Eine runde Sache Abwasserzweckverband (AZV) Erdinger Moos, Eitting

Kostengünstige Erstellung in einem hocheffizienten energetischen Standard versprach schon der Entwurf der Architekturwerkstatt Vallentin für den Verwaltungsneubau des AZV. Mit einer beispielhaften Solarfassade erreichen die Architekten sogar den neuen Standard Passivhaus Plus.

Der Abwasserzweckverband Erdinger Moos betreibt eine öffentliche Einrichtung zur Abwasserbeseitigung für die Kreisstadt Erding sowie die umliegenden Gemeinden und das Kanalnetz des Flughafens München. Nach dem Bau der neuen Kläranlage war der Umzug der Geschäftsstelle zum Betriebsgelände geplant. Durch den Standortwechsel sollte die Verzahnung von Verwaltung und Technik erreicht und Arbeitsabläufe effizienter gestaltet werden. Für das neue Verwaltungsgebäude wurde ein Planerwettbewerb ausgelobt und sechs Büros aus der Region eingeladen. Den Wettbewerb konnte die Architekturwerkstatt Vallentin für sich entscheiden. Im Planungs- und Bauprozess traten die Architekten als Generalplaner auf, die sich auf ein Team von erfahrenen Ingenieuren verlassen konnten, mit denen sie bereits in vielen Projekten gut zusammengearbeitet haben. Das Energiekonzept stammt direkt aus der Feder der Architekten und war schon im Wettbewerb Bestandteil der Planung.

Mit seinem Entwurf setzte Gernot Vallentin einen markanten Solitär in die bis auf die technischen Abwassereinrichtungen völlig unbebaute Landschaft am Isarkanal.
„Wir wollten den Mitarbeitern etwas bieten, wo sie sich gerne aufhalten“, erläutert Vallentin seine Entwurfsidee. So ist die neue Geschäftsstelle des AZV trotz aller Kompaktheit ein Haus zum Wohlfühlen, rund nach außen und rund nach innen. In dem zweigeschossigen Atriumbau gruppieren sich die Einzelbüros um ein gemeinsames Zentrum, das den Mitarbeitern als Treffpunkt und Kommunikations-zone dient. Ein umlaufendes Oberlichtband in der Dachlaterne und Bürotüren mit seitlich angeordneten Glasfenstern sorgen für viel Tageslicht und die Möglichkeit zur Querlüftung. Ganz nebenbei entsteht dabei die gewünschte Transparenz − auch im übertragenen Sinne. Eine große Pflanzinsel verschafft dem Atrium Aufenthaltsqualität.
Das Erdgeschoss nimmt sich gegenüber dem Obergeschoss auf der Ostseite zurück zugunsten eines einladend gestalteten Eingangsbereiches und öffnet sich auf der Westseite mit einer großzügigen Glasfront zum Ufer der Isar. Hier sind Konferenzraum und Cafeteria untergebracht, letztere wird mit einer Holzterrasse über einem künstlich angelegten Teich in die Landschaft hineingezogen. Ein weiteres Becken und eine blau eingefärbte Betonwand thematisieren das Thema Wasser im Eingangsbereich.

Nach außen fungiert ein umlaufender Balkon als Filter zur Landschaft. Wesentliches Gestaltungsmerkmal ist die Integration der Solarmodule in die Fassade. Der Laubengang ist abwechselnd mit Geländerelementen und semitransparenten Photovoltaikpaneelen so verkleidet, dass die Verschattung auch im Hochsommer ausreicht und die vorgehaltene Option für eine Nachrüstung mit zusätzlichem Sonnenschutz gar nicht benötigt wird. Dabei ist die schattenspendende Photovoltaik sogar noch wirkungsvoller als der auskragende Dach-überstand. Die Außenhaut des Obergeschosses ist mit Cortenstahl verkleidet, der mit seiner patinierten Oberfläche sowohl farblich als auch durch die Materialität einen gelungenen Kontrast zu der kristallinen Zellstruktur der PV-Module bildet.

