Barbara Kuster, Sprecherin der „Bürgerinitiative Mitteschön“: „Manche Dinge kann man hinnehmen und damit seine Position kritisch hinterfragen. Bei manchen Dingen muss man wohl oder übel etwas sagen und richtigstellen. Der Artikel „Lernort Garnisonkirche Potsdam“ [DBZ 10|2020, S. 8, Be. K.] in Ihrer Zeitung fällt zum wiederholten Mal unter diese Kategorie. Er strotzt vor Zynismus, Unkenntnis und elitärer Herablassung.

Ich bin Mitglied der „Bürgerinitiative Mitteschön“ in Potsdam, dieser – wie Sie es nennen, „bevorzugten Schlafstadt“ (bitte unseren Namen richtig schreiben und uns nicht fälschlicherweise als Verein bezeichnen). Wir sind freilaufende Bürger, die sich intensiv für die Wiederbelebung der alten Mitte ihrer Stadt einsetzen und keine Sehnsucht nach der guten alten Zeit pflegen, wie Sie uns unterstellen, sondern nur die Sehnsucht nach guter Architektur haben.

In Bezug auf unseren Namen schreiben Sie süffisant in ihrem Artikel: „Was ist schon schön?“ [Was ist das schon: schön?; Be. K.] Ich gebe zu, Schönheit ist ein weiter Begriff, doch in der Architektur kann man sie sehr wohl definieren. Sie liegt im Goldenen Schnitt, in Perspektiven, Menschen, Maß und Formsprache, jedenfalls für den normal intellektuellen Durchschnittsmenschen. Das muss nicht zwingend alt sein, kann modern sein, aber gut. Doch das alles lässt heutige Architektur oftmals vermissen. Haben Sie sich denn nie gefragt, warum es in so vielen Städten Deutschlands Initiativen wie uns gibt? [...] Sie alle haben die Nase voll von seelenloser Architektur!

Ich bin Bürgerin einer Stadt, die dabei ist, ihre alte Stadtmittenstruktur wiederzuerlangen. Das wurde mehrheitlich und parlamentarisch so beschlossen. Teilweise im Krieg zerstört und zu DDR-Zeiten total abgerissen, wurde unsere Mitte mit großen, nicht gerade ästhetischen Baueinheiten überformt. Sie war zum Stadtrand degradiert worden. Gemeinsam haben wir mit der Stadt ein Konzept entwickelt, wie man dort alt und modern in eine Einheit bringen könnte – das Leitbautenkonzept. Wenn Sie dahingehend recherchieren würden, würden Sie feststellen, dass es sich hier nicht nur um eine reine Rekonstruktion der alten Stadtmitte handelt.

Was die Garnisonkirche betrifft, sie prägte 250 Jahre unser Stadtbild. Sie war eine der schönsten Barockkirchen Norddeutschlands, ein Ort deutscher und europäischer Geschichte, Glaubensort – Hofkirche und Kirche von Zivil Gemeinden, Militärkirche und ja sie wurde auch zum Schauplatz für Hitler am Tag von Potsdam. Daher wurde sie von der Bundesregierung zu Recht als ein Ort von nationaler Bedeutung eingestuft und genau darum bauen wir sie wieder auf. Sie wird Lernort sein für die Vergangenheit, aber, was mir viel wichtiger erscheint, auch einer für die Zukunft. Nazi Aufmärsche [...] habe ich hier noch nicht erlebt, außer einen gespenstisch kostümierten Fackelträger Aufmarsch linker Gruppierungen, die sehr aktiv und medienwirksam sich diese Kirche zum Angriffspunkt erkoren haben und deren Argumente Sie in ihrer Zeitung freudig aufnehmen. Die große Resonanz bei der Einweihung unseres neuen Landtages in der Hülle des alten Stadtschlosses zeigte aber eindrücklich, wie sehr sich die Bürger nach solchen identitätsstiftenden „schönen“ Bauten sehnen. Menschen brauchen Identität mit ihrer Stadt, die sich in großem Maße in ihren Gebäuden ausdrückt. Daher gibt es heutzutage die Kategorie der Erinnerungsbauten, zu der auch unsere Kirche zählt. Bauten, die verschwunden sind, aber unablöslich zum Stadtbild gehören. [...]

Und noch ein für mich wichtiger Aspekt: Über sie wird man in einem hoffentlich zukünftig vereinten Europa, wenn Grenzen fallen werden, Identifikation und Heimat definieren.

Mitteschön schaut nicht zurück, wie Sie vermeinen. Nein, wir schauen weiter als Sie denken!“

www.mitteschoen.de

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