Elementale Baumarktgeschichte

Er habe noch nie so viel über Architektur gelernt, wie in den Monaten der Vorbereitung auf die von ihm kuratierte 14. Architekurbiennale in Venedig. Und weiter in einem Interview mit den Journalisten, für deren Arbeitgeber er die vielleicht einmal „the Valley“ genannte Erweiterung des Axel-Springer-Hauses in Berlin plant: „Eine Tür war für mich früher einfach eine Tür. Jetzt ist sie viel mehr. Ich wünschte, ich hätte diese Recherchen schon vor Jahren gemacht.“ Nicht schlecht für einen Mann, der zum Ende der Architekturbiennale seinen Siebzigsten feiern kann. „Fundamentals“ nennt er das in diesem Jahr so homogen wie selten erstellte Ausstellungskonzept, darin enthalten „Elements of Architecture“, eine Ausstellung im zentralen Pavillon, die die Ergebnisse der monatelangen Forschungsanstrengungen präsentiert.

Dabei ging es in der Suche nach den Konstituenten der Elements aber weniger um einen beispielsweise heuristischen Zugang zu den Dingen. Es ging vielmehr darum, massenhaft und also möglichst umfangreich Informationen zu sammeln, zu filten und zu sortieren. Damit beispielsweise eine Tür viel mehr wird, als sie bisher war. Und ebenso der Kaminplatz. Die Decke. Die Wand. Der Boden. Der Fahrstuhl. Die Fahrtreppe. Die Treppe. Der Balkon. Der Flur. Die Toilette. Die Fassade etc. Das Fundament, das Ornament, die TGA, Klimatisierung, Dämmung (Wand?), der Fernseher oder die Alarmanlage mussten (erstmal) draußen bleiben. Der Blick auf das Elementare in der Architektur sollte, so war jedenfalls das Versprechen Rem Koolhaas’, den Blick der wichtigsten Architekturschau auf die Architektur lenken und nicht, so jedenfalls wurde es in der Vergangenheit meist praktiziert, auf den Architekten. Dass der Niederländer in dieser letzt genannten Architekten-Show immer mit dabei war entspringt am ehesten noch dem System Architekturbiennale, das ja möglichst viele Besucher anlocken muss, um profitabel zu sein.

Die Suche nach dem Elementaren ist selbstverständlich

Die Suche nach der Essenz von komplexen Dingen entspringt einer Grundhaltung des Menschen: Wissen wollen, was dahinter steckt. Um es zu verstehen einerseits, und andererseits, um es zu verändern (meist zu verbessern aus einem allerdings zeitgebundenen Verständnis vom Besseren heraus).

Die Suche nach den elementaren Dingen findet in allen Wissenschaften statt, aber auch in der Poesie, der Tonkomposition und ganz gewiss auch in der Architektur. Gerade bei Letzterer, die in gewisser Weise paradigmatisch für das Komponierte steht, haben die (theoretischen oder zumindest ordnenden) Versuche einer Vereinzelung des Ganzen eine längere Tradition. Die beginnt nicht mit den zehn Büchern des Vitruvius, aber dieses Werk ist sicherlich das mit dem größten Einfluss auf die abendländische Baukultur.

Vitruv folgten viele weitere Sammler und Theoretiker und man kann durchaus sagen, dass die Franzosen D‘Alembert und Diderot dieser Segmentierung der Welt mit ihrer „Encyclopédie“, ihrem „Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers“ eine Krone aufsetzten und zu emblematischen Führern einer Aufklärung wurden.

Die Differenzierung eines Ganzen in seine (wesentlichen?) Bestandteile geht dabei einmal ganz pragmatischen Zielen nach und findet mehr und mehr Halt in CAD-Programmen, die das Bauen erleichtern und immer ökonomischer machen sollen. Andererseits verfolgt die Aufsplitterung des Ganzen in seine wesentlichen Bestandteile die gründliche Erforschung des Wesentlichen in der Architektur: Funktionalität, Schönheit, Dauer, Ökonomie, Angemessenheit, Verortung etc. Klingt hier das Philosophische eines wie auch immer gearteten Diskurses auf, scheint im Pragmatismus einer arbeitsteiligen Differenzierung die Ökonomie die Oberhand zu haben.

Mit Christopher Alexanders zu Unrecht in Vergessenheit geratener A Pattern Language wurde in den Siebziger Jahren erstmal der Versuch unternommen, beide Forschungsstränge zusammen zu binden. Also das ökonomische Denken mit dem heuristischen. Im Gegensatz zu Koolhaas nüchterner Recherche ist die von Alexander allerdings eine Erzählung, die sich auf Geschichten, Ereignisse und konkret auf (zumeist) bekannte Bauwerke bezieht.