Konstruktion
Die Konstruktion erfolgte kostengünstig in massiver Skelettbauweise, womit auch die benötigten Spannweiten und die erforderlichen Speichermassen gesichert waren. Im Bereich der Fensteröffnungen besteht die thermische Hülle aus hochwärmegedämmten anthrazitfarbigen Pfosten-Riegel-Elementen, die Stahlbeton-Außenwände wurden mit hinterlüfteten Aluminiumverbundplatten verkleidet. Der Innenausbau wurde in Trockenbauweise ausgeführt und erlaubt in der Zukunft Flexibiltät bei Grundrissänderungen. Sämtliche Decken und Wände wurden glatt gespachtelt und weiß gestrichen.

Die beiden Stützen im Eingangsbereich haben tragende Funktion und wurden mit PUR gedämmt und schlagfest verputzt. Über dem offenen Eingangsbereich wurde die Betondecke zur Minimierung von Wärmebrücken mit 50 mm dicken Vakuumpaneelen gedämmt, die Unterseite wurde anschließend verputzt. Damit konnte an dieser exponierten Stelle ein U-Wert von 0,13 kWh/m²K realisiert und 22 cm Gebäudehöhe eingespart werden. Für den Eingangsbereich wurde in Zusammenarbeit mit dem Hersteller eine passivhaustaugliche Schiebetür entwickelt, die hinter dem vorgeschalteten Windfang in die thermische Hülle integriert ist.

Solarfassade
Das Gebäude wird von der beispielhaft gestalteten Solarfassade sowie von einer weiteren PV-Anlage auf dem Dach mit Strom versorgt. Beide Anlagen zusammen erzeugen mehr Energie, als das Gebäude im Betrieb verbraucht. Die Erzeugung erneuerbarer Primärenergie ist im absoluten Bezug sogar mehr als doppelt so hoch wie der Bedarf. In den 26 fassadenintegrierten Solarpanels am Balkon wurden Glas-Glas-Module mit blauen, polykristallinen Solarzellen verbaut, die einzelnen Elemente mit einer Größe von 3,25 m² verfügen über eine
Leistung von je 454 Wp. Der Hersteller fertigte die Module projekt-
bezogen nach Angabe der Architekten an. Auf der Rückseite wurden die BIPV-Module mit selektivem Siebdruck veredelt und so auf den von Innen sichtbaren Modulflächen die vorderseitige Zelloptik imitiert. Eine besondere Herausforderung waren die zwei gebogenen PV-Elemente, die mit einem Radius von 3,5 m die Gebäudelinie aufnehmen – auch für den Hersteller eine Premiere.  

Ursprünglich sollte auch die Nordseite der Fassade mit PV-Elementen belegt werden, diese entfielen jedoch aus Kostengründen. Stattdessen wurden PV-Dummies mit einer vergleichbaren Optik eingebaut. Auch wenn nach Norden ausgerichtete Photovoltaik deutlich weniger Ertrag erzeugen, wäre die Belegung der Nordseite mit PV immer noch wirtschaftlicher gewesen als die jetzt geplante, aber noch nicht vollzogene Bestückung des Carportdachs vor dem Gebäude, meint dazu Gernot Vallentin. IS