Elements of Architecture, das Konzept

„Nur unter einem Mikroskop können wir mit Blick auf die Elemente der Architektur erkennen, welche kulturellen Vorlieben, welche ver-schüttete Symbolik, welche technologischen Entwicklungen, welche Veränderungen in der globalen Kommunikation, welche klimatisch bedingten Anpassungen, welches politische Kalkül, welche Vorschriften, welche digitalen Hegemonien und, irgendwo dazwischen, welche Architektenideen das Bauen bis heute veränderten, beeinflussten.“ Das steht draußen auf der Wand des zentralen Pavillons, und am Ende des Intros kommt noch die Festellung, dass wir gerade erst dabei sind, im Ansatz zu verstehen, wie die Elemente der Architektur die Architektur selbst bestimmen.

Im Nartex des Pavillons wird das Präsentationskonzept noch einmal erläutert, dann geht es hinein in den immer irgendwie labyrinthisch seienden größten Pavillon im Ausstellungsgarten. Jeweils einem Element ist ein Raum zugeordnet, mal ist dieser dunkel und mit Licht- und anderer Medienkunst gefüllt, meist jedoch taghell und bis auf den von Stephan Trüby und der TU München konzipierten „Korridorraum“ unverbaut. Texte auf Wänden und Monitoren erläutern die jeweilig untersuchten Elemente, 1:1 Modelle von Fassadentypen und Wandaufbauten, Decken- und Fußbodenvarianten, und überall liegen die monothematisch konzipierten, allerdings als eine große Publikation verstanden Teilbände zu den jeweiligen Elementen aus (s. auch die Rezension unter Bücher, hier auf S. 20).

Baumarktgeschichte

Von Raum zu Raum gehend stellt sich bald das Gefühl ein, man sei in einem Baumarkt gelandet, der mit in den Zentralgang ragenden Schildern auf die Elements des Bauens hinweist. Nur dass die in Venedig die baumarkttypische Standardisierung im immer zu teuren Mittelmaß weit hinter sich lassen. Dennoch wird das Flanieren durch den Markt (in Venedig ohne den riesigen Einkaufswagen) bei Koolhaas insofern zitiert, als der Blick auf das Elementare des Bauens nicht an fertigen Modellen hängen bleibt, an Fotos vom realisierten Projekt, sondern an Teilen eines möglichen Ganzen, das sich der Flaneur hier in Venedig in seinen ganz persönlichen Einkaufswagen legen kann: das Holzfenster zur Lehmwand, den Edelstahldrücker matt gebürstet zur bedruckten Glasfassade, die schmale wie steile Stiege zum farbigen Porzellanklosett. Dass der Ausstellungsmacher die Dinge aber inszeniert, also wirkungsvoll in Szene setzt, nimmt lediglich das auf, was die Baumärkte ohnehin zunehmend machen: Bauteile nicht mehr isoliert vom Ganzen zu präsentieren, sondern bereits im verbauten Zustand. Damit man es sich besser vorstellen kann.

So funktioniert die Ausstellung der Elemente und des hier auch unterstellten Elementaren der Architektur nicht in der Weise, wie sie am Eingang zur Ausstellung theoretisch angekündigt wird. Den Blick durch
das Vergrößerungsgerät haben die Ausstellungsmacher schon vorab für uns getan. Wir könnten nun, angesichts des beinahe durchgängig anonymisierten Materials selbst Forschungen betreiben. Angesichts der Fensterrahmenformen, angesichts der Funktion von (historisch berühmten) Balkonen, angesichts der Decken- und Fußbodenschnitte, angesichts der Treppen mit unterschiedlichen Steigungen etc. etc. Aber was werden wir mehr sehen, als wir das in den Abteilungen eines gut sortierten Baumarktes sehen? Das Alte, das Historische. Eine Zeitspanne Entwicklung. Nach vorne oder zurück das ist egal, Koolhaas will nicht moralisieren, sein Anspruch ist ein wissenschaftlich neutraler.

Wie textete noch eine Baumarktkette: „Werde unsterblich. Bau eine Treppe!“ Oder eine Decke, einen Fußboden, Wände … Wer sich mit den elementaren Dingen des Bauens jenseits von philosophischen Diskursen befasst, findet in der Ausstellung Elements of Architecture dazu genau die Anregungen, die Koolhaas vordergründig zeigt aber natürlich viel hintergründiger meint. Das allerdings entzieht sich dem Zugriff des reinen, heuristischen Betrachtens. Be. K.

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