Beteiligte
Architekt: ArchitekturWerkstatt Vallentin GmbH, Gernot Vallentin, 84405 Dorfen,
www.vallentin-architektur.de; Mitarbeit: Frieder Lohmann, Rena Vallentin
Bauherr: Abwasserzweckverband Erdinger Moos, 85462 Eitting, www.azv-em.de
Fachplaner/Fachingenieure
Statik: Ingenieurbüro ABB, 85435 Erding, www.ib-abb.de
Haustechnik: Ingenieurbüro Lackenbauer, 83278 Traunstein, www.lackenbauer.de
Elektrotechnik+PV: Planungsbüro Mühlbach, 85435 Erding, www.planungsbuero-muehlbach.de
Blower-Door-Test: Peter Pospischil, 84525 Neuötting, www.esb-pospischil.de
Energiekonzept
Hochwärmegedämmte Außenhülle mit Speichermassen im Passivhaus Plus-Standard, natürliche Nachtlüftung, sommerlicher Wärmeschutz durch passive Maßnahmen, regenerative Energieversorgung mit BHKW (Prozesswärme/Faulgase der Kläranlage), Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung und Lufttemperierung durch Grundwasser, Trinkwassererwärmung durch Fernwärme, Photovoltaikanlage mit 40 kWp, gebäudeintegriert bzw. auf dem Dach
Gebäudehülle:
Bodenplatte Keller: Estrich 60 cm, EPS-Dämmung 14 cm, Feuchtesperre 10 mm, Stahlbeton 30 cm, XPS-Dämmung 24 cm; Bodenplatte EG: Parkett 10 mm, Estrich 6 cm, EPS-Dämmung 16 cm, Feuchtesperre 10 mm, Stahlbeton 30 cm, XPS-Dämmung 24 cm; Außenwand Keller: Stahlbeton 25 cm, Dämmung XPS 20 cm; Außenwand EG/OG: Innenputz 15 mm, Stahlbeton 20 cm, Mineralwolle 28 cm, Hinterlüftung 30 mm, Vorhangfassade Alu-Verbundplatte; Wand unter Laterne: Gipskarton 15 mm, Stahlbeton 20 cm, PIR-Dämmung 20 cm; Dach über OG: Spachtelung 3 mm, Stahlbeton 34,5 cm, PIR-Dämmung 20 cm; Dach über Laterne: GK-Decke 15 mm, abgehängt, BSH-Träger, dazwischen Luftschicht 15 cm + Innendämmung Mineralwolle 12 cm, OSB-Platte 22 mm, PIR-Dämmung 20 cm
U-Wert Bodenplatte Keller = 0,098 W/(m²K)
U-Wert Bodenplatte EG = 0,092 W/(m²K)
U-Wert Kellerwand = 0,205 W/(m²K)
U-Wert Außenwand EG + OG = 0,148 W/(m²K)
U-Wert Dach über OG = 0,115 W/(m²K)
U-Wert Dach über Laterne = 0,082 W/(m²K)
Uf-Wert Fassaden-Elemente = 0,92 W/(m²K)
Uw-Wert Fenster = 0,86 - 0,90 W/(m²K)
Ug-Wert Verglasung = 0,66 - 0,69 W/(m²K)
Luftwechselrate n50 = 0,21/h
Jahresheizwärmebedarf = 14 kWh/m²a nach PHPP
Hersteller
Fassade: Klemmschienensystem Raico Therm+H-V, Raico Bautechnik GmbH, 87772 Pfaffenhausen, www.raico.de; Reynobond, Alcoa Architectural Products, 68500 Merxheim/FR, www.alcoa.com
Vakuumdämmung: Vacupor®, Porextherm Dämmstoffe GmbH, 87437 Kempten, www.porextherm.com
PV: Mage Sunovation Produktion GmbH, 63820 Elsenfeld, www.sunovation.de 
Fenster: Isolierglas Sanco Solar S3, Sanco Silverstar TRIII-E, Warme Kante ACSplus, Glas Trösch Beratungs-GmbH, 89079 Ulm, www.glastroesch.de
Passivhausfenster Variotec, Energieframe II, Variotec GmbH & Co. KG, 92318 Neumarkt, www.variotec.de
Schiebetür: Sapa Building Systems GmbH, 89077 Ulm/Donau, www.wicona.de

1  Dachaufbau Vordach/Balkon:
    Dachabdichtung Thermoplan T18
    Brandschutzlage Glasvlies 120 gr/m³
    Dämmung EPS oder PIR, einlagig 200 mm
    Elastomerbitumen-Dampfsperrschweißbahn
    Voranstrich
    Stahlbetondecke Balkon 200 mm
    Unterseite geputzt, gespachtelt, gestrichen
 
2  Cortenstahlfassade:
    Cortenstahl 2mm, geschraubt an
    T-Profil 80/40 mm bzw. Flachblech 40 mm,     Unterkonstruktion Rechteckrohr, 80/40 mm an     Gabelkonsole mit Langlochverbindung     Klemmprofil/Rahmen für PV-Module  
3  Bodenaufbau Balkon:
    Holzverbundwerkstoff /Gitterrost
    Abdichtungslage Thermoplan T18 auf Voranstrich und Schutzvlies
    Stahlbetonplatte mit Gefälle 170-200 mm
    Dämmung EPS, 80 mm
    Putz 15 mm

